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Was ihr wissen solltet, bevor ihr Kinder anschreit

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KIND
kinder, schreien, eltern, mutterschaft, erziehung, vaterschaft | handsfreemama 2013
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THE BLOG

Ich liebe die Nachrichten, die mir meine Kinder schreiben - egal, ob sie mit Filzstift auf gelbe Klebezettel gekritzelt oder in Schönschrift auf liniertem Papier verfasst sind. Doch das Gedicht, das mir meine älteste Tochter letztes Jahr zum Muttertag geschrieben hat, hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Schon bei der ersten Zeile stockte mir der Atem, bevor warme Tränen über meine Wangen kullerten.

Wichtig an meiner Mama ist, dass sie immer für mich da ist, auch wenn ich in Schwierigkeiten stecke.

Das war nicht immer so.

Irgendwann in meinem damals von ständiger Ablenkung geprägten Leben nahm ich eine Verhaltensweise an, die ich bisher gar nicht von mir kannte: Ich fing an, andere Leute anzuschreien. Nicht oft, aber dann extrem. Wie ein zu stark aufgeblasener Ballon, der plötzlich platzt und damit alle in Hörweite erschreckt.

Was haben meine damals drei und sechs Jahre alten Kinder getan, damit ich so die Kontrolle verliere? Lag es daran, dass sie unbedingt noch einmal in ihr Zimmer zurückwollten, um noch drei Perlenarmbänder und die pinke Lieblingssonnenbrille zu holen, wenn wir ohnehin schon spät dran waren?

Lag es am Versuch, sich selbst Cornflakes in die Schüssel zu kippen und dabei die die ganze Packung auf der Arbeitsplatte zu verteilen? Lag es daran, dass sie meinen geliebten Glasengel kaputtmachte, obwohl ich ihr gesagt hatte, sie soll ihn nicht anfassen? Lag es daran, dass sie wie ein Preisboxer gegen den Schlaf kämpfte, wenn ich dringend Ruhe gebraucht hätte? Lag es daran, dass die beiden sich über lächerliche Dinge stritten, zum Beispiel darüber, wer zuerst aus dem Auto aussteigt oder wer das größere Eis hat?

Ja, es lag an diesen Dingen - ganz normale Missgeschicke und Probleme, die man mit Kindern eben hat. Doch ich verlor deswegen fast die Kontrolle.

Es fällt mir nicht leicht, das zu schreiben. Und ich erinnere mich auch nicht gern an diese Zeit zurück, da ich mich in diesen Momenten selbst gehasst haben. Was war aus mir geworden, damit ich tatsächlich diese zwei geliebten kleinen Menschen anschrie, die mir wichtiger waren als mein eigenes Leben?

Ich sage Ihnen, woran es lag:

Es lag an der ständigen Ablenkung.

Ich hing fast ununterbrochen an meinem Handy, hatte zu viele Verpflichtungen, meine To-Do-Liste umfasste mehrere Seiten, und ich wollte zudem immer alles perfekt machen. Das war zu viel für mich. Und die Tatsache, dass ich plötzlich die Menschen in meinem Umfeld anschrie, war ein direktes Resultat des Gefühls, keine Kontrolle mehr über mein Leben zu haben.

Irgendwann musste ich ja die Nerven verlieren. Und das geschah eben immer hinter verschlossenen Türen, bei den Menschen, die mir am meisten bedeuten.

Bis zu jenem schicksalhaften Tag.

Meine ältere Tochter hatte sich einen Hocker geholt und wollte etwas aus dem Vorratsschrank holen. Dabei warf sie versehentlich eine Packung Reis herunter. Eine Million Reiskörner rieselten auf den Boden, und die Augen meiner Tochter füllten sich mit Tränen. Und da sah ich sie: Die Angst in ihren Augen, als sie sich mental auf die Schimpftirade ihrer Mutter vorbereitete.

Sie hat Angst vor mir, dachte ich, und das tat unvorstellbar weh. Meine sechsjährige Tochter hat Angst vor der Reaktion ihrer Mutter auf diesen kleinen Fehler.

