Wie Schlafmangel euer Gewicht beeinflusst

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WAKING UP TIRED
Sleepy woman waking up in bed. | Gary John Norman via Getty Images
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In dem Moment, da Sie dies hier lesen, erkennen Sie sich vielleicht selbst wieder, fällt es Ihnen erstmals bewusst auf: Wer in der Nacht nicht gut oder viel zu kurz geschlafen hat, verspürt am nächsten Tag mehr Hunger als sonst und isst auch mehr und öfter.

Körperlich fühlt er sich schwach, erschöpft, müde oder träge. Und wie ist es, wenn dieser Schlafmangel über zwei oder drei Nächte hintereinander anhält? Oftmals entwickelt sich dann ein regelrechter Bärenhunger oder – noch krasser – unzügelbare Fresslust.

Und da ist noch etwas Typisches: Wer ein paar Nächte kaum geschlafen hat, würde seine Tage am liebsten möglichst ungestört auf dem Sofa verbringen, bewegt sich eher im Zeitlupentempo und sehnt morgens schon die abendliche Schlafenszeit herbei. Aufgrund dieser Antriebslosigkeit wird weniger Energie verbraucht.

Obwohl man bereits für zwei gegessen hat, will man sich gar nicht mehr bewegen. Da man die überschüssigen Kalorien nicht einfach abatmen kann, werden sie für schlechte oder sehr aktive Zeiten als Reserveenergie in Form von Körperzellen gespeichert.

Schlafmangel begünstigt Übergewicht

Diese ungünstige Spirale trifft viele schlecht schlafende Menschen. Schlafmangel begünstigt Übergewicht – das hat System, wie mittlerweile überzeugend erforscht wurde. Und die Wissenschaftler schlüsseln die Zusammenhänge immer mehr auf.

Für Feineinstellungen, Prüfung und Korrektur wichtiger Funktionen im zentralen Nervensystem sowie für das Immunsystem und das Hormonsystem ist der Nachtschlaf unverzichtbar. Mittels dieser Schlüsselrolle wirkt Schlaf auch vielseitig auf den Energiestoffwechsel ein.

Einige Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich die durchschnittliche Schlafdauer in den letzten 100 Jahren um mindestens 1,5 Stunden verkürzt hat. Wie nachhaltig könnte sich das auf die Entwicklung von Übergewicht in weiten Teilen der Bevölkerung ausgewirkt haben?

Wie erst, wenn es gar um zwei bis drei Stunden geht, wie manche Forscher errechneten. Mittlerweile liegen viele neuere Untersuchungen und Studienergebnisse dazu vor. Diese umfassten beide Geschlechter in den unterschiedlichsten Ländern der Erde.

Zusammenfassend weisen die epidemiologischen Studien einen engen inversen Zusammenhang zwischen der nächtlichen Schlafdauer und dem Risiko von Übergewicht nach. Sprich: Je weniger Schlaf, desto dicker der Mensch. Dieser statistische Zusammenhang ist ernst zu nehmen, denn die Ergebnisse der verschiedenen Studien waren weitgehend einheitlich.

Daraus ergaben sich neue Fragestellungen, zu deren Klärung in den vergangenen Jahren zahlreiche experimentelle Schlafstudien durchgeführt wurden: Wie erklärt sich dieses Phänomen? Welche Körperreaktionen ruft Schlafmangel hervor? Welche Mechanismen können biologisch bzw. physiologisch plausibel erklären, dass sich das Risiko erhöht, Übergewicht zu entwickeln? Einige der bekanntesten Studien möchte ich kurz darstellen.

Schlaflos im Schlaflabor …

Im Jahr 2004 ließen sich am Clinical Research Center der University of Chicago zwölf junge gesunde Männer einem Experiment unterziehen, das den Einfluss von Schlafentzug auf das Hungergefühl beleuchten sollte.

Untersucht wurden Hungerempfinden und Appetit nach zwei Nächten mit nur vier Stunden Bettruhe und nach Nächten mit zehn Stunden Schlaf. Im Anschluss daran wurden Hunger und Appetit sowie die jeweils bevorzugten Nahrungsmittel mittels Fragebogen erfasst.

Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Infolge des Schlafmangels war der Hunger um 24 Prozent gestiegen und der Appetit um 23 Prozent! Die Gelüste der Probanden zielten vor allem auf süße sowie salzige kohlenhydratreiche Nahrungsmittel mit hoher Energiedichte. Ihr Appetit darauf war bei Schlafdefizit um bis zu 45 Prozent größer, als wenn sie ausgeschlafen in den Tag starteten.

Kaum Appetit hingegen hatten die Studienteilnehmer nach Schlafmangel auf Gemüse, Obst und proteinhaltige Lebensmittel. Daraus folgerte die Studienleiterin und international bekannte Schlafforscherin Professor Eve Van Cauter, dass das von Glukose angetriebene Gehirn bei Schlafmangel regelrecht nach Kohlenhydraten lechzt, als ob es in Heißhunger auf Brot, Nudeln oder Süßigkeiten die Rettung sieht.

Noch unterstrichen wurde die Aussagekraft des Experiments durch die Auswertung der Blutwerte, die in den verschiedenen Phasen des Experiments genommen worden waren. Sie zeigten gravierende hormonelle Veränderungen: Die Konzentration des Sättigungshormons Leptin war infolge des Schlafentzugs um 18 Prozent gesunken, wohingegen die des appetitanregenden Hormons Ghrelin um 28 Prozent gestiegen war. Damit hatte sich das Verhältnis zwischen Ghrelin und Leptin um 70 Prozent verschoben – zugunsten des Appetitanheizers.

Schlafmangel regt ausgerechnet zum Futtern kohlenhydratreicher Snacks an. Viele Kohlenhydratquellen sind Hungermacher, vor allem jene mit vielen raffinierten, stärke-und zuckerreichen Kohlenhydraten. Ihr Verzehr verführt uns, mehr zu essen und damit mehr Energie aufzunehmen, als wir tatsächlich benötigen. Und weil ihre Verdauung die Insulinausschüttung provoziert, werden mit den Überschüssen auch noch die Fettdepots besonders leicht gefüllt. Hinzu kommt, dass viele Süßwaren auch noch fettreich sind und damit eine noch krassere Energiedichte aufweisen.

Der Beitrag basiert auf dem Buch Warum Schlafmangel dick und guter Schlaf schlank macht von Nicolai Worm

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ISBN: 978-3-86883-887-9
Riva

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