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Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich die Zeit mit meinem Sohn mehr genossen

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DAS LETZTE MAL
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Heute fragte mein Sohn mich, ob wir vor dem Schlafengehen noch ein wenig kuscheln können. Er sollte eigentlich schon längst schlafen und ich war müde und gereizt. Außerdem musste ich noch einen Berg Wäsche zusammenlegen, ein Memo schreiben und einen Blogeintrag fertigstellen. Ich sagte ihm, dass ich zwei Minuten mit ihm kuscheln würde.

Er kroch unter seine Decke, drehte sich hin und her bis er bequem lag und drängte mich an den Rand der Matratze. Er gab mir seine Lieblingskuscheldecke, damit ich es warm habe.

Ich legte meinen Arm um ihn und er war fest eingeschlafen noch bevor ich im Kopf alle Dinge aufzählen konnte, die ich noch erledigen musste, bevor ich in mein eigenes Bett kriechen konnte.

Dieser wundervollen Momente der Kindererziehung, wenn alles andere in den Hintergrund tritt

Ich überlegte gerade, mich heimlich davonzuschleichen, als er plötzlich seinen Arm um meinen Hals legte und etwas Unverständliches vor sich hinmurmelte. Der Arm eines schlafenden Vierjährigen ist in etwa so stark wie ein durchweichter Toast, doch ich bewegte mich nicht. Obwohl ich gerade noch gehen wollte, blieb ich liegen und zog ihn an mich.

Ich erlebte einen dieser wundervollen Momente der Kindererziehung, wenn alles andere in den Hintergrund tritt und man einfach nur für die körperliche Anwesenheit seines Kindes dankbar ist.

Ich staunte über die Hitze, die ein kleiner Junge im Schlaf ausstrahlt und mit welcher Leichtigkeit er die Welt hinter sich lässt. Ich roch an seinem Haar. Die Wäsche konnte warten.

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In der Dunkelheit seines vollgestopften Zimmers wurde mir plötzlich klar, dass es solche Tage nicht immer geben wird. Eines Nachts wird mein Sohn mich fragen, ob wir vor dem Schlafengehen noch kuscheln können und ich werde keine Ahnung haben, dass dies das letzte Mal ist.

Mir wird nicht klar sein, dass ich diesen Moment besonders schätzen oder versuchen sollte, jede Minute davon in meinem Gedächtnis zu speichern. Tage, Wochen oder sogar erst Monate später werde ich mich zu erinnern versuchen, wann wir zum letzten Mal miteinander gekuschelt haben. Es wird mir nicht mehr einfallen.

Ich weiß, dass ich mich danach sehnen werde, neben ihn in sein schmales Bett zu kriechen, seinem Atmen zuzuhören und auf den Moment zu warten, an dem er sich seinen Träumen hingibt. All der Ärger, die Probleme und mein Wunsch nach mehr Zeit für mich selbst werden verblassen im Vergleich zu der Wärme und dem Frieden, die ich spüre, wenn ich ihn ins Bett bringe.

Ich werde die Tage bereuen, an denen ich ihn so schnell wie möglich ins Bett gebracht habe und aus seinem Zimmer gegangen bin obwohl er mich gebeten hatte, noch ein wenig zu bleiben: „Nur noch eine Minute, Mama."

Dann wird es zu spät sein.

Es gibt kein erstes Mal, das ich nicht auf irgendeine Art festgehalten hätte.

Erst jetzt wird mir klar, dass ich mich über jedes „erste Mal" meines Sohnes so gefreut habe, dass ich darüber vergessen habe, was er damit hinter sich lässt.

Die ersten Male sind monumental, sie werden gefeiert und auf Film gebannt. Ich jubelte über seine ersten Schritte, schrieb seine ersten Worte auf und ich warte bereits darauf, seine ausgefallenen Milchzähne sammeln zu können.