Traurig erkannte ich, dass ich nicht die Mutter war, mit der meine Kinder aufwachsen sollten, und dass ich so auch nicht mein restliches Leben verbringen wollte.

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Einige Wochen später hatte ich die schmerzvolle Erkenntnis, dass ich mein Mobiltelefon dauerhaft aus der Hand legen muss und mich nicht mehr ständig ablenken lassen darf, damit ich mich wieder auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren kann.

Das war vor drei Jahren. Drei Jahre, in denen ich langsam ein paar Gänge zurückgeschaltet und die elektronische Ablenkung aus meinem Leben verbannt habe. Drei Jahre, in denen ich mich von unrealistischem Perfektionismus und der gesellschaftlichen Erwartung, alles schaffen zu müssen, befreit habe.

Je mehr ich mich von den inneren und äußeren Ablenkungen freigemacht habe, desto mehr haben sich auch der Stress und die Wut in mir aufgelöst. Unbelastet war ich nun in der Lage, ruhiger, vernünftiger und mitfühlender auf die kleinen Fehler und Missgeschicke meiner Kinder zur reagieren.

Ich sagte Dinge wie: „Es ist nur Schokosirup. Wenn du es aufwischt, sieht die Arbeitsplatte aus wie neu."

(Anstatt genervt zu seufzen und die Augen zu verdrehen.)

Ich half ihr, den Besen zu halten, während sie eine Ladung Cornflakes zusammenkehrte, die auf dem Boden gelandet war.

(Anstatt missbilligend und genervt zuzugucken.)

Ich überlegte gemeinsam mit ihr, wo sie denn ihre Brille hingelegt haben könnte.

(Anstatt ihr vorzuwerfen, dass sie schlampig ist.)

Und wenn ich aufgrund von Erschöpfung und ständigem Gejammer der Kinder völlig am Ende war, schloss ich mich kurz ins Badezimmer ein, atmete tief durch und sagte mir, dass Kinder eben Fehler machen - so wie ich auch.

Mit der Zeit verschwand die Angst in den Augen meiner Kinder, die sonst immer aufflackerte, wenn sie etwas angestellt haben. Zum Glück wurde ich auch wieder ihre Vertraute, wenn sie Probleme hatten, und war kein Feind mehr, von dem sie sich verstecken wollten.

Ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt jemals über diese tiefgreifende Veränderung geschrieben hätte, wäre da nicht dieser Vorfall beim Redigieren meines Manuskripts gewesen. In dem Moment war ich wirklich verzweifelt und kurz davor, zu schreien. Ich war gerade dabei, die letzten Kapitel meines Buchs zu überarbeiten, als mein Computer abstürzte.

Sämtliche Arbeit, die ich in die letzten drei Kapitel gesteckt hatte, war umsonst gewesen. Ich versuchte panisch, die letzte Dateiversion wiederherzustellen, doch es klappt nicht. Daraufhin wollte ich das Backup aufrufen, doch da gab es ebenfalls einen Fehler. Als mir klar wurde, dass diese drei Kapitel unwiederbringlich verloren waren, hätte ich heulen können. Vor allem aber wollte ich schreien und toben.

Doch das ging nicht, denn ich musste meine Kinder von der Schule abholen und zum Schwimmtraining fahren. Ich riss mich also mit aller Kraft zusammen, klappte mein Notebook zu und redete mir ein, dass es sehr viel schlimmere Probleme geben könnte, als diese drei Kapitel neu zu schreiben. Dann sagte ich mir, dass sich die Sache nun mal ohnehin nicht ändern lässt.

Als meine Kinder ins Auto stiegen, merkten sie sofort, dass etwas nicht stimmte. „Was ist los, Mama?", fragten sie gleichzeitig, sobald sie mein bleiches Gesicht gesehen hatten.

Ich wollte am liebsten schreien: „Ich habe gerade ein Viertel meines Buchs verloren!"

