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Comedians von "Eure Mütter": So steht es wirklich um Humor und Satire in Deutschland

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SATIRE HUMOR
Comedians von "Eure Mütter": So steht es wirklich um Humor und Satire in Deutschland | Getty
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Seit dem Erdogan-Skandal wollen viele Menschen in Deutschland das Recht auf Satire verteidigen. Aber herrscht hier wirklich die Freiheit, die wir jetzt so vehement ausrufen?

Die Wahrheit ist: Jein. Denn im Vergleich zu anderen europäischen Ländern stoßen gerade Komiker hier schnell an Grenzen des Erlaubten. Wir haben mit dem Stuttgarter Comedy-Trio “Eure Mütter” über den Humor der Deutschen gesprochen.

Andi, Matze und Don sind für ihre gesellschaftskritischen und oft auch deftigen Witze bekannt. Und weil sie sich den Mund nicht verbieten lassen, sind sie genau die Richtigen, um über das Thema zu reden.

Hier sind 6 wichtige Erkenntnisse über Tabu und Humor in Deutschland:

1. Wir empören uns gern stellvertretend für andere

Oft sind es gar nicht die eigentlich Betroffenen, die sich über Witze aufregen. Sondern alle anderen. “Fast alle Leute, die einen Rollstuhl brauchen, können über einen Rollstuhl-Witz lachen”, sagt Andi. “Dann empören sich aber dafür garantiert andere Menschen, dass man so etwas doch nicht sagen könne.”

2. Für viele gilt das Prinzip: Erst aufregen, dann denken

“Es gibt Leute, die auf Signalworte warten, damit sie ihren Beißreflex ausüben können”, sagt Don. “Das liegt auch an der Oberflächlichkeit, die durch die sozialen Netzwerke gefördert wird. Die Nutzer müssen sich nicht mehr mit Inhalten auseinandersetzen. Stattdessen können sie schön unreflektiert den Shitstorm starten.”

Inzwischen könne wirklich jeder seinen Kommentar abgeben, sagt Don. “Das sind dann schon auch mal Menschen, die das Thema, um das es geht, gar nicht wirklich verstehen.”

3. Wir erkennen nicht den Unterschied zwischen dem, der den Witz erzählt und dem Thema an sich.

“Oft setzen die Leute beides gleich und halten den Witz für eine persönliche Meinung des Künstlers”, sagt Matze. Wie das enden kann, zeigte ein eigentlich harmloser Gag, den die Comedians kürzlich auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichten: „Oh, du bist Veganer? Wow, darüber möchte ich unbedingt weniger wissen!“

Sofort äußerten Veganer ihre Empörung in den Kommentaren. “Dabei war der Witz kein Angriff gegen sie”, sagt Andi. “Er beschreibt nur den Drang einiger Veganer, immer allen von ihrer Ernährung zu erzählen.”

4. Satire darf nicht alles

Wann geht ein Witz zu weit? “Eure Mütter” haben darauf eine Antwort, die einleuchtet. Bei manchen Dingen habe man eine Wahl. Bei manchen nicht, sagt Andi. “Wenn jemand eine Krankheit hat, hat er sich das nicht ausgesucht. Es ist also schwierig, darüber Witze machen.

Wenn jemand strenggläubiger Christ ist, dann ist das seine Wahl. Und somit können wir Witze über ihn machen. Wir können theoretisch auch sagen: ‘Alle Huffington-Post-Redakteure sind Idioten’. Weil ihr euch ausgesucht habt, dort zu arbeiten. Würden wir aber natürlich nie sagen…”

5. Im Vergleich zu Großbritannien ist Deutschland erschreckend humorlos.

“Wenn man sich anschaut, was englische Comedians im Fernsehen sagen dürfen, da sind wir in Deutschland schon verraten, verkauft und verloren”, sagt Matze. “Hier herrscht oft ein vorauseilender Gehorsam, um nicht gegen die political correctness zu verstoßen.”

Haben Engländer also mehr Humor als wir? Zumindest ein anderes Bewusstsein für Ironie. Andi erklärt: “In England kann ein Komiker Sätze sagen wie: ‘Eigentlich brauchen wir keine Zigeuner’ – und die Zuschauer verstehen, dass es nicht seine eigene Meinung ist, sondern eine Persiflage auf die Engstirnigkeit einiger Menschen. In Deutschland zerbrechen an solchen Aussagen Karrieren.”

Wie schnell den Deutschen das Lachen vergehen kann, haben “Eure Mütter” schon mal selbst erlebt. In den Titeln ihrer Comedy-Programme spielen sie gern mit Tabuwörtern wie „Scheiß“, „Sau“, „Lecken“. Damit hätten sie nie ein Problem gehabt. “Nur einmal wollte der SWR einen Titel nicht nennen: ‘Bloß nicht menstruieren jetzt!’ Das sagt viel darüber aus, was heute noch als Tabu gilt”, sagt Andi.

6. Humor kann die Welt ein bisschen besser machen

Vielleicht haben wir in der Debatte der vergangenen Wochen die positive Wirkung von Humor aus den Augen verloren. Denn er kann nicht nur provozieren. Er macht auch glücklich. Don bringt es auf den Punkt. “Wenn man einen geschmackvollen Witz über ein Thema macht, merkt man, dass niemand stirbt”, sagt er. “Die Situation löst sich vielleicht sogar in Lachen auf. Das kann helfen, Probleme zu lösen.”

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