POLITIK

10.000 Flüchtlingskinder sind verschwunden - Europol hat einen ungeheuren Verdacht

30/03/2016 12:14 CEST | Aktualisiert 21/04/2016 13:41 CEST

  • Europol warnt, ein Teil der Jungen und Mädchen könnte Opfer der Sex-Mafia geworden sein

  • Die Polizeigewerkschaft glaubt, dass viele der Kinder, zu Kriminellen abgerichtet werden

  • Eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen im Text seht ihr im Video oben

Das Schicksal des vierjährigen Mohamed, der im Sommer vergangenen Jahres vor dem Lageso entführt und später von einem Pädophilen missbraucht und umgebracht wurde, weckte damals einen dunklen Verdacht.

Haben es Pädophile und Kriminelle gezielt auf die nach Deutschland gekommenen Flüchtlingskinder abgesehen? Viele von ihnen kommen alleine in die Bundesrepublik. Und diese Jungen und Mädchen vermisst oft erst einmal niemand - zumindest kein Angehöriger.

Klar ist: Tausende Flüchtlingskinder sollen in Deutschland im vergangenen Jahr verschwunden sein. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Europaweit 10.000 Kinder verschwunden

Bereits im vergangenen Sommer hatte das Deutsche Rote Kreuz davon gesprochen, dass sich allein im ersten Halbjahr 2015 doppelt so viele Anfragen von Flüchtlings-Familien, die ihre Kinder suchen, eingingen als noch im gleichen Vorjahreszeitraum. Seither stieg die Zahl weiter an. Das DRK betreibt eine der europaweit größten Such-Seiten für Vermisste.

Europol: Diese Kinder könnten aber Opfer von Missbrauch werden

Im Februar hatte die europäische Polizeibehörde Europol mitgeteilt, mindestens 10 000 allein reisende Flüchtlingskinder seien in den vergangenen 18 bis 24 Monaten nach ihrer Ankunft in Europa spurlos verschwunden.

"Dies bedeutet nicht, dass allen etwas passiert ist", sagte ein Europol-Experte. Doch er fügte hinzu: Diese Kinder könnten Opfer von Missbrauch werden. "Wir bitten unsere Kollegen in Europa, sich darüber im Klaren zu sein, dass dies passieren könnte", so der Kriminaler.

Tausende Kinder, die das Opfer der europaweit agierenden Kindersex-Mafia geworden sein könnten? Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), sagt im Gespräch mit der Huffington Post: "Es ist eine Annahme von Kriminalern, dass sich tausende Flüchtlingskinder in der Hand von Sex-Gangstern befinden“. Dies sei auch "durchaus möglich". Wendt geht allerdings auch davon aus, dass „ein großer Teil der Kinder schlicht untergetaucht ist und als Trick-Diebe oder Einbrecherbanden abgerichtet werden“.

BKA geht von 5000 verschwundenen Flüchtlingskindern alleine in Deutschland aus

Viele Politiker wollen freilich nicht mehr spekulieren. Mittlerweile fordern nun auch mehrere Europa-Abgeordnete Aufklärung über das Schicksal der verschwundenen Kinder. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung“. In einem Brief an den Rat der 28 Mitgliedstaaten weisen die Parlamentarier dem Bericht zufolge darauf hin, dass die Verschollenen möglicherweise Opfer von paneuropäischen Banden würden, die sie für Sexarbeit, Sklaverei oder Organhandel missbrauchen.

Beim deutschen Bundeskriminalamt (BKA) waren Anfang Januar laut "SZ" 4749 minderjährige Flüchtlinge registriert, deren Verbleib niemand kennt. 431 von ihnen waren demnach jünger als 13 Jahre.

Das BKA schränkt allerdings ein, dass in der Statistik Mehrfachregistrierungen von Flüchtlingskindern Unklarheit erzeugen. Man könne nicht ausschließen, dass bei der hohen Vermisstenzahl auch Straftaten eine Rolle spielten, sagte eine BKA-Sprecherin der "SZ": "Bislang aber liegen keine Hinweise vor, wonach kriminelle Banden Flüchtlingskinder versklaven."

