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In dieser Stadt ist die Menschheit schon längst Geschichte - uns sollte das eine Lehre sein

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Ich weiß nicht, mit wem ich mich da anlege.

Dort, wo ich in wenigen Minuten hinfahren werde, ist ein Gegner zuhause, gegen den man nicht kämpfen kann. Er ist nicht zu sehen, nicht zu riechen, nicht zu schmecken. Und doch ist er überall.

Ich denke an die Erzählungen der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. Von Afghanistan-Veteranen, die im Frühjahr 1986 zu Aufräumarbeiten rund um den havarierten Atomreaktor von Tschernobyl abkommandiert wurden, nach zwei Wochen des körperlichen Verfalls ihre Innereien aushusteten und schließlich unter Bleiplatten als „radioaktiver Abfall“ beerdigt wurden.

So stehe ich da am frühen Morgen in Kiew, am nördlichen Ende des Maidans, und fühle mich plötzlich sehr deutsch. In mir rumort die Angst vor dem Unbeherrschbaren, die Furcht vor der Apokalypse. Klingt wie ein Klischee. Aber ich erinnere mich selbst noch daran, welch merkwürdige Endzeitstimmung damals im Jahr 1986 über Deutschland lag.

Endzeitstimmung im Jahr 1986

Bis heute etwa hält sich bei vielen älteren Menschen der Glaube daran, dass die Reaktorkatastrophe zu einem Anstieg der Krebserkrankungen geführt habe. „Früher sind die Menschen selten an Krebs gestorben, und heute hörst Du es überall“, heißt es auch in meiner Familie.

Nirgendwo auf der Welt hat die Atom-Katastrophe von Tschernobyl so heftige Reaktionen hervorgerufen wie in der alten Bundesrepublik.

Auch in der Ukraine nicht, zu deren Staatsgebiet heute ein Teil des versuchten Gebiets inklusive des Reaktors gehört. In Tschernobyl etwa wurde noch bis in das Jahr 2000 Strom produziert. Arbeiter setzten sich in den noch intakten Blöcken des Kraftwerks freiwillig der noch vorhandenen Strahlung aus.

Touren in das verseuchte Gebiet

Und seit Anfang des Jahrtausends gibt es geführte Touren durch das radioaktiv verseuchte Gebiet.

Die Sonne scheint, die Temperaturen sollen heute auf bis zu 18 Grad steigen. Der Tourguide mustert die ankommenden Fahrgäste: Festes Schuhwerk ist Pflicht. Lange Ärmel, lange Hosen. Und nach Möglichkeit sollen wir die Mäntel nicht ausziehen. Die Wege nicht verlassen. Und auf keinen Fall den dunkelbraunen Sandboden anfassen.

„Wir werden heute nur jene Gegenden besuchen, die gering verstrahlt sind“, beruhigt uns der Guide, ein junger Ukrainer mit kurzen, dunklen Haaren. Sein Humor ist vorzugsweise schwarz. „Natürlich gibt es dort Orte, die stärker verstrahlt sind“, sagt er. „Aber die sind Forschern vorbehalten. Und vielleicht einigen russischen Touristen.“

Ich spüre, dass ich lachen muss.

"Der Sand ist jetzt giftig"

Genau 30 Jahre ist die Katastrophe von Tschernobyl nun her. Am 26. April 1986 um 1:23 Uhr kam es bei einer missglückten Notfallübung zu einer Explosion, die den Reaktor Nummer vier des Kraftwerkkomplexes vollständig zerstörte.

Die dabei entstandenen radioaktiven Wolken zogen quer über Europa und verseuchten selbst in tausenden Kilometer Entfernung den Boden. In Teilen Süddeutschlands wird bis heute davon abgeraten, Pilze zu sammeln.

Ich war damals noch nicht einmal eingeschult. Und doch spürte ich daheim in Hessen plötzlich die Unruhe, die im Wohnzimmer unserer Nachbarn herrschte, als die Meldungen über einen Atomunfall unbekannten Ausmaßes über den Bildschirm des Fernsehers flimmerten.

Tschernobyl war das erste Stück Weltgeschichte, das mich in meinem Leben betraf. Wir durften fortan nicht mehr in den Sandkästen der Umgebung spielen. Warum, fragte ich die Mutter meines besten Freundes.

