POLITIK
08/04/2016 04:25 CEST | Aktualisiert 08/04/2016 07:17 CEST

Böhmermanns Sendung zeigte, unter welchem Druck er nach dem Schmähkritik-Skandal steht

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Anne Will und Jan Böhmermann bei "ZDF Neo Royal"

  • In seiner ersten Sendung nach dem Schmähkritik-Skandal erwähnt Jan Böhmermann die Türkei nicht einmal

  • Trotzdem war die Sendung voller versteckter Anspielungen

  • Die Sendung zeigte, unter welchem Druck er nach dem Schmähkritik-Skandal steht

Nichts. Jan Böhmermann sagte in seiner ersten Sendung nach dem "Schmähkritik"-Skandal einfach gar nichts zur Türkei oder zu Erdogan. Und das sagte dann doch sehr viel. Über das ZDF. Über Erdogan. Und über Merkels Regierung.

In dieser Woche hatte die Staatsanwaltschaft Mainz Ermittlungen gegen den 35-jährigen Komiker aufgenommen, weil er in der Woche zuvor ein Schmähgedicht über Erdogan vorgetragen hatte, das mit Begriffen unterhalb der Gürtellinie arbeitete.

Wer hoffte, dass Böhmermann in dieser Sendung nachlegen würde, wurde enttäuscht. Er redete demonstrativ nicht über die Türkei. Wenn sein Gast, die ARD-Moderatorin Anne Will, das Thema ansprach, antwortete er einfach nicht.

Doch wäre Böhmermann nicht Böhmermann, wenn diese Sendung nicht voller Anspielungen gewesen wäre. Die Sendung zeigte zwischen den Zeilen, unter welchem Druck der Komiker steht.

"Bitte interpretieren Sie nichts hinein"

Das Hashtag der Woche war #witzefrei. Ein versteckter Hinweis auf Zensur? Doch der Komiker selbst sagt zu dem Hashtag: "Bitte interpretieren Sie nichts hinein." Und erreicht damit genaue das Gegenteil.

An einer anderen Stelle sagte er: "Die Witze heute könnten etwas schlechter werden. Wir sind eigentlich hohe Qualität gewohnt – heute kann es anders sein, weil Beatrix von Storch den Rundfunkbeitrag nicht bezahlt hat." Das ZDF hatte seinen Beitrag aus der Mediathek mit dem Hinweis gelöscht, er würde den "Qualitätsansprüchen" des Senders nicht genügen.

Mit seinem Sidekick Ralf Kabelka unterhielt er sich über neue berufliche Perspektiven. Vielleicht mal ein Wechsel in die Privatwirtschaft? Ich überleg mir gerade, mich beruflich mal umzugucken...", sagte Böhmermann und stellte sein neues Label "Böhmer-wohnen.de" vor. "Wer träumt nicht diese Tage davon, so zu leben wie ich?"

Erdogans Arm reicht auch nach Deutschland

Will fragte ihn: "Wir hatten in unserer nächsten Sendung das Thema Türkei vor. Da haben wir sehr lange drüber nachgedacht, wer könnte ein geeigneter Gast sein. Da haben wir über dich nachgedacht, aber... Würdest du es machen?"

Böhmermann geht nicht darauf ein, sondern spricht er über die Panama Papers. Etwas später fragt er die Moderatorin nach dem Thema ihres nächsten Politik-Talks. Will zögert kurz und antwortet dann: "Türkei... Wissen wir noch nicht." Böhmermanns Retourkutsche darauf: "Wie ist dein Verhältnis zu Günther Jauch? Um mal eine ähnliche Frage zurückzugeben."

Was man aus dieser Sendung mitnehmen kann, ist doch, dass Erdogans Arm auch nach Deutschland reicht.

Gestern wurde bekannt gegeben, dass die Staatsanwaltschaft Mainz nicht nur Anzeigen gegen Jan Böhmermann prüft, sondern auch gegen Verantwortliche des ZDF erhoben hat - wegen "Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten".

Türkische Botschaft verfolgt "Angelegenheit mit größter Aufmerksamkeit"

Die Staatsanwaltschaft hatte daher einen Mitschnitt der Schmähkritik-Sendung von dem Sender angefordert. Das hinterließ sicher viel Eindruck beim Sender.

Die Eingaben an die Staatsanwaltschaft stammen von Privatpersonen - wahrscheinlich deutsche Erdogan-Anhänger türkischer Abstammung.

Ein Strafverlangen der Türkei oder ihres Präsidenten Recep Tayyip Erdogan liege nicht vor, teilte die Leitende Oberstaatsanwältin Andrea Keller mit. Allerdings teilte die türkische Botschaft in Berlin auf Anfrage mit, dass sie "diese Angelegenheit mit größter Aufmerksamkeit und mit all ihren Aspekten" verfolge.

Auswärtiges Amt gab mit Gutachten das Strafverfahren ins Rollen

Aber es war das Auswärtige Amt, das ein juristisches Gutachten in Auftrag gab und Böhmermann Schmähkritik als "wahrscheinlich strafbar" bezeichnete - und damit die Eingaben erst ins Rollen brachte. Mit der Prüfung reagierte das Auswärtige Amt auf den erheblichen Unmut, den Böhmermanns Erdogan-Kritik in der türkischen Regierung ausgelöst hatte.

Nach dieser Sendung kann man sich lebhaft vorstellen, wie die Gespräche zwischen Böhmermann und seinen Vorgesetzten beim ZDF abliefen.

Wahrscheinlich an einem Konferenztisch, in dessen Mitte kleine Flaschen mit Wasser und Orangensaft standen. Wahrscheinlich war ein Justiziar des ZDF bei dem Gespräch dabei. Und wahrscheinlich wurde Böhmermann über die "Qualitätsansprüche" des Senders aufgeklärt.

Böhmermann hat die Botschaft verstanden. Erdogans Einfluss hat damit Deutschland erreicht.

Und das ist überhaupt nicht witzig.

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