POLITIK

"Extra3" tritt nach: "Wenn Erdogan keine Kritik will, sollte er die Kanzlerin treffen"

31/03/2016 03:56 CEST | Aktualisiert 31/03/2016 22:39 CEST

Ob Martin Erdmann, der deutsche Botschafter in Ankara, den NDR empfangen kann? Sicher ist: Gestern Abend hatte "Extra3"-Moderator Christian Ehring viele prominente Zuschauer in Berlin - wahrscheinlich auch am Bosporus.

Er war sich der Einmaligkeit dieser Sendung bewusst. Ein Satire-Beitrag über den türkischen Präsidenten Erdogan hatte dazu geführt, dass die Türkei Botschafter Erdmann einberief, um die Löschung des Beitrags aus dem Internet zu verlangen.

Das verschaffte dem "Extra3"-Moderator eine nie da gewesen Aufmerksamkeit. Und er nutze sie, um noch einmal kräftig nachzulegen.

"Es gibt diplomatische Verstimmungen zwischen der Türkei und Extra3", eröffnete er die Sendung. "Wir haben heute bei uns den türkischen Botschafter einbestellt - er ist bloß nicht erschienen." Wohin solle das alles nur führen? Zu Krieg? Er habe nur Zivildienst im Altenheim geleistet.

Erdogan wird zum "Mitarbeiter des Monats"

Letztlich plädierte Ehring für Deeskalation im "extra-3"-türkischen Konflikt. Er wolle kein Öl ins Feuer gießen, denn Erdogan habe mehr davon - manche sagten ja, er würde es vom IS kaufen.

Man müsse dem türkischen Präsidenten dafür dankbar sein, dass die Zusammenarbeit mit ihm hervorragend geklappt habe. "Extra3" habe kritisiert, dass er die Pressefreiheit einschränke - und er reagiert darauf, indem er versucht, die Pressefreiheit einzuschränken Die Sendung wählte ihn aus diesem Grund auch zum Mitarbeiter des Monats.

Ehring machte sich weiter über den Präsidenten lustig. Im Interview mit dbate erklärte er, Erdogan gucke offenbar "extra 3", zahle aber keine Gebühren.

Vielsagend war auch ein Einspieler, in dem die stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amtes Sawsan Chebli versuchte, die Einbestellung des Botschafters zu einer "schärferen Form der Terminvereinbarung" herunterzuspielen, und über diese offensichtlich dämliche Formulierung selbst ins Kichern geriet.

"Sei charmant, denn er hat dich in der Hand"

Das umstrittene Video, das Erdogan nicht passte, gab es am Mittwochabend noch einmal zu sehen. "Vielleicht hat Erdogan den Beitrag nicht verstanden?", meinte Moderator Christian Ehring. "Deswegen gibt es ihn jetzt noch mal mit türkischen Untertiteln!"

Der Satire-Beitrag war am 17. März erstmals zu sehen und wurde auf YouTube mittlerweile rund drei Millionen Mal angeklickt. Zur Musik von Nenas "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" legte das Satiremagazin dem umstrittenen Staatschef Textzeilen wie "Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast" in den Mund.

Zu Bildern von Angela Merkel texte die Redaktion: "Sei charmant, denn er hat dich in der Hand" - eine Anspielung auf das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei.

Durch ihre Nicht-Reaktion auf die Einbestellung des Botschafters war die Bundesregierung in die Kritik geraten. Nach dem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei waren Befürchtungen aufgekommen, dass Deutschland sich damit erpressbar mache und sich in Zukunft mit Kritik an Menschenrechtsverletzungen zurückhalten müsse.

Steinmeiers Reaktion kam spät und unengagiert

Der diplomatische Vorfall bestätigte dies Sorgen. Obwohl die Einbestellung eines Botschafters ein bedeutendes diplomatisches Ereignis ist, hatte das Auswärtige Amt darüber nicht berichtet. Der Fall wurde erst eine Woche später durch "Spiegel online" öffentlich gemacht.

Erst nach massiver Kritik äußerte sich Frank-Walther Steinmeier gestern zu dem Vorfall: "Ich finde, dass wir von einem Partnerland der Europäischen Union erwarten können (...), dass es unsere gemeinsamen europäischen Werte teilt", sagte er gestern bei einem Besuch in Usbekistan. Das kam spät und unengagiert.

Moderator Ehring fasste diese Situation treffend zusammen: "Wenn er Kritik hören will, muss er "extra 3" sehen", sagte er an Erdogan gerichtet.

"Will er keine Kritik hören, sollte er besser die Bundeskanzlerin treffen."

Mit Material der DPA

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