Es gibt kein erstes Mal, das ich nicht auf irgendeine Art festgehalten hätte. Seinen „letzten Malen" dagegen habe ich weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Ich habe die Endgültigkeit, die das Erklimmen jeder neuen Stufe mit sich bringt, übersehen.

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Ich kann mich nicht an den letzten Tag erinnern, an dem die Augen von meinem Sohn blau waren, bevor sie grün wurden. Ich weiß nicht mehr, wann sein Haar zum letzten Mal lockig-weicher Babyflaum war oder wann er zum letzten Mal gekrabbelt ist oder einen richtigen Mittagsschlaf gemacht hat.

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann ich ihn zum letzten Mal um 3 Uhr morgens gefüttert habe und wir zusammen die friedliche Stille genossen haben oder wann er zum letzten Mal vor Freude gequietscht hat, weil er auf seinem Holzschaukelpferd reiten durfte.

Es wird noch hunderte letzte Male geben. Und mir wird erst dann klar werden, dass sie vorbei sind, wenn bereits keinerlei Hoffnung mehr besteht, sie jemals zurückholen zu können. Das weiß ich, weil ich mich auch nicht mehr daran erinnere, wann er zum letzten Mal einen Schnuller benutzt hat oder wann er zum letzten Mal darauf gewartet hat, dass wir ihn aus dem Bett holen, anstatt zu einer unchristlichen Zeit im Morgengrauen voller Energie und Tatendrang in unser Schlafzimmer zu trampeln, während wir noch kaum unsere Augen aufbekommen.

Ich habe vergessen, seit wann er keine Süßkartoffeln mehr mag oder wann er zuletzt gesagt hat: „Iss du meine auf!"

Natürlich gibt es auch Phasen, bei denen ich froh bin, dass sie vorbei sind.

Die Zeit in der er zahnte, in der ich ihn zwei Stunden lang füttern musste, in der er mich biss oder in der er ständig rumgetragen werden musste vermisse ich zum Beispiel überhaupt nicht.

Ich bin weder Pollyanna noch eine Masochistin. Babys sind zuckersüß! Und trotzdem bin ich froh, selbst keines mehr zu haben. Kinder großzuziehen besteht nicht nur aus liebevollem Kuscheln und schönen Erinnerungen. Elternsein kann auch eine lange, anstrengende Schinderei sein.

Doch jetzt konzentriere ich mich erst einmal auf die letzten Male, die noch vor mir liegen, auch wenn mir erst dann klar werden wird, dass diese Kapitel endgültig abgeschlossen sind, wenn sie schon lange vorbei sind. Zum letzten Mal kuscheln. Das letzte Mal, dass mein Sohn mich bittet, ihm einen Kakao zu bringen.

Das letzte Mal, dass wir zusammen mit seinen Feuerwehrautos spielen. Das letzte Mal, dass er nach einem Sturz weinend zu mir kommt, am ganzen Leib zitternd und in der kindlichen Überzeugung dass ein Kuss von mir sein aufgeschürftes Knie heilen kann. Das letzte Mal, dass er mich fragt, ob ich ihn heiraten will.

Das letzte Mal, dass er an meine Allwissenheit glaubt. Das letzte Mal, dass wir zusammen am Küchentisch malen. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass dieser Moment der Erkenntnis mich davon abhalten wird, genervt, ungeduldig, frustriert, gelangweilt oder wütend zu reagieren, wenn mein Sohn quengelt, Spaghettisoße auf dem Teppich verteilt oder einen Wutanfall bekommt, weil er nicht länger aufbleiben darf.

Aber vielleicht schaffe ich es, weniger heftig zu reagieren, wenn ich mir klar mache, wie vergänglich dies alles ist. Und dass zu jedem Moment, an dem ich bete, dass er schnell vorübergehen möge, auch etwas gehört, was ich eines Tages vermissen werde.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Spending a cozy Saturday at home. I just got done baking cookies bigger than my face.

Ein von T A Y L E R G O L D E N (@taylergolden) gepostetes Foto am

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