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Niemand ahnte, was drei Jahre lang in der Wohnung einer jungen Frau passierte

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Sie ist weg. Vielleicht noch am Leben, vielleicht nicht. Und niemanden interessiert es. Jahrelang.

Dann wird die Britin Joyce Carol Vincent in ihrer Londoner Wohnung gefunden. Tot. Ihr übrig gebliebenes Skelett liegt auf dem Rücken, inmitten von eingepackten Weihnachtsgeschenken und einer Einkaufstüte. Der Fernseher läuft.

In der Küche häuft sich das schmutzige Geschirr, die meisten Lebensmittel sind seit 2003 abgelaufen.

Warum interessierte sich niemand für ihr Verschwinden?

Das geschah im Januar 2006. Zu diesem Zeitpunkt war Joyce Vincent bereits seit über zwei Jahren nicht mehr am Leben. Die Obduktion zeigte, dass sie im Dezember 2003 – damals war sie 38 Jahre alt – starb. Anhand ihrer Zähne konnte sie identifiziert werden. Die Todesursache ist bist heute nicht geklärt. Vermutet wird eine Asthma-Attacke oder ein Magengeschwür, vielleicht beides.

Nachdem Medien weltweit über den Tod Vincents berichtet hatten, über die Hintergründe aber so gut wie nichts bekannt war, begann Regisseurin Carol Morley ihre Recherche.

Sie wollte herausfinden, wer Joyce Carol Vincent war – und wie es so weit kommen konnte. Sie sprach mit ehemaligen Bekannten, Freunden, Behörden. Sie schaltete Anzeigen in Tageszeitungen, um diese Leute zu finden.

Daraus entstand 2011 der Film "Dreams of a Life", der einige offene Fragen beantwortet:



Wie konnte diese Frau so lange unentdeckt bleiben? Hat sich in einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern denn niemand gefragt, wo sie steckt? Familie, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen?

Offenbar nicht, denn sie wurde vom Gerichtsvollzieher gefunden. Der wollte sich erkundigen, warum die Miete nicht mehr überwiesen wurde. Zu spät.

Viele Bekannte, wenig Freunde

Die Geschichte von Joyce Vincent ist voller rätselhafter Lücken. Ihre Mutter starb bereits, als sie elf Jahre alt war. Von ihren vier älteren Schwestern wohnte nur eine in England, die anderen vermutlich in der Karibik. Als auch diese sie nicht mehr erreichten, vermuteten sie, Joyce wolle mit ihr nun endgültig nichts mehr zu tun haben.

Vincent zog in London mehrmals um, war nie lange an einem Ort sesshaft, hatte verschiedene Jobs. Unter anderem arbeitete sie vier Jahre in der Buchhaltung der Unternehmensberatung von Ernst & Young.

Den Job schmiss sie, zum Erstaunen ihrer Kollegen, bei denen sie beliebt war, 2001 hin. Für ihren Abschied nannte sie verschiedene Gründe: eine Auszeit, Weltreise, ein neuer Job.

Was zwischen ihrer Kündigung und ihrem Tod passierte, ist unklar. Was man weiß: Sie lebte zeitweise in einer Einrichtung für Opfer häuslicher Gewalt in London-Haringey. Eine ehemalige Freundin hat eine Vermutung: "Manche Männer waren wie besessen von ihr. Vielleicht ist etwas vorgefallen, wofür sie sich schämte und ist daraufhin in die Einrichtung ging."

Was all ihre ehemaligen Bekannte eint: Sie wissen kaum etwas über ihre Vergangenheit. Feste Freunde – Fehlanzeige.

Ein Bekannter erinnert sich, dass sie Ende der Neunziger mal mit Stevie Wonder in einem Restaurant zum Essen war. Aber wo ihre Familie lebt? "Keine Ahnung."

"Sah besser aus als Whitney Houston"

Nach dem Aufenthalt in der Einrichtung für Opfer häuslicher Gewalt zog Vincent in eine Ein-Zimmer-Wohnung. Ihre Nachbarn waren Waisen, Kranke, Drogenabhängige. Der Kontakt zu ihrer Schwester brach ab, Vincent ging nicht mehr ans Telefon. Sie lebte zunehmend isoliert.

Leute, die Vincent davor kannten, beschrieben sie als sehr aktiv, ständig auf Achse. Zudem sei sie eine begnadete Sängerin gewesen, nahm Ender der Achtziger sogar Songs in einem Studio auf. Ihr Ex-Freund sagte: "Viele verglichen sie mit Whitney Houston. Ich denke, sie sah noch besser aus."

Vincent passt nicht in das typische Profil einer Person, die einfach verschwindet und vergessen wird: Sie war nicht alt, sie war keine Einzelgängerin, keine Drogenabhängige, keine Alkoholikerin. Ihre Geschichte ist und bleibt ein Rätsel.

Auch der Film "Dreams of a Life" kann dieses Rätsel nur zum Teil lüften. Es ist mehr ein Porträt über Vincent und das London der Achtziger. Aber es ist auch ein Film über das urbane, moderne und teils intime Leben. Und es ist ein Film darüber, wie wenig man in der Anonymität der Großstadt teils voneinander weiß. Nur deshalb konnte Vincents Verschwinden so lange ein Mysterium bleiben.

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(glm, lk)

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