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An den Vater, der sein Kind im Supermarkt anschreit

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KIND WEINT SUPERMARKT
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THE BLOG
Ich sehe dich.

Ich sehe ich dich auf einer Parkbank sitzen, mit deinem iPhone in der Hand. Dein Kind versucht, deine Aufmerksamkeit zu bekommen und braucht drei oder vier Versuche, bis du mitbekommst, dass jemand "Papa" vom anderen Ende des Spielplatzes ruft und dass du damit gemeint bist. Du siehst einen Augenblick lang von deinem Bildschirm auf, winkst, und widmest dich dann wieder dem digitalen Orakel in deinem Schoß.

Ich sehe dich mit deinen Kindern im Supermarkt an der Kasse stehen. Die Ältere scheint etwas haben zu wollen, das nach einer Plastiknuckelflasche gefüllt mit flüssigem Zucker aussieht. Als du "nein" sagst, fängt sie an zu weinen. Du packst sie am Arm, gehst mit deinem Mund ganz dicht an ihr Ohr und obwohl ich nicht verstehe, was du ihr zuflüsterst, kann ich an ihrem Gesichtsausdruck erkennen, dass es schlimm war, als sie die Süßigkeit zurück ins Regal stellt.

Ich sehe dich im Restaurant. Dein Jüngstes isst Chicken Nuggets und Makkaroni mit Käse, ich schätze, zum 40. Mal in letzter Zeit. Seine käsigen Finger halten dein iPhone und er sieht sich vermutlich irgendeinen hirnlosen Cartoon an, den du benutzt, um deine Kinder zu beschäftigen, weil du keine Lust hast, dich mit ihnen zu beschäftigen.

Ich sehe dich im Einkaufszentrum ausflippen. Dein Kind hat eine Limonade fallen gelassen und deine Wut ist weit größer als die Situation es verdient. Menschen bleiben stehen und starren dich an. Deine Worte sind laut und verletzend und ich frage mich, wie sehr du dein Kind damit verletzt.

Das hier sehe ich nicht.

Ich sehe nicht, dass...

Du die ganze Zeit mit deinem Kind spielst. Wenn du nach der Arbeit nach Hause kommst, verbringst du deine Abende damit, Bücher vorzulesen und deinen Kindern das Lesen beizubringen. Du fährst jeden Dienstag mit deiner Tochter zum Comic-Buchladen und sie darf sich zwei Hefte aussuchen - als Belohnung für ihre harte Arbeit. An den Wochenenden fährst du mit deinen Kindern zu einem Park mit vielen anderen Kindern. Du möchtest, dass sie spielen und Spaß haben, während du die E-Mails auf deinem Handy beantwortest.

Ich sehe nicht, dass...

Du noch schnell in den Supermarkt musst, nachdem du deine Kinder aus der Tagesstätte abgeholt hast, damit du ein bisschen Hähnchen und Milch einkaufen kannst, bevor du ihnen Abendessen machst. Gestern Abend hatte deine Tochter einen Snack, bevor sie nach Hause gekommen ist, und hat nichts mehr von dem Abendessen gegessen, das du gekocht hast. Weil ihr zwei darüber gesprochen habt, weiß sie, dass sie heute keinen Snack bekommt, aber sie hat dich trotzdem gefragt, ob sie die Süßigkeit haben darf. Als du sie zu dir gezogen hast, hast du sie an den Grund erinnert, warum sie das Fläschchen nicht haben darf, und ihr gesagt, dass sie es zurückstellen soll. Sie erinnert sich daran, guckt ein wenig traurig, und stellt es zurück.

Ich sehe nicht, dass...

Du schaffst es nicht oft, auswärtig zu essen. Das Geld ist knapp und vier Leute in ein Restaurant einzuladen, ist teuer. Aber es ist etwas Besonderes und du möchtest, dass alle Spaß haben. Für dich ist das Besondere ein Medium-rare Steak und Kartoffeln. Für die Kinder sind es Chicken Nuggets und Makkaroni mit Käse. Es ist ein besonderer Anlass... weshalb du, nachdem dein Kleinkind zum dritten Mal versucht hat, in die Küche zu laufen, entscheidest, dass die verurteilenden Blicke der Anderen es wert sind, dass du eine Unterhaltung mit deiner Partnerin haben kannst - zum ersten Mal in dieser Woche.

Und der Zwischenfall mit dem Schreien?

Ich sehe nicht, dass du ganze Woche nicht richtig schlafen konntest. Ich sehe nicht, dass du dich an diesem Tag mit deiner Partnerin gestritten hast und das immer noch an dir nagt. Ich sehe nicht, wie viel Stress du im Job hast und Kleinigkeiten wie diese dich normalerweise nicht so wütend machen. Ich sehe nicht die Hunderte Situationen, in denen du deine Kinder nicht angeschrien hast. Ich sehe nicht, dass du dich später entschuldigst und erklärst, dass sogar Erwachsene manchmal wütend werden und schreien und das macht es nicht wirklich besser, aber Menschen machen Fehler. Ich sehe nicht, dass dein Kind dir vergibt.

Siehst du, das ist der Punkt. Ich sehe gar nichts, außer diesen einen Schnappschuss deines Lebens - ein iPhone, ein Paar Chicken Nuggets, eine verschüttete Limonade, oder ein wütendes Gesicht. Das ist alles, was ich sehe und aus irgendeinem Grund glaube ich, dich zu kennen. Aus irgendeinem Grund glaube ich zu wissen, was für ein Elternteil du bist. Du bist ein "beschissener" Elternteil.

Und weißt du was? Je nachdem, welchen Schnappschuss du aus meinem Leben siehst, bin ich das auch. Ich bin manchmal auch ein schlechter Elternteil. Und manchmal bin ich großartig - genau wie du!

Also lass uns einen Deal machen.

Lass uns nachsichtig miteinander sein. Lass uns in der Gewissheit leben, dass wir nicht viel voneinander wissen. Statt mit den Augen zu rollen und hörbar einzuatmen, lass uns einander ein Lächeln und ein Nicken schenken und sagen: "Ich weiß, wie das ist." Wenn es wirklich Probleme gibt, lass uns einander zuhören und erst Ratschläge erteilen, wenn wir darum gebeten werden. Und vor allem: Lass uns zur Kenntnis nehmen, dass wir alle manchmal schlechte Eltern sind. Wir alle haben unsere Höhen und Tiefen. Die restliche Zeit befinden wir uns irgendwo in der Mitte, treten Wasser und tun unser Bestes.

Zu wissen, dass wir da gemeinsam drin stecken, macht diese Schwesternschaft der Mutterschaft, Bruderschaft der Vaterschaft, Kameradschaft des Elternseins.. wie immer du es nennen möchtest, großartig. Zu wissen, dass wir nicht alleine sind, macht die Tiefen erträglicher, die Höhen fühlen sich besser an und die Mitte wird zu einem angenehmen Ort.

Also bitte, schlechter/großartiger/alles-dazwischen-Elternteil, lass uns ein bisschen runterkommen, weniger urteilen und die Fahrt genießen.

Triff mich in der Mitte,

John

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Gina Louisa Metzler aus dem Englischen übersetzt.


Kindern helfen

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