POLITIK

Moderator vor neuer "extra 3"-Sendung: Könnte Erdogan heute schmutzigen Deal anbieten

30/03/2016 20:53 CEST | Aktualisiert 31/03/2016 16:51 CEST

  • Erdogan reagierte empfindlich auf die "extra 3"-Satire

  • Die Politik kritisiert, der Moderator ist erfreut, das Netz reagiert amüsiert

  • Zur Lösung: Christian Ehring hat nun einen unkonventionellen Vorschlag für den türkischen Präsidenten

Erdogans Kritik an der Satire-Sendung "extra 3" sorgte für eine Eskalation, die es in Deutschland vergleichbar nur wegen großen Skandalen wie der NSA-Affäre gibt.

Dass die deutsche Regierung nicht für die unzensierten Veröffentlichungen der Medien im Land verantwortlich ist, scheint den türkischen Präsidenten dabei nicht zu interessieren. Diejenigen, an die Erdogan seine Kritik eigentlich hätte richten müssen, sitzen nämlich weder in Ankara noch in Berlin, sondern in Hamburg beim NDR: die Journalisten von "extra 3".

Die Redaktion rund um Leiter Andreas Lange hatte zur international bekannten Melodie von Nenas "Irgendwie irgendwo irgendwann" Erdogans Repressalien gegen die Presse, die Situation der Opposition sowie Merkels laschen Umgang mit der Türkei kritisiert.

Der türkische Präsident pfeife auf die Demokratie und würde lieber die Kurden als die "Glaubensbrüder" der Terrororganisation IS bombardieren. Der Titel: "Erdowie Erdowo, Erdogan".

Ob das zu hart formulierte Kritik war? "extra 3"-Moderator Christian Ehring glaubt nein. "Wir machen uns natürlich Gedanken, wie weit man gehen kann", sagte er im Interview mit "Focus Online". "Aber wenn wir uns sicher sind, dass der Adressat der richtige ist, dann haben wir auch kein schlechtes Gewissen, draufzuhauen." Damit sich das nicht ändere, wolle er Politiker auch lieber nicht persönlich kennenlernen.

"Das ist natürlich das, was man sich als Satiriker wünscht."

Während der deutsche Botschafter wohl bestürzt über seine Vorladung in Ankara war, freut sich die "extra 3"-Redaktion über die Aufmerksamkeit. "Bei uns heißt es immer: Wenn man schießt und jemand schreit 'Aua', dann hat man getroffen - und das scheint glaube ich hier der Fall zu sein", sagte Redaktionsleiter Andreas Lange gegenüber dem Medienmagazin "Zapp".

Und Christian Ehring gibt bei "Focus Online" zu: "Das ist natürlich das, was man sich als Satiriker wünscht. Aber nur die allerwenigsten Politiker tun einem den Gefallen, zu reagieren." In seinen knapp fünf Jahren als "extra 3"-Moderator sei das noch gar nicht vorgekommen.

Um so empfindlich zu reagieren, seien deutsche Politiker "viel zu professionell, viel zu abgebrüht", sagte er im Skype-Interview mit "dbate.com". "Selbst Novizen wie von den Piraten oder von der AfD würden in so ein Fettnäpfchen nicht treten."

Türkische Untertitel als weitere Provokation

Das hat natürlich seinen Grund: Wenn Politiker auf Satire reagieren, machen sie diese dadurch nur populärer. Die Folge: Mittlerweile hat "extra 3" ihr Liedchen mit englischen und türkischen Untertiteln versehen - die Videos erfreuen sich nun internationaler Beliebtheit.

Er glaubt allerdings nicht, dass der Film allein Auslöser für Erdogans Wutausbruch war. Vielmehr haben ihn wohl mehrere Handlungen von deutscher Seite auf die Palme gebracht - unter anderem dass der deutsche Botschafter einem Prozess gegen türkische Journalisten beigewohnt hatte. "Unser Film war dann wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat."

Über Erdogans Forderung an die deutsche Regierung, das Video zu löschen, kann Ehring dagegen nur lachen: "Erdogan kann jetzt natürlich versuchen, das ganze Internet zu löschen", witzelt er bei "Focus Online". "Ich habe aber auch schon überlegt, ob es ihm vielleicht genügen würde, wenn ich ihm das Video auf einem USB-Stick zuschicke und er den dann vernichten kann. Vielleicht würde ihm das Befriedigung verschaffen."