Ich wollte auf das Lenkrad einschlagen, weil das Auto gerade der letzte Ort auf der Welt war, wo ich sein wollte. Ich wollte heimfahren und mein Buch retten - und nicht meine Kinder zum Schwimmbad fahren, ihre nassen Badeanzüge auswringen, ihre zerzausten Haare kämmen, Abendessen machen, abspülen und danach die Kinder ins Bett bringen.

Stattdessen sagte ich ruhig: „Ich will gerade nicht reden. Ich habe einen Teil meines Buchs verloren, und ich will nicht reden, weil ich sehr, sehr frustriert bin."

„Das tut uns leid", sagte die ältere stellvertretend für beide. Und als wüssten sie, dass ich Ruhe brauchte, waren sie die ganze Fahrt über still. Der Tag lief wie gewohnt ab. Ich war zwar ruhiger als sonst, aber ich schrie die Kinder nicht an und versuchte auch, nicht an mein Buch zu denken.

Am Abend brachte ich schließlich die Kleine ins Bett und legte mich dann wie jeden Abend noch zu meiner älteren Tochter, um mit ihr über den Tag zu sprechen.

„Denkst du, du kannst die Kapitel noch retten?", fragte sie leise.

In diesem Moment fing ich an zu weinen. Nicht wegen der drei Kapitel. Ich wusste ja, dass ich sie neu schreiben konnte. Sondern wegen der Erschöpfung und Frustration, die mit dem Schreiben und Überarbeiten eines Buchs einhergehen. Ich war so kurz davor, es abzuschließen. Und dann dieser Rückschlag - das war so unglaublich enttäuschend.

Zu meiner Überraschung streichelte meine Tochter mir sanft über die Haare. Sie sagte beruhigende Dinge wie: „Computer können so frustrierend sein." Und „Ich kann mal gucken, ob ich das Backup retten kann." Und dann: „Mama, du schaffst das. Du bist die beste Schriftstellerin, die ich kenne." Und: „Ich werde dir helfen, so sehr ich kann."

Ich war in Schwierigkeiten, und sie war da. Geduldig und einfühlsam munterte sie mich auf und dachte gar nicht daran, es mir noch schwerer zu machen, wenn ich eh schon am Boden war.

Diese mitfühlende Geste hätte meine Tochter aber sicher nicht gelernt, wenn ich sie weiterhin ständig angeschrien hätte. Denn Schreien ist das Ende jeder Kommunikation. Das Band, das uns verbindet, wird durchtrennt, und wir entfremden uns immer mehr, anstatt uns näher zu kommen.

Wichtig an meiner Mama ist, dass sie immer für mich da ist, auch wenn ich in Schwierigkeiten stecke.

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Meine Tochter schrieb das über mich, die Frau, die eine schwierige Zeit durchgemacht hat, auf die sie nicht stolz ist, aus der sie aber gelernt hat. Und in den Worten meiner Tochter sehe ich auch Hoffnung für andere.

Wichtig ist: Es ist nie zu spät, mit dem Schreien aufzuhören.

Wichtig ist: Kinder vergeben schnell, vor allem, wenn sie merken, dass eine geliebte Person sich wirklich ändern will.

Wichtig ist: Das Leben ist zu kurz, um sich über verschüttete Cornflakes und verlegte Klamotten aufzuregen.

Wichtig ist: Egal, was gestern passiert ist, heute ist ein neuer Tag.

Heute können wir uns für eine friedliche Antwort entscheiden.

Und dadurch können wir unseren Kindern beibringen, dass Frieden Brücken baut - Brücken, über die wir in schwierigen Zeiten gehen können.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Hands Free Mama.

Rachel Macy Staffords Anfang Januar erschienenes Buch Hands Free Mama beschreibt genau, wie sie ihr perfektionistisches, hektisches Leben voller Ablenkungen hinter sich gelassen hat, um stattdessen wichtige Bindungen aufzubauen und inneren Frieden und Dankbarkeit zu finden.

Übersetzt aus der Huffington Post USA.
Hier geht's zum Original.


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