POLITIK
28/03/2016 11:53 CEST | Aktualisiert 28/03/2016 16:56 CEST

Der IS erleidet schwere Verluste - genau das macht ihn noch gefährlicher

ASSOCIATED PRESS
Der IS steht kurz vor der Niederlage - und das ist brandgefährlich

  • Der IS hat große territoriale Verluste zu beklagen

  • Die Erfolge im Anti-Terror-Kampf haben jedoch eine Kehrseite

  • Die Terror-Miliz könnte sich verstärkt auf Anschläge im Ausland konzentrieren

Die Rückeroberung der syrischen Stadt Palmyra durch syrische Regierungstruppen hat dem selbst ernannten Islamischen Staat eine weitere schmerzhafte Niederlage eingebracht.

Die Terrormiliz verliert an Territorium – und an Rückhalt: In den vergangenen anderthalb Jahren ist das vom IS kontrollierte Gebiet in der Levante fast um ein Viertel geschrumpft. Für die westliche Anti-Terror-Allianz Grund zur Genugtuung. Eigentlich.

Denn so beruhigend die Fortschritte im Anti-Terror Kampf im Nahen Osten zunächst anmuten mögen, so gefährlich kann die Entwicklung für Europa werden. Clint Watts, Terrorexperte am Foreign Policy Research Institute verglich den IS in einem Artikel für das Magazin "Foreign Policy“ kürzlich mit einem Tier, das verzweifelt mit dem Tod kämpft.

"Wenn ein wildes Tier stranguliert wird, kämpft es wild, tritt um sich und schreit, um den Tod zu verhindern. Es hofft, einen Ausweg zu erzeugen, um nicht zu sterben“, schreibt Watts mit Blick auf den IS.

Wie ein wildes Tier

Die Anschläge vom Brüssel können in diesem Zusammenhang betrachtet werden.

"Die Gruppe muss dringend Zeichen des Erfolges präsentieren, um internationale öffentliche Unterstützung sicherzustellen“, schrieb Watts weiter. Diese Zeichen des Erfolges seien in Syrien und dem Irak derzeit deutlich schwieriger zu erzielen als in der Vergangenheit - darum habe man begonnen, sich anderswo nach Möglichkeiten umzusehen.

Verluste in Syrien und dem Irak

Während Palmyra mit seinen antiken Ruinen für den IS eher einen Prestige-Standort darstellt, könnte der sich anbahnende Verlust von Mossul im Irak die Terrormiliz noch schwerer treffen. Mossul gilt als Hauptstadt des Islamischen Staates im Irak, die irakische Armee hatte vor einigen Tagen mit einer Großoffensive zur Rückeroberung begonnen. Mittlerweile ist auch die syrische IS-Hochburg Raqqah in arger Bedrängnis.

Der IS hat zudem bereits große Gebiete an kurdische Kämpfer im Nordirak und in Syrien verloren. Die territorialen Einbußen bedeuten für die Terroristen auch ein wirtschaftliches Problem: Viele der Ölquellen, die der Islamische Staat lange beherrschte, wurden zerstört oder zurückerobert.

Das amerikanische Militär vermeldete darüber hinaus kürzlich die Tötung des hochrangigen IS-Terroristen Abdul Rahman Mustafa al-Qaduli, einem Kopf der Miliz. Er kam demnach bei einem Luftangriff in Syrien ums Leben.

Vom Pseudo-Staat zum Terrornetzwerk

Die Organisationsstruktur des IS scheint somit langsam aber sicher zu zerbrechen: Das wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit einzelner Verzweiflungsschläge gegen den Westen. Der IS ist nicht stärker als je zuvor, wie einige Medien in der Hysterie der Brüsseler Anschläge vermeldeten, aber er ist gefährlicher.

Lange hatte der Islamische Staat nach außen den Eindruck gemacht, mehr zu sein als eine Terrororganisation. Manche Analysten gestanden dem IS sogar staatsähnliche Züge zu. Diese Etablierung eines mordlustigen Pseudo-Staates war für die Region sehr schmerzlich - dem Westen bot es die Möglichkeit, in der betroffenen Region mit konventionellen Methoden gegen den IS vorzugehen.

Gegen die "Lone-Wolf“-Attacken auf europäische Ziele greifen diese klassischen Mittel nicht. Der IS wandelt sich vom Pseudo-Staat zu einem sehr losen Terror-Netzwerk. Ein Schicksal, das sich in der Vergangenheit bereits bei der somalischen Islamisten-Miliz Al-Shabaab beobachten ließ.

Gebietsverluste, hervorgerufen durch eine internationale Koalition, sorgten für eine stärkere Konzentration der Terrororganisation auf "Schock-Attacken“, wie Clint Watts sie nennt. Immer wieder greift Al-Shabaab so Ziele in Mogadishu, aber auch jenseits der somalischen Grenzen in Kenia, Uganda und Tanzania an.

Der "IS" ist nicht Al-Qaida

Dennoch: Altbewährte Erklärungsmuster lassen sich hinsichtlich der Stärke und Schlagkraft des IS nicht anwenden. So greift der oft angebrachte Vergleich des IS mit Al-Qaida zu kurz.

Watts schreibt: "Es hat Al-Qaida zehn Jahre gekostet, zwei große Angriffe auf Europa zu starten.“ Damit bezieht er sich auf die Anschläge in Madrid 2004 und London 2005. Der IS stahlt seit den "Charlie Hebdo“-Anschlägen im Januar 2014 mit den Angriffen in Paris, Istanbul und Brüssel schon jetzt eine deutlich größere Bedrohung aus.

Und der Islamische Staat ist bei seinen Anschlägen noch unberechenbarer: Während Al-Qaida sich vor allem auf Anschläge auf Repräsentationsobjekte und –gebäude konzentrierte, gehen IS-Terroristen – wie die Anschläge in Brüssel und Paris zeigen - vor allem nach einer Maxime vor: je mehr Opfer, desto besser. Und die Zahl der IS-Unterstützer in Europa ist dabei nicht unerheblich, wie neue Analysen des Institute for the Study of War zeigen. Alleine in Deutschland sollen sich über 500 potenzielle IS-Unterstützer aufhalten.

Die Anschläge der Vergangenheit haben gezeigt: Den IS-Angreifern ist zweitrangig, ob sich Muslime unter den Opfern befinden. In den Augen von Al-Qaida eine moralische Verwerfung.

Der Westen muss sich bei allen lobenswerten Fortschritten im Kampf gegen den IS bewusst sein, wie gefährlich ein sterbendes Tier sein kann.

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