Am heutigen Abend wird die nächste Sendung ausgestrahlt. Uns eines ist darüber schon bekannt: Das Thema Erdogan wird natürlich erneut aufgegriffen. "Wir wollen aber auch nicht noch mehr Öl ins Feuer geben, denn davon hat Erdogan sowieso mehr", scherzt Ehring. Er habe sich stattdessen überlegt, dem türkischen Präsidenten wie schon die EU einen "schmutzigen Deal" vorzuschlagen: "Für jeden Erdogan-Witz, der in der Türkei gemacht wird, nehmen wir von 'extra 3' einen Witz über ihn zurück."

Spitzname "Beschwerdogan"

Damit spielt er darauf an, dass Kritik an der Regierung im Land hart bestraft wird: Journalisten werden verhaftet, Redaktionen von kritischen Medien gestürmt. In der Türkei würde man für einen derartigen Beitrag wie das Liedchen der "extra 3"-Redaktion wohl im Gefängnis landen, betonte der Moderator gegenüber "Spiegel Online".

Der "extra 3"-Moderator sagt also letztlich: Wenn Erdogan Kritik aus dem eigenen Land zulässt und somit der ausländischen Presse keinen Grund zur Kritik mehr an ihm gibt, würde er das kritisieren auch sein lassen.

Klingt logisch - doch abwarten, wie lange es dauert, bis der deutsche Botschafter wieder im türkischen Außenministerium antanzen darf.

Dann aber würde das Netz sicherlich noch lauter lachen. Denn während Erdogan ja eigentlich erreichen wollte, dass man sich nicht mehr über ihn lustig macht, erreichte er das genau Gegenteil. Mittlerweile tobt im Internet schon ein Wettbewerb um die beste Veräppelung des Politikers. Seit die "extra 3"-Redaktion den Trend mit ihrem Lied "Erdowie, Erdowo, Erdogan" lostrat, scheinen Modifizierungen des Namens vom türkischen Präsidenten besonders in zu sein.

Einen Spitznamen hat er mittlerweile schon weg: "Beschwerdogan". Unter diesem Namen hat er jetzt schon sein eigenes Internet-Meme:

Erdogan beschwerdogan bei NDRdogan!--------------------------------Der Dancehit des Sommers "Deutschland wird wieder braun":https://youtu.be/z24KYwx1LtY

Posted by Snickers für Linkshänder on Dienstag, 29. März 2016


Auch der "Postillon", das Flaggschiff der deutschen Netzsatire, schaltete sich ein. Hier wird Erdogan als "Mimose vom Bosporus" verspottet.

Was haben nur alle gegen ihn? Extra 3

Posted by Der Postillon on Dienstag, 29. März 2016


Bundesregierung und EU-Kommission reagierten hingegen wenig amüsiert auf die diplomatische Intervention. "Präsident Juncker hat kein Verständnis dafür, wenn der deutsche Botschafter nur wegen eines satirischen Songs einbestellt wird", sagte eine Kommissionssprecherin am Mittwoch in Brüssel.

Sawsan Chebli, die Sprecherin des Auswärtigen Amtes erteilte Erdogan mittlerweile eine klare Absage auf seine Forderung: Meinungsfreiheit und Pressefreiheit seien nicht verhandelbar.

"Ein sehr prominenter Zuschauer in Ankara"

Wie dem auch sei - Der "extra 3"-Redaktion und ihrer Sendung nützt die ganze Aufregung allemal. Denn die hat durch den Clinch mit Erdogan stark an Bekanntheit zugelegt. Das könnte sich auch auf die Quoten der nächsten Folge heute Abend auswirken, bei der wahrscheinlich nicht nur deutsche Zuschauer einschalten.

Ihnen sei bewusst, dass sie diesmal "einen sehr prominenten Zuschauer in Ankara" haben würden, so Ehring. "Das freut mich, da bin ich dann auch bereit, darüber hinwegzusehen, dass er wahrscheinlich keinen Rundfunkbeitrag zahlt."

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