WIRTSCHAFT
05/04/2016 19:47 CEST | Aktualisiert 06/04/2016 11:52 CEST

Das Märchen von der Leistungsgesellschaft - deshalb kommt man in Deutschland mit Arbeit nicht zu Wohlstand

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Raffgierig, wenig patriotisch, etwas schusselig und, wenn es um das eigene Vermögen geht, meist wenig gesprächsbereit. Dieses Bild von Deutschlands Reichen und Superreichen ergibt sich, wenn man die Recherchen hunderter Journalisten zu den sogenannten Panama Papers betrachtet.

Tausende Deutsche sollen der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge große Summen in geheimen Offshore-Konten in Übersee gebunkert und möglicherweise zum Teil auch vor dem deutschen Fiskus versteckt haben. Darunter sind Manager, Firmeninhaber, Aufsichtsräte und viele in der Öffentlichkeit völlig unbekannte Reiche.

Von Beruf Sohn - nur wenige der deutschen Milliardenvermögen sind selbst erarbeitet

Und ohne den weiteren Enthüllungen vorweg greifen zu wollen, scheint eines sehr wahrscheinlich: Viele der Freunde Panamas dürften die verschobenen Vermögen schlicht geerbt haben. Ihr Beruf: Sohn oder Tochter.

Denn wer in Deutschland zu sehr großen Vermögen gekommen ist, hat hierfür oft nicht allzu viel selbst beigetragen. Nur jeder vierte der laut Forbes 123 deutschen Dollar-Milliardäre hat sich sein Vermögen auch erarbeitet. Zu diesem Ergebnis war die Beratungsfirma Wealth-X im vergangenen Jahr gekommen, als sie Deutschlands Superreiche einmal genauer beleuchtete. In Großbritannien, dem Mutterland der Markwirtschaft, haben dagegen zwei Drittel der dortigen Milliardäre ihr Vermögen allein angehäuft.

Milliardäre haben häufiger keinen Schulabschluss als der Durchschnittsbürger

Wer steinreich ist, hatte dagegen hierzulande oft auch steinreiche Eltern. Da kann man es sich sogar leisten, ein Schulversager zu sein: Laut Wealth-X haben von Deutschlands Geldadel acht Prozent keinen Schulabschluss. Im Durchschnitt verlassen dagegen nicht einmal halb so viele Deutsche (3,8 Prozent) die Schule ohne erfolgreiches Zeugnis.

Dass Reichtum nicht mit einer großen Lebens-Leistung gleichzusetzen ist, belegt auch eine andere Zahl: Obwohl die Wiedervereinigung nun mehr als zweieinhalb Jahrzehnte zurückliegt, kommt Forbes zufolge kein einziger Milliardär aus den fünf neuen Bundesländern. Manche alte West-Dynastie konnte dagegen sogar auf in der NS-Zeit zusammengerafftes Vermögen zurückgreifen.

Unter den jetzt enttarnten Offshore-Fans ist laut "SZ" sogar ein adliger Milliardär. Über die Gründe für sein seltsames Finanzgebaren schwieg der Mann, der sogar so schusselig war, die Unterlagen seiner Phantomfirma zu verlegen, gegenüber der Zeitung lieber.

Das große Märchen von der Leistungsgesellschaft

Sieht so der deutsche Leistungsträger aus? Schließlich wurde der normal arbeitenden Bevölkerung ja viele Jahre lang gesagt, dass Leistung auch mit Wohlstand einhergeht.

Das panamaische Datenleck zeigt einmal mehr: Viele Superreiche haben sich auch hierzulande schon lange von einem lange geltenden zentralen gesellschaftspolitischen Konsens verabschiedet. Der sah vor, dass Reiche überproportional mehr abgeben als Normalverdiener.

Aufstiegs-Versprechen wird gebrochen

Der Satz, Leistung lohne sich, ist in der Bundesrepublik längst zu einer Floskel verkommen. Etwa 40.000 Menschen hierzulande gehört fast ein Fünftel (17 Prozent) des gesamten Vermögens. Die ärmere Hälfte der Deutschen muss sich mit gerade einmal 2,5 Prozent aller Besitzstände zufrieden geben.

42 Prozent der Kinder sind armutsgefährdet. In Städten wie Berlin oder Bremen ist jedes dritte Kind von Hartz IV abhängig. Das Gründen einer Familie ist für viele Menschen bis hinein in den Mittelstand also zunehmend vor allem eines – ein immenses Armutsrisiko.

Marcel Fratzscher, Chef des renommierten - und politisch keineswegs linken - Deutschen Instituts für Wirtschaft, resümiert, Deutschland schneide bei der sozialen Ungleichheit „im internationalen Vergleich miserabel ab“. Der durchschnittliche deutsche Haushalt habe nur "ein Drittel des Vermögens von einem spanischen oder italienischen – und die Hälfte von einem griechischen Durchschnittshaushalt".

Die unteren 40 Prozent hätten „hierzulande praktisch überhaupt kein Nettovermögen, also etwas, mit dem sie Vorsorge betreiben können“, klagt Fratzscher. Da sei „eine kaputte Waschmaschine schnell eine finanzielle Katastrophe“, so der renommierte Experte.

Immer wieder bekommen die ärmeren Menschen zu hören, man müsse sich nur anstrengen. Und sie kämpfen jeden Tag, wollen, dass es ihre Kinder besser haben. Doch das Versprechen einer besseren Zukunft, das noch in den 1970er Jahren galt, ist längst zu einer großen Lüge geworden.