Deutsche Wohlfahrtsverbände helfen betroffenen Eltern

Seit langem warnen hierzulande Hilfsorganisationen, dass Verbrecher das Chaos rund um die Aufnahmestellen und Asylunterkünfte ausnutzen könnten. Doch selbst, wenn die Kinder nicht in die Hände von Kriminellen geraten, ist es für die Eltern verschwundener Kinder zunächst einmal die Hölle, wenn sie nicht wissen, wie es ihren Liebsten geht.

Schockria Rabani hat erfahren, wie es sich anfühlt, wenn eine Mutter durch den größten Schmerz ihres Lebens geht. Eigentlich schienen die schlimmsten Strapazen der Flucht überstanden, als Schockria mit ihrer afghanischen Familie an der griechischen Küste aus dem Boot gestiegen war.

Doch hatte die Mutter ihren zehnjährigen Sohn Mahdi an der türkischen Küste aus den Augen verloren. Im Gedränge war Mahdi in ein anderes Boot gestiegen. Zusammen mit Hunderten anderen Flüchtlingen ist es gekentert, erfährt Schockria von anderen Geflüchteten an der Küste.

Ein Suchdienst des Roten Kreuzes sorgte für ein Wunder

Ein Jahr lang kämpfte die Mutter mit der Ungewissheit, ob ihr Sohn nicht doch überlebt hat. Ein Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes für vermisste Angehörige von Flüchtlingen machte dieses Wunder möglich. Kurz vor Weihnachten schloss sie ihren totgeglaubten Sohn Mahdi in Hannover wieder in die Arme. Wie sich herausstellt, war Mahdi mit einer anderen afghanischen Familie in die Schweiz geflohen.

schockria und ihr sohn mahdi

Trace the Face heißt das Hilfsprojekt, das vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und 28 europäischen Rotkreuzgesellschaften ins Leben gerufen wurden und Flüchtlingen die Online-Suche nach vermissten Angehörigen möglich macht.

Rund 60 Prozent der Anfragen zu Flüchtlingskindern

Suchende, die etwa auf der Flucht von ihren Angehörigen getrennt worden sind, können unabhängig vom dem Land, in dem sie sich zum Zeitpunkt der Suche aufhalten, ihr Foto auf der Webseite veröffentlichen und so von ihrer Familie oder ihren Freunden wieder gefunden werden.

Nach Angaben des DRK-Präsident Rudolf Seiters lässt sich über die Online-Suche auch auf eine steigende Zahl von vermissten Flüchtlingskindern schließen. Bei der Suche nach Flüchtlingskindern würde der Suchdienst rund 60 Prozent mehr Anfragen als in den vergangenen Jahrzehnten verzeichnen. Etwa zwei Drittel der Fälle könnten laut DRK geklärt werden, die Familien wieder zusammengeführt werden.

"Trace the Face Kids" als Pilotprojekt für Flüchtlingskinder

Das Internationale Rote Kreuz hat nun reagiert und einen eigenen Dienst zur Suche von vermissten Flüchtlingskindern eingeführt. "Trace the Face Kids" heißt das Pilotprojekt, in das bereits mehrere Hundert Fotos von vermissten Kindern eingestellt wurden und in Zusammenarbeit mit dem Roten Halbmond umgesetzt wird. Die Sicherheitsvorkehrungen bei der Suche sind höher als bei erwachsenen Flüchtlingen: Nur Mitarbeiter des Suchdienstes kommen über Passwörter hinein.

Zu sehen sind Kinder, die ihre Eltern suchen, aber auch Eltern, die nicht wissen, wo ihre Kinder sind. Diese erweiterte Suchmöglichkeit wird bisher als Pilot zunächst von Rotkreuz-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern in Deutschland, Österreich, Kroatien, der Schweiz, Belgien, Norwegen und Mazedonien erprobt.

Für die Tausenden Mütter und Väter, die ihre Kinder auf der Flucht verloren haben, könnte das Projekt wie bei Schockria für ein Wunder sorgen.

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