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Liebe linke Bildungsbürger: Eure Verachtung gegenüber den "dummen" FPÖ-Wählern widert mich an

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FPOE
dpa
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Liebe linke Bildungsbürger:

Am Wochenende habt Ihr mal wieder eine dieser Chancen gehabt zu zeigen, dass akademische Bildung und emotionale Verkrüppelung bisweilen eine unheilvolle Allianz eingehen. Und einige von Euch waren sich nicht zu schade, mit voller Wucht in dieses Fettnäpfchen hinein zu trampeln.

Es war am Sonntag, etwa eine Stunde, nachdem die Wahllokale in Österreich geschlossen hatten. Da machte in den sozialen Netzwerken eine Grafik des ORF die Runde. Zu sehen waren dort die Ergebnisse der österreichischen Präsidentenwahl, aufgeschlüsselt nach Bildungsniveaus.

Demnach haben Wähler mit Matura (dem österreichischen Äquivalent des Abiturs) überdurchschnittlich häufig für den grünen Kandidaten Alexander Van der Bellen gestimmt, während Wähler ohne Matura zu 45 Prozent den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer gewählt haben.

Und sofort schwappte eine Welle selbstgefälliger und gehässiger Postings durch das Netz. Ein User kommentierte: „Vielleicht sollte es diesen Beitrag für FPÖ-Wähler in einer Audioversion geben. Wahrscheinlich fällt ihnen hören leichter als lesen und schreiben.“ An anderer Stelle waren Dinge zu lesen wie: „Dumm wählt braun“. Und das waren noch die harmloseren Einlassungen.

Liebe linke Bildungsbürger: Wahrscheinlich bin ich als Uni-Absolvent, der in vielen Dingen progressiv denkt, sogar einer von Euch. Und niemals käme ich auf die Idee, die Sache von Rechtspopulisten zu unterstützen. Und doch schäme ich mich in solchen Momenten sehr aufrichtig dafür, mit was für einer abgeschmackten Überheblichkeit einige von Euch glauben, über Menschen mit geringerem Bildungsniveau urteilen zu dürfen.

Auch in Euch stecken Ressentiments, da könnt Ihr Euch für noch so aufgeklärt halten. Und in Momenten, in denen Ihr glaubt, von Euresgleichen Applaus zu bekommen, brechen diese niederträchtigen Vorurteile aus Euch heraus. Dann verwandelt Ihr Euch in Demagogen, die gegen ganze Bevölkerungsgruppen hetzen, setzt andere Leute herab und demütigt sie, weil Ihr glaubt, dass es für eine gute Sache vonnöten ist.

"Links reden, rechts leben"

Ist es nicht eine bittere Pointe, dass sich gerade Menschen, die sich für Gleichheit einsetzen, alle Ideale vergessen, wenn es gerade mal in die politische Agenda passt?

In Wahrheit ist es doch so: Wer seine eigenen Werte für eine gute Sache verrät, der hat in Wahrheit keine Werte. „Links reden, rechts leben“ ist mittlerweile zu einem geflügelten Wort unter jenen geworden, die Euch weniger wohlgesonnen sind.

Leider haben das die Rechtspopulisten schon lange bemerkt. Und gehen genau damit auf Stimmenjagd. Sie sammeln all jene links und rechts des politischen Wegesrands auf, die sich vom politischen Establishments verraten fühlen. Und dazu gehört in den Augen jener, die sich in dieser Gesellschaft durch die wachsende Chancenungleichheit abgehängt fühlen, auch Ihr. Schon einmal darüber nachgedacht?

Ihr seid die besten Wahlhelfer der Rechtspopulisten

Ja, die FPÖ und die AfD sind extrem gefährliche Parteien. Sie drohen mit ihren Parolen alles zu zerstören, woran auch ich glaube.

Aber in dem Moment, in dem Ihr die vermeintlich „Dummen“ mit Verachtung straft, verstärkt Ihr diese Entwicklung noch. Wahrscheinlich seid Ihr die besten Wahlhelfer der Rechtspopulisten, weil Eure Gehässigkeit es erst möglich macht, dass sich die diffuse Unzufriedenheit mit den „herrschenden Verhältnissen“ zu einem geschlossenen Weltbild formiert. Ihr macht vielen Millionen Menschen in Deutschland glauben, dass es tatsächlich ein „Wir gegen die“ gibt.

Mir selbst macht das ebenfalls Sorgen: Von den Grünen, die seit jeher eine Akademikerpartei sind, hätte ich diese Blindheit vielleicht noch am ehesten erwartet. Dass aber viele Anhänger der SPD, die sich ja selbst als „Arbeiterpartei“ sieht, in das Geheul mit einstimmen, zeugt von der Orientierungslosigkeit dieser einstmals großen Volkspartei, die nun endgültig ihre Integrationsfähigkeit zu verlieren droht.

Das amerikanische Online-Magazin „vox.com“ hat kürzlich einen Text zu der herablassenden Attitüde der Demokraten in den USA veröffentlicht. Detailliert wird darin analysiert, wie den Linken in Amerika die Unterstützung der Arbeiterschaft weggebrochen ist. Viele Geringverdiener in den USA unterstützen in diesem Jahr die Kandidatur von Donald Trump. Genauso, wie die Rechtspopulisten in Europa sich über Zulauf von Seiten der weniger Gebildeten erfreuen können.

Ihr solltet Euch fragen, wie Ihr Eure einstigen Verbündeten verloren habt

Das Fazit des Autors: „Vielleicht hat sich die Spirale schon zu weit gedreht. Vielleicht ist der ganze Bruch unüberwindbar. Aber wenn die Linken sich tatsächlich eine bessere Zukunft wünschen, dann können sie es nicht nur dabei belassen zu betrachten, in welcher Weise sie dazu gekommen sind, ihre früheren Verbündeten (Anm.: die sozial schlechter Gestellten) zu hassen. Sie müssen bei den Fehlern anfangen, die dazu geführt haben, dass sie diese Leute verloren haben.“

So viel Weisheit würde man sich bisweilen auch von Euch wünschen, liebe linke Bildungsbürger in Deutschland.

Niemand wünscht sich, dass Ihr Euch im Chor der Menschenfeinde einreiht. Sigmar Gabriels Ranschmeiße an die Pegida-Demonstranten im Winter 2014/15 etwa war ekelhaft. Aber es hat Gründe, warum die Stimmen der Fremdenhasser so stark geworden sind. Und es spricht vieles dafür, dass Eure Verachtung gegenüber den weniger Gebildeten daran mitschuld ist.

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