POLITIK
28/03/2016 16:51 CEST | Aktualisiert 29/03/2016 13:50 CEST

Diese Flüchtlinge kommen aus einem Bürgerkriegsland – und sie sind wahnsinnig witzig

Youtube

Täglich erreichen uns Bilder von Leid und Zerstörung aus Syrien. Und sie prägen auch das Image, das wir von diesem Land haben. Wenn wir an Syrien denken, dann an Fassbomben, zerborstene Häuserwände und die brutalen Hinrichtungen des Islamischen Staats.

Den Menschen, die vor dem Krieg nach Deutschland fliehen, werden wir damit nur bedingt gerecht. Das gilt selbst für jene, die Flüchtlingen helfen wollen, und ihre "Schützlinge“ immer nur auf die Opferrolle reduzieren.

Denn das Land, in dem diese Menschen ursprünglich einmal aufgewachsen sein, war früher eine der bedeutendsten Kulturnationen im arabischen Raum. Manchen galt Syrien sogar als "Mutterland des arabischen Humors“. Die Bürger dieses Landes waren nicht immer in Not: Es gab Zeiten, in denen syrische Künstler dieser Welt wertvolle Gedanken und viele lustige Momente geschenkt haben.

Deutschland, das Land der Schoko-Exzesse

Umso spannender ist es zu sehen, wie diese Tradition nun von syrischen Flüchtlingen im Ausland fortgesetzt wird. Etwa auf Youtube. Dort gibt es bereits den ersten Refugee-Comedy-Star in deutscher Sprache. Der aus Syrien geflüchtete Künstler Firas Alshater veröffentlicht seit Anfang 2016 seine Videos auf dem Kanal der "Zukar“-Website, auf der Flüchtlinge für Flüchtlinge schreiben. Bereits sein erstes Video mit dem Titel "Wer sind diese Deutschen?“ kam auf über 650.000 Abrufe.

In seinen Videos setzt sich Alshater humoristisch mit der eigenen Fremdheit in Deutschland auseinander – und mit dem Befremden, was ihn von einigen Deutschen entgegen gebracht wird.

In seinem Ostervideo etwa macht sich Alshater über das Wahlprogramm der AfD lustig. "Integration kann nur gelingen, wenn wir den Einwanderern eine feste und attraktive Identität bieten“, liest er aus einem Prospekt der Alternative für Deutschland vor.

Und dann zählt er auf, warum die deutsche Identität für ihn selbst so attraktiv ist: Alle großen christlichen Feste und auch Halloween drehen sich um Schokolade und Zucker. Viermal im Jahr Zucker-Rausch. Die Araber dagegen kämen nur auf zwei große Süßigkeiten-Exzesse. "Wir Araber können neidisch sein", bilanziert der Comedian.

Womit auch die Frage beantwortet wäre, wie Integration tatsächlich gelingen kann: Wir brauchen die Fähigkeit, über uns selbst lachen zu können.

Das haben auch die Angehörigen einer mittlerweile reichhaltigen iterarischen Exilantenszene verstanden, die schon eine ganze Reihe sehr sehens- und lesenswerter Werke hervorgebracht haben.

Der "syrische Bukowski"

Den Anfang machte vor mittlerweile drei Jahren der Berliner Digitalverlag Mikrotext, in dem gesammelte Facebook-Einträge des syrischen Autors Aboud Saeed unter dem Titel "Der klügste Mensch im Facebook" als E-Book veröffentlichte.

Saeed führte auf seiner Facebook-Seite eine Art literarisches Kriegstagebuch, in dem er sein sich stetig änderndes Leben und die Gewalt in seinem Heimatland verarbeitete. Das ZDF-Kulturmagazin "Aspekte“ nannte ihn damals den "syrischen Bukowski“, wohl auch wegen des rotzigen Sounds seiner Facebook-Postings. Doch so rühmlich dieser Vergleich auch sein mag – er wird der Arbeit Saeeds nicht gerecht.

Denn schon in seinem ersten Werk bewies Saeed über diesen Sound hinaus einen großartigen Sinn für das Absurde, der den oft rauen Realismus des vermeintlichen US-Vorbildes um eine weitere Facette ergänzt. Das wurde noch einmal im vergangenen Jahr mit der Veröffentlichung seines Werkes "Lebensgroßer Newsticker“ klar, in dem er sein Flüchtlingsleben von Deutschland aus reflektiert. Saeed lebt mittlerweile in Berlin und ist einer der ersten echten E-Book-Stars in Deutschland geworden.

Zynische Realität

Ebenfalls bei Mikrotext erschien im Jahr 2015 "Abu Jürgen. Mein Leben mit dem deutschen Botschafter“ von Assaf Alassaf – eine großartige Satire um einen in den Libanon geflüchteten Syrer und seine Bemühungen um ein Einreisevisum nach Deutschland, die ebenso wie Saeeds Werke von Sandra Hetzl übersetzt wurde.

Einerseits ist Alassafs E-Book eine bisweilen urkomische Posse: Der deutsche Botschafter ("Abu Jürgen“) wird im Verlauf der Geschichte zum imaginären Freund des Autors. Und bald schon wird klar, dass der Deutsche auch von dem Syrer viel lernen kann.

Andererseits hat das Buch einen durchaus ernsten Hintergrund: Im Libanon leben nach verschiedenen Schätzungen mittlerweile bis zu zwei Millionen syrische Flüchtlinge. Alassaf selbst ist zwar nicht im engeren Sinne geflüchtet – er arbeitete ab 2013 als Zahnarzt in Mauretanien und kam im folgenden Jahr in den Libanon – aber dennoch ist Alassaf Teil der syrischen Diaspora in diesem Land.

Posse um einen Visumsantrag

Nach Süden hin grenzt der Libanon an Israel – dort gibt es kein Weiterkommen für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge. Im Osten und Norden ist der Libanon von der Landmasse Syriens umschlossen. Das Nadelöhr für die Weiterreise ist der Antrag auf ein Einreisevisum eines westlichen Landes.

Und wie zynisch beispielsweise die deutsche Botschaft mit diesem Thema umgeht, zeigt der im Jahr 2015 von der Huffington Post aufgedeckte Skandal um den Verkauf von Visaterminen.

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