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Erdogan will "Extra3" zensieren – doch der wahre Skandal ist die deutsche Reaktion

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  • Nach einer "Extra3"-Satire über Erdogan bestellte die Türkei den deutschen Botschafter ein
  • Aus Berlin kam zu diesem Vorfall keine Reaktion
  • Der Vorfall zeigt, wie Merkels Flüchtlings-Deal Erdogan neue Macht gibt

Die "extra3"-Redaktion ahnte wohl nicht, wie prophetisch die Zeilen sein würden, die sie schrieben.

Zur Melodie von Nenas "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" und Bildern von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayip Erdogan dichteten sie "Sei schön charmant, denn er hat dich in der Hand, Erdowie- Erdowo, Erdogan". Das Filmchen war am 17. März in der ARD zu sehen.

Sie sollten recht behalten. Die Tinte unter Merkels Flüchtlingsdeal ist kaum getrocknet, da zeigt Erdogan schon, welche neue Macht ihm das Abkommen gegeben hat. Offenbar glaubt er, dass er in der Position ist, nicht nur die türkischen Medien zu zensieren, sondern auch die deutschen.

Der deutsche Botschafter Martin Erdmann in der Türkei ist nach einem Bericht von "Spiegel Online" wegen der NDR-Fernsehsatire ins Außenministerium in Ankara einbestellt worden.

Letzte Eskalationsstufe vor der Ausweisung

Der Diplomat habe sich am vergangenen Dienstag für die "extra3"-Satire rechtfertigen müssen. Ausdrücklich schreibt "Spiegel Online", dass es sich nicht um eine Einladung zum Gespräch, sonder eine "formelle Vorladung" gehandelt hat.

Eine Einbestellung des Botschafters ist ein scharfes diplomatisches Signal, das große Verstimmung signalisieren soll - die letzte Eskalationsstufe vor einer Ausweisung des Botschaftspersonals.

Zum Vergleich: Die Bundesregierung bestellte im Februar den ägyptischen Botschafter ins Auswärtige Amt ein, nachdem gegen zwei Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kairo Anklage erhoben worden war.

In Erdogans Vorstellungen sind Regierungen verantwortlich für ihre Journalisten

Als im Oktober 2013 der US-Botschafter nach dem Bekanntwerden