BLOGS
21/04/2016 10:38 CEST | Aktualisiert 18/05/2016 16:16 CEST

Alle sollen es hören: Das Schreien eines Babys auf der Flucht

SOS-Kinderdörfer

THE BLOG

Ein Bericht von SOS-Mitarbeiterin Katerina Ilievska, an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland

„Keine Fotos", ruft der Polizist. Dann verschwindet er wieder hinter seinem Schild. Die Polizisten, sogenannte Special Forces, sind bewaffnet, ihre Schilder erhoben. Ich packe die Kamera weg.

Hinter dem Stacheldraht sehe ich die Menschen auf der griechischen Seite in Idomeni. Zwischen den weißen Zelten auf der griechischen Seite und dem Stacheldraht von Mazedonien, betteln, flehen, weinen 4.000 Menschen. Weiter hinten gibt es ein Gerangel.

Eine Mutter mit Kind rennt weg. Eine Männerstimme brüllt in ein Megaphon. Ich verstehe die Sprache nicht. Es hat 30 Grad, aber die Atmosphäre ist kalt.

2015-09-24-1443087783-9743236-Flchtlingstreckmazedonien.jpg

Nur Mord und Todschlag

Hier, an der Griechisch-Mazedonischen Grenze, wollen die Menschen nur eins: Sie wollen in Sicherheit sein. Sie kommen vom kriegsgeschüttelten Syrien, aus Afghanistan, Pakistan, Irak, Somalia und anderen Ländern, in denen ein normales, gewaltfreies Leben nicht möglich ist.

„Nur Mord und Totschlag", sagt einer der Flüchtlinge.

„In meiner Heimat gibt es kein Leben."

Ich gehe dorthin, wo Fotos wieder erlaubt sind: Weiter weg vom Grenzzaun, auf dem Weg zum Flüchtlingscamp Vinojug in Gevgelija, Mazedonien. Unterwegs knipse ich junge Männer, sie lachen, posieren für die Kamera. Sie vergessen für ein einen Moment ihre Mühsal. Eine Grenze weniger.

2015-09-24-1443087738-294960-flchtlingeinmazedonien7.jpg

Eine Mutter, die ein Baby trägt, schleppt sich den Feldweg entlang. Ich strecke meine Arme aus, ohne zu zögern überreicht mir die Mutter das Baby. Ihre Arme hängen schwer herunter. Die Mutter nimmt einen Schluck Wasser aus einer Flasche.

„Was für ein kräftiger Junge", sage ich. Das Kind ist sehr schwer. Er legt seinen Kopf auf meine Schulter. Ich streichle ihm über den Kopf, er wird ruhig und schläfrig. Die Mutter lächelt mir zu. Ich denke: Was müsste mir widerfahren, wenn ich mein Baby einer Fremden anvertrauen müsste. Wenn ich so erschöpft wäre, dass ich mein Kind nicht mehr tragen kann?

Die Mutter ist aus Afghanistan. Im Roten-Kreuz-Zelt kommt der Vater zu uns. Genau wie die Mutter ist er sehr jung, höchsten 25 Jahre alt. Auch er sieht erschöpft aus, erschöpft und verzweifelt, ich fürchte er könnte jeden Moment zusammen brechen. In der Hand hält er eine schwere Tasche - alles, was die Familie besitzt.

2015-09-24-1443087822-4332765-helferintrgtbaby75860.jpg

Ich frage den Polizisten, der die Schlange zum Flüchtlingscamp bewacht, ob die Familie nicht ins Lager kann ohne Stunden lang in der Reihe zu stehen. „Warum?" fragt er unwirsch.

„Die Mutter ist am Ende ihrer Kräfte, das Kind ist erschöpft."

„Klar", sagt der Polizist, plötzlich mit warmer Stimme. „Bringen Sie sie zum Eingang."

„Nur die Mutter und das Kind?"

„Den Vater auch. Wir können sie doch nicht auseinanderreißen." Er lächelt den kleinen Jungen auf meinem Arm an.

Alle sollen es hören: Das Schreien eines Babys auf der Flucht

Im Flüchtlingscamp legen wir das Baby gleich auf den Wickeltisch. „Ali", sagt seine Mutter, hält drei Finger hoch und sagt „Moon." Also Ali heißt er. Und ist drei Monate alt.

Eine Fliege setzt sich auf sein Auge. Er reagiert nicht. Zu müde. Die erste Reaktion, die Ali zeigt, ist, als ein Helfer und seine Mutter ihn im warmen Wasser baden: Er schreit!

2015-09-24-1443088249-78130-aliaufderFlucht75864.jpg

Von den SOS-Kinderdörfern erhält die Mutter ein Paket mit Windeln, Wäsche, Wasser und Babynahrung. Der Vater sitzt im Schatten und lächelt erleichtert. Aber Ali weint. Seine Mutter pudert ihn und zieht ihm frische Wäsche an. Ali weint. Es ist ein Weinen, das ich am liebsten mit der ganzen Welt teilen möchte. Das Weinen eines Flüchtlingskindes.



2015-08-06-1438870629-2559366-10000.png

200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.

Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen.

Leseempfehlungen:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Gesponsert von Knappschaft