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Hört auf mit der Heuchelei - unsere Jugend wird systematisch gebrochen

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Am Dienstag ist die neue Sinus-Jugendstudie erschienen. Und noch werden Wetten darauf angenommen, welche der in Deutschland so zahlreichen publizierenden Alt-Revolutionäre, Unruhestands-Unternehmer und Protestnostalgiker bereits ihre Bleistifte gespitzt haben, um morgen oder übermorgen mit feurig geschriebenen Pamphleten eine genauso scheinheilige wie verlogene Debatte aufzuwärmen.

Das Geheul ist ja seit Jahren allgegenwärtig:

Was ist diese Jugend von heute doch so schrecklich angepasst.

Alles Karrieristen. Farblose Mauerblümchen. Stromlinienbürger.

Schlimm, schlimm, schlimm.

Wir belasten Jugendliche mit Konkurrenzdruck

Mal abgesehen von der Tatsache, dass es laut der Studie auch heute noch unangepasste Freigeister gibt, und dass sich „die Jugend“ heute kaum mehr identifizieren lässt: Die Debatte zeugt von einer verlogenen Jugendromantik und trifft immerzu die Falschen.

Denn uns fehlt offenbar das Bewusstsein dafür, dass die Einstellungen der in der Studie interviewten 14- bis 17-jährigen Jugendlichen nichts weiter als das Produkt dessen sind, was wir den nachwachsenden Generationen als Lebenswelt geschaffen haben. Die großen Konflikte des Erwachsenenlebens spiegeln sich in den Einstellungen der Heranwachsenden wieder. Und das sollte uns nachdenklich machen.

Es ist eine Welt, in der offenbar schon früh ein enormer Konkurrenzdruck zu spüren ist. Die Studie berichtet davon, dass sich Angehörige des prekären Milieus schon früh abgehängt fühlen. Sie wissen darum, wie wichtig Bildung für gesellschaftlichen Erfolg und finanzielle Unabhängigkeit ist. Gleichzeitig ahnen sie, dass sie niemals die Chance haben werden, erfolgreich zu sein. Ein Schlag ins Gesicht für die Bildungspolitik und eine Schande für dieses Land.

Selbst die Bürgerlichen haben Angst

Aber es sind auch kleine Details, die aufhorchen lassen: Um überhaupt dazu zu gehören, müssen Jugendliche heute über moderne Informationstechnologie verfügen. Selbst Verabredungen werden heute über Whatsapp geregelt. Was ist aber, wenn sich selbst die Eltern nur schwerlich ein Smartphone leisten können? So spüren selbst die Jüngsten heutzutage schon, wie demütigend es sein kann, am unteren Rand der Gesellschaft zu leben.

Aber es sind nicht nur die Armen und Abgehängten, die unter den Auswirkungen unserer „Haste was, biste was“-Mentalität zu leiden haben.

Die bildungsaffinen Bürgerlichen etwa kämpfen schon früh mit der Angst, dass es mit der geradlinigen Bildungskarriere nicht klappt, die heute notwendige Voraussetzung für eine abgesicherte Existenz geworden ist.

Bill Gates kichert

Die Erzählungen ihrer Eltern von verkrachten Start-Up-Gründungen in den 90er-Jahren müssen auf diese jungen Bürgerlichen wie Erzählungen aus einer wunderlichen Vorzeit wirken. Wie will man diesen Jugendlichen heute noch unternehmerischen Wagemut vermitteln, wenn ihnen von allen Seiten eingebläut wird, dass eine störungsfreie Bildungskarriere heute die Grundlage für jede Form von Erfolg ist?

Bill Gates, 60 Jahre alt, kichert derweil über sein abgebrochenes Harvard-Studium. Wie das eben Leute so machen, die im Stehen schlafen müssten, wenn sie ihr Geld unterm Kopfkissen stapeln würden.

Wir tun derzeit alles dafür, um den Willen junger Menschen, diese Welt zu verändern, schon frühzeitig zu brechen. Wir schwören sie auf unsere Wertvorstellungen, und gleichzeitig auch auf unsere Ängste ein.

Und die ergrauten Platzhirsche röhren vor sich hin

Wenn wundert es dann, dass unter diesem Druck etwas auf dem Weg ist, dass die Forscher „Neo-Konventionalismus“ nennen? „Es gibt immer weniger typisch jugendliche Abgrenzungsbemühungen gegenüber der Erwachsenenwelt.

Es geht heute den wenigsten Jugendlichen darum, der Mainstream-Kultur der Erwachsenen eine eigene 'Subkultur' entgegen zu setzen“, heißt es in der Studie. „Dem entspricht auch eine generelle Anpassungsbereitschaft der Jugendlichen und ihre selbstverständliche Akzeptanz von Leistungsnormen und Sekundärtugenden.“

Man kann das Geröhre der in Ehren ergrauten Platzhirsche schon jetzt hören: Damals, als wir noch jung waren, hatten wir es auch nicht einfach. Und trotzdem haben wir es geschafft, uns über die Wertvorstellungen der Erwachsenen hinwegzusetzen.

Wer träumt heute schon noch?

Das mag auch stimmen. Nur damals, vor 30, 40 oder 50 Jahren, wuchsen junge Menschen in einer Gesellschaft auf, die grundsätzlich optimistisch auf die Zukunft blickte. Das gilt besonders für jene, die in den 60er-Jahren erwachsen wurden.

Aber auch in den 70er- und 80er-Jahren versprach die alte Bundesrepublik ihrer jeweils nächsten Generation immer noch einen Plan B, wenn es mit den hoch fliegenden Träumen nicht geklappt hatte. Man frage mal jene Hobbyrevolutionäre von einst, die ihren Marsch durch die Institutionen in deutschen Lehrerzimmern beendet haben.

Und wenn wir mal aufmerksam in uns hinein horchen, werden wir mittlerweile in einem ehrlichen Moment feststellen müssen: Dieses Land ist nicht mehr für Träume gemacht.

Weswegen erwarten wir also von den Jugendlichen, dass sie nun statt unserer anfangen zu träumen?

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