„Der Sand ist jetzt giftig, und er wird es noch lange bleiben“, sagte sie. „Wann ist der Sand denn nicht mehr giftig?“, fragte ich. „Vielleicht ist das für immer so“, antwortete sie.

Wir fuhren mit unseren Fahrrädern durch die Straße, mein Vater hatte mir gerade erst die Stützräder abmontiert, und wir bastelten aus leeren Klopapierrollen Megafone, mit denen wir die anderen Nachbarskinder vor dem unsichtbaren Gift warnten.

Atomsymbole im Kindergarten

Im Kindergarten legte ich aus Bauklötzen Atomsymbole, so wie ich sie in den Nachrichtensendungen gesehen hatte. Die Kindergärtnerinnen erschraken darüber, wie politisch wir Knirpse plötzlich waren.

Ein Geräusch begleitete mich noch sehr lange: das nervöse Knacken der Geigerzähler. Auch das konnte man in diesen Tagen überall im Fernsehen hören.

Gute 100 Kilometer nördlich von Kiew ist es plötzlich wieder da. Aus dem mitgebrachten Geigerzähler des Guides prasseln sie, die Knackgeräusche.

Schließlich ist ein piependes Alarmsignal zu hören: Der dunkelbraune Sandboden vor dem verlassenen Kindergarten nahe der Stadt Tschernobyl strahlt noch mehr als zehn Mikrosievert ab. Das ist fast 70 mal so viel, wie man in einer durchschnittlichen europäischen Großstadt messen kann.

In Tschernobyl selbst leben noch Menschen

Die Wege sind in mühsamer Arbeit von hunderttausenden Helfern dekontaminiert worden. In der Stadt selbst gibt es ein oberirdisch installiertes Leitungssystem, das die Bewohner mit frischem Wasser versorgt. „Wenn hier tatsächlich Menschen leben, dann müssen sie sich jeden Tag wie Astronauten fühlen“, schießt es mir durch den Kopf.

Tatsächlich wohnen hier mehrere Tausend Arbeiter, die unter anderem mit der Verschrottung der drei unzerstörten Tschernobyl-Reaktoren beschäftigt sind. Zehn Autominuten liegt das Kraftwerk entfernt. Unsere nächste Station.

Arbeiter sind hier in Zwei-Wochen-Schichten damit beschäftigt, die Anlage zu demontieren. Wir begegnen einem Trupp, der gerade auf den Weg zur Mittagspause ist. Sie gehen hintereinander, stets auf den neu angelegten Asphaltstraßen.

Tierreichtum in der Strahlenzone

In einem Zufluss zum früheren Kühlwasserbecken schwimmen tausende Forellen, von oben sehen sie wie ein Guppyschwarm in einem Aquarium aus.

Mittendrin zieht ein gut zwei Meter langer Wels seine Runden. Die Fische können sich ungestört vermehren: Niemand käme auf die Idee, hier zu angeln. In den verseuchten Wäldern sind unzählige Wolfsrudel heimisch geworden. Auch Bären gibt es hier wieder.

Dem Unglücksreaktor nähern wir uns über eine lange, gebogene Straße. Wir kommen bis auf 200 Meter an das Gebäude heran. Einige Minuten dürfen wir uns hier aufhalten. Dann ruft uns der Guide eilig zurück in den Bus.

In den Tagen nach dem Unglück ist die radioaktive Wolke zuerst nach Norden gezogen. Sie regnete zuerst in einem Gebiet entlang der jetzigen ukrainisch-weißrussischen Grenze ab. Dort liegen auch heute noch die am stärksten verstrahlten Gebiete.

Fahrt in die Geisterstadt

Zum Beispiel Prypjat. Eine Stadt, die im Jahr 1970 für die Arbeiter des Atomkraftwerks gegründet wurde.

Insgesamt 50.000 Menschen lebten hier in relativem Wohlstand: Sie wurden gut bezahlt, und in den Geschäften gab es selbst in Zeiten sowjetischer Mangelwirtschaft alles zu kaufen, wonach sich die Bürger im Rest des Lands sehnten.

Tagelang wurden die Menschen im Prypjat über die wahren Ausmaße des Atomunglücks im Unklaren gelassen. Sie bereiteten sich auf die Feierlichkeiten zum Tag der Arbeit am ersten Mai vor, als Soldaten in der Stadt auftauchten und sie anwiesen, das Nötigste aus ihren Wohnungen mitzunehmen.

Es war zunächst nur die Rede davon, dass sie für einige Tage an einen anderen Ort gebracht werden müssten.

Doch sie sollten Monate später nur noch einmal kurz zurückkehren dürfen, um ihre Habseligkeiten abzuholen. Heute ist Pripyat eine Geisterstadt.

Ein Mahnmal des Atomzeitalters. Hier ist die Menschheit durch ihr eigenes Versagen Geschichte geworden.

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Ein von Walls Of Berlin (@sebastianchristberlin) gepostetes Foto am

Unsere Führung beginnt auf dem zentralen Platz der Stadt, der von fensterlosen Betonruinen gesäumt ist. „Dort war das Hotel, und hier sehen wir das Restaurant. Die Sowjets waren ja eher praktisch veranlagt: Das Restaurant trug den Namen 'Restaurant'“, sagt der Guide.

Seltsam verrenkte Straßenlaternen rosten am Straßenrand. Ein verwilderter Hund läuft zwischen den verlassenen Plattenbauten herum. Sonst ist kein Anzeichen für menschliches Leben zu sehen – außer die Kleinbusse mit den Touristen, die hier regelmäßig eintreffen.

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Moos hat sich auf die Straßen gelegt, Bäume sind durch den Asphalt gebrochen. Langsam erobert sich die verseuchte Natur das zurück, was die Menschen hier als Stadt gebaut haben. In den Gebäuden selbst liegt das herum, was die Menschen zurück lassen mussten.

Trümmer der menschlichen Zivilisation, teilweise von Touristen so drapiert, dass sie gute Fotomotive abgeben.

Selbst das Zwitschern der Vögel hat an diesem Tag etwas Bedrückendes: Man hört sie deswegen so deutlich, weil sonst nichts zu hören ist. Keine Kinderschreie mehr. Keine Motorengeräusche, keine Stimmen, keine Musik.

Nur Stille.

An vielen Stellen ist noch noch erkennen, dass Prypjat einst ein schöner, lebenswerter Ort gewesen sein muss. Ein Ort, von dem Menschen nicht freiwillig gehen wollten. Mit einem liebevoll ausgestalteten Vergnügungspark etwa, der am 1. Mai 1986 in Betrieb genommen werden sollte und nun im Sonnenlicht vor sich hin rottet.

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Wir besichtigen ein altes Fußballstadion, das nur noch an seinen Tribünen zu erkennen ist. Das Spielfeld ist längst schon zum Wäldchen geworden, schlanke Birken wachsen hier dem Himmel entgegen. Ein italienisches Pärchen aus unserer Gruppe macht Liebesselfies auf den morschen Sitzbänken: Küsschen mit Trümmern im Hintergrund.

In einem alten Schwimmbad steigen wir über Keramikscherben. Und vielleicht gehören wir zu den letzten Menschen, die sich noch in der benachbarten Turnhalle umsehen können. Dort ist offenbar das Dach undicht geworden. Ein Geruch von Moder und Fäulnis liegt in der Luft, während sich die Holzbohlen des Hallenbodens langsam auflösen.

Kann es sein, dass an diesem Ort einst Kinder unterrichtet wurden, die kaum älter waren als ich?

Und an was würde ich mich noch erinnern, wenn ich mit sechs oder sieben Jahren meine Heimat hätte verlassen müssen, ohne die Chance zu haben, jemals wieder dort hin zurückkehren zu können? Darf man sie „Atomflüchtlinge“ nennen?

Unser Bus wartet mit laufenden Motor, die Reisegruppe wartet. Ausgerechnet der Deutsche war nun länger als alle anderen im verstrahlten Prypjat unterwegs.

Ich weiß, dass ich gehen muss.

Ich weiß, dass ich gerne noch geblieben wäre.

Und diesmal ist es nicht die Lust an der Apokalypse.

Nur der Glaube daran, dass man hier viel für die Zukunft lernen kann.

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