Chancengerechtigkeit erinnert an ein Kastensystem des Mittelalters

„Es gibt kaum ein Land in der industrialisierten Welt, das eine so geringe Chancengleichheit hat, wie Deutschland“, sagt der Top-Ökonom Fratzscher. Die soziale Mobilität sei „gering“.

Es sei für Menschen aus einem sozial schwachen, bildungsfernen Milieu extrem schwierig, aufzusteigen. „Das liegt auch daran, dass diese Menschen vom Kindesalter an hohe Barrieren in den Weg gelegt bekommen“, weiß Fratzscher.

Studien geben dem DIW-Chef recht: Ein Arbeiterkind hat – je nach Bundesland – bis zu sechsmal geringere Chancen als ein Beamtenkind, Abitur zu machen. Ein Studium hängt von Berchtesgaden bis Kiel mittlerweile so sehr wie lange nicht vom Geldbeutel der Eltern ab.

Zudem haben sich längst - von der tatsächlichen Leistungsfähigkeit eines Menschen unabhängige - Netzwerke gebildet. Bestimmte Bevölkerungsgruppen schanzen sich Top-Posten zu. Wer nicht eine Spitzen-Uni besucht und diverse teure Auslandsaufenthalte vorweisen und auf die Patronage des elterlichen Netzwerks setzen kann, hat es deutlich schwerer.

Unternehmersöhne werden Unternehmer, Arztsöhne werden Ärzte und die Väter vieler Top-Journalisten waren selbst Top-Journalisten. Die Chancengerechtigkeit erinnert an das Kastensystem des Mittelalters statt an eine moderne Demokratie.

Elitenforscher: Wirtschaft beherrscht Gesellschaft

Der renommierte Elitenforscher Michael Hartmann untersucht seit vielen Jahren den „Mythos der Leistungseliten“. Aus Sicht von Hartmann hat die Wirtschaft längst die Herrschaft über die Gesellschaft inne.

Um ihren Machtanspruch zu rechtfertigen, propagiere sie unablässig den Leistungsmythos. „Diese Ideologie wird vor allem in den Top-Etagen der Wirtschaft gepflegt“, schrieb der Soziologe bereits 2002. Im Unterschied zur Politik, wo überall gekungelt, geschoben und protegiert werde, Leistung nicht wirklich ausschlaggebend sei, könne man in den Unternehmen nur mit Leistung an die Spitze kommen. Dies sei das Credo, das die meisten Top-Manager propagierten.

Schon damals war diese Aussage nicht haltbar. Das zeigte eine Studie Hartmanns.

Der Forscher hatte die Lebensläufe von tausenden Spitzen-Absolventen deutscher Unis untersucht. Alle waren prädestiniert für Top-Positionen in Wirtschaft und Verwaltung.

Doch denjenigen, die nicht aus wohlhabenden Elternhäusern kamen, half die gute Ausbildung in vielen Fällen nur wenig. Von den Absolventen mit Doktortitel aus der Arbeiterklasse und den Mittelschichten hat es nur ungefähr jeder Elfte bis in die Chefetagen geschafft. Wer aus dem Großbürgertum stammte, hatte dagegen eine Chance von eins zu vier.

Löhne werden sehr hoch, Erbschaften fast gar nicht besteuert

Gelingt es Kindern aus ärmeren Haushalten dann doch – etwa über ein Stipendium oder durch besonders harte Arbeit - aufzusteigen, werden sie mit im internationalen Vergleich sehr hohen Steuern und Abgaben belastet. Kapitaleinkünfte werden in Deutschland mit 25 Prozent weit geringer als die Gehälter vieler Menschen besteuert.

Bei vererbten Millionen- und Milliardenvermögen langt der hiesige Fiskus in der Praxis bislang so gut wie gar nicht zu. Jedes Jahr werden in Deutschland Vermögen im Wert von bis zu 300 Milliarden Euro vererbt. Oder verschenkt.

Die Einnahmen aus der Erbschaftsteuer lagen 2014 aber nur bei mickrigen 5,5 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Aus der Umsatzsteuer, die vor allem die Unter- und Mittelschicht bezahlen muss, erzielte der Staat im selben Jahr mit 203 Milliarden Euro fast 37 Mal so viel.

Selbst in den wirtschaftsliberalen USA gelten weit höhere Erbschaftssteuersätze als hierzulande.Von einer Leistungsgesellschaft ist Deutschland so weit entfernt wie lange nicht. Zahlreiche Ökonomen, Grüne und Linke sprechen sich deshalb für eine höhere Erbschafts- und Kapitalertragssteuer aus.

Manche Wirtschaftswissenschaftler fürchten allerdings, dass dann nur noch mehr Menschen ihr Geld wie der adlige Milliardär in Offshore-Paradiese schaffen könnten. Linkspartei-Urgestein Gregor Gysi fordert deshalb die Einführung des in den Vereinigten Staaten bei Steuerfragen geltenden Staatsbürgerschaftsprinzips statt des hier geltenden Wohnortsprinzips. Anders als deutsche müssen amerikanische Bürger, wenn sie im Ausland niedrigere Steuern als in den Vereinigten Staaten bezahlen, die Differenz an die US-Steuerbehörden abführen.

Weitgehend unstrittig ist dagegen: Höhere Ausgaben für Bildung und die Schließung von Steueroasen wären zwei wichtige Schritte zu mehr Leistungsgerechtigkeit.

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