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Tausende Flüchtlingskinder sollen verschwunden sein - Experten haben einen unheimlichen Verdacht

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  • Europol warnt, ein Teil der tausenden europaweit verschwundenen Flüchtlingskinder könnte Opfer der Sex-Mafia geworden sein.
  • Das Bundeskriminalamt hat dafür jedoch keine Beweise. Und die Polizeigewerkschaft hat eine andere schlimme Befürchtung.
  • Eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen im Text seht ihr im Video oben.

Das Schicksal des vierjährigen Mohamed, der im Sommer vergangenen Jahres vor der Berliner Behörde Lageso entführt und später von einem Pädophilen missbraucht und umgebracht wurde, weckte damals einen dunklen Verdacht.

Haben es Pädophile und Kriminelle gezielt auf die nach Deutschland gekommenen, allein reisenden Flüchtlingskinder abgesehen? Viele von ihnen kommen ohne Begleitung in die Bundesrepublik. Und diese Jungen und Mädchen vermisst oft erst einmal niemand - zumindest kein Angehöriger.

Rotes Kreuz schlägt Alarm

Klar ist: Bei tausenden Flüchtlingskindern, die 2015 und in den vergangenen Monaten in Deutschland als vermisst gemeldet wurden, ist der Verbleib unklar.

Bereits im vergangenen Sommer hatte das Deutsche Rote Kreuz davon gesprochen, dass allein im ersten Halbjahr 2015 doppelt so viele Anfragen von Flüchtlings-Familien, die ihre Kinder suchten, eingegangen waren, als noch im gleichen Vorjahreszeitraum. Seither stieg die Zahl weiter an. Das DRK betreibt eine der europaweit größten Such-Seiten für Vermisste.

Europol: Kinder wurden zum Teil Opfer von Missbrauch

Bereits vor einigen Wochen hatte sich Europol zu den verschwundenen Kindern geäußert. Die europäische Polizeibehörde geht europaweit vorsichtig geschätzt von mindestens 10.000 verschwundenen Flüchtlingen aus.

"Dies bedeutet nicht, dass allen etwas passiert ist. Nicht alle werden kriminell ausgenutzt, manche könnten inzwischen in der Obhut von Familienmitgliedern sein", sagte Stabschef Brian Donald dazu damals. Europol habe aber Beweise, dass manche Kinder und Jugendliche auf der Flucht sexuell missbraucht worden seien.

Es habe sich eine kriminelle Infrastruktur gebildet, die von der Flüchtlingskrise profitiere. Donald warnte die Polizeibehörden Deutschlands und der anderen EU-Staaten, sie sollten Acht geben, damit nicht noch mehr verschwundene Kinder Opfer von Missbrauch würden.

Bereits mehrfach war berichtet worden, dass geflüchtete Minderjährige zu Sexarbeit oder anderen Tätigkeiten gezwungen wurden.

Doch wie realistisch ist es, dass tausende Kinder Opfer der europaweit agierenden Kindersex-Mafia geworden sein könnten? Und in welchem Ausmaß sind die nach Deutschland gekommenen minderjährigen Flüchtlinge betroffen?

Allein in Deutschland werden laut BKA über 8600 Flüchtlingskinder vermisst

Dem Bundeskriminalamt (BKA) zufolge waren am 1. April dieses Jahres allein in Deutschland 8629 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge als vermisst gemeldet.

Eine BKA-Sprecherin sagt im Gespräch mit der Huffington Post, ein Grund für die hohe Zahl dürften auch Mehrfacherfassungen sein. "Wenn etwa ein Junge oder Mädchen auf eigene Faust in eine andere Stadt weiterzieht und sich dort erfassen lässt, kann es beispielsweise leicht passieren, dass er sich dort neu registrieren lässt und dabei der Name falsch geschrieben wird“, so die Sprecherin.

Andere Minderjährige würden sich in ihrer neuen Heimatstadt erst gar nicht registrieren, andere seien möglicherweise auch gleich ins Ausland gezogen.

Nicht wenige Flüchtlinge würden zudem zu ihren Verwandten in andere Städte gehen. Und mitunter würde dann die Vermissten-Anzeige nicht zurückgezogen. "Da weiß etwa die Tante oder der Onkel gar nicht, dass der Neffe überhaupt vermisst wurde“, sagt die BKA-Sprecherin.

Polizeigewerkschaft: Kinder werden abgerichtet

Es sei natürlich zumindest möglich, dass ein Teil der vermissten Kinder Opfer von Straftaten geworden ist, so die Sprecherin. Genaue Erkenntnisse habe das BKA dazu bislang aber nicht. "Dafür, dass die organisierte Kriminalität hier aktiv ist, haben wir jedoch bislang keine Hinweise."

Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), sagt im Gespräch mit der Huffington Post: "Es ist eine Annahme von Kriminalern, dass sich tausende Flüchtlingskinder in der Hand von Sex-Gangstern befinden." Dies sei auch "durchaus möglich".

Wendt geht allerdings auch davon aus, dass "ein großer Teil der Kinder schlicht untergetaucht ist und als Trick-Diebe oder Einbrecherbanden abgerichtet wird".

Opfer von paneuropäischen Banden?

Der Bundesverband unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge kritisiert, dass die genau Zahl vermisster Flüchtlingskinder in Deutschland nach wie vor unklar sei. Der Grund aus Sicht des Verbands: Mangelnder Informationsaustausch zwischen den kommunalen Behörden.

Auch viele Politiker halten das Informationschaos für nicht länger hinnehmbar. Zuletzt forderten mehrere Europa-Abgeordnete Aufklärung über das Schicksal der verschwundenen Kinder.

Das berichtete jüngst die "Süddeutsche Zeitung“. In einem Brief an den Rat der 28 Mitgliedstaaten wiesen die EU-Parlamentarier dem Bericht zufolge darauf hin, dass die Verschollenen möglicherweise Opfer von paneuropäischen Banden würden, die sie für Sexarbeit, Sklaverei oder Organhandel missbrauchten.

Deutsche Wohlfahrtsverbände helfen betroffenen Eltern

Seit langem warnen hierzulande Hilfsorganisationen, dass Verbrecher das Chaos rund um die Aufnahmestellen und Asylunterkünfte ausnutzen könnten. Doch selbst, wenn die Kinder nicht in die Hände von Kriminellen geraten, ist es für die Eltern verschwundener Kinder zunächst einmal die Hölle, wenn sie nicht wissen, wie es ihren Liebsten geht.

Schockria Rabani hat erfahren, wie es sich anfühlt, wenn eine Mutter durch den größten Schmerz ihres Lebens geht. Eigentlich schienen die schlimmsten Strapazen der Flucht überstanden, als Schockria mit ihrer afghanischen Familie an der griechischen Küste aus dem Boot gestiegen war.

Doch hatte die Mutter ihren zehnjährigen Sohn Mahdi an der türkischen Küste aus den Augen verloren. Im Gedränge war Mahdi in ein anderes Boot gestiegen. Zusammen mit Hunderten anderen Flüchtlingen ist es gekentert, erfährt Schockria von anderen Geflüchteten an der Küste.

Ein Suchdienst des Roten Kreuzes sorgte für ein Wunder

Ein Jahr lang kämpfte die Mutter mit der Ungewissheit, ob ihr Sohn nicht doch überlebt hat. Kurz vor Weihnachten schloss sie ihren totgeglaubten Sohn Mahdi in Hannover wieder in die Arme. Wie sich herausstellt, war Mahdi mit einer anderen afghanischen Familie in die Schweiz geflohen. Ein Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes für vermisste Angehörige von Flüchtlingen machte dieses Wunder möglich.

Schockria und ihr Sohn Mahdi
Schockria und ihr Sohn Mahdi

Trace the Face heißt das Hilfsprojekt, das vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes und 28 europäischen Rotkreuzgesellschaften ins Leben gerufen wurde und Flüchtlingen die Online-Suche nach vermissten Angehörigen ermöglicht.

Rund 60 Prozent der Anfragen zu Flüchtlingskindern

Suchende, die etwa auf der Flucht von ihren Angehörigen getrennt worden sind, können unabhängig von dem Land, in dem sie sich zum Zeitpunkt der Suche aufhalten, ihr Foto auf der Webseite veröffentlichen und so von ihrer Familie oder ihren Freunden wieder gefunden werden.

Nach Angaben des DRK-Präsidenten Rudolf Seiters lässt sich über die Online-Suche auch auf eine steigende Zahl von vermissten Flüchtlingskindern schließen. Bei der Suche nach Flüchtlingskindern würde der Suchdienst rund 60 Prozent mehr Anfragen als in den vergangenen Jahrzehnten verzeichnen. Etwa zwei Drittel der Fälle könnten laut DRK geklärt werden, die Familien wieder zusammengeführt werden.

"Trace the Face Kids" als Pilotprojekt für Flüchtlingskinder

Das Internationale Rote Kreuz hat nun reagiert und einen eigenen Dienst zur Suche von vermissten Flüchtlingskindern eingeführt. "Trace the Face Kids" heißt das Pilotprojekt, in das bereits mehrere Hundert Fotos von vermissten Kindern eingestellt wurden und in Zusammenarbeit mit dem Roten Halbmond umgesetzt wird.

Zu sehen sind Kinder, die ihre Eltern suchen, aber auch Eltern, die nicht wissen, wo ihre Kinder sind. Diese erweiterte Suchmöglichkeit wird bisher als Pilot zunächst von Rotkreuz-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern in Deutschland, Österreich, Kroatien, der Schweiz, Belgien, Norwegen und Mazedonien erprobt.

Für die Tausenden Mütter und Väter, die ihre Kinder auf der Flucht verloren haben, könnte das Projekt wie bei Schockria für ein Wunder sorgen.

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt:

Die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen nehmen kein Ende. Auch, weil es viel zu wenig Rettungskräfte auf dem Mittelmeer gibt. Hier versucht die Mannschaft des Schiffes Sea Watch 2. zu helfen. Spenden benötigt die Crew für Nahrung, Schwimmwesten und Medikamente.

Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

Ein weiteres Problem sind die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge in Berlin. Ihnen vermittelt die Organisation Akinda beispielsweise einen gesetzlichen Vertreter. Wie das geht, beschreiben die Initiatoren hier.

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(ben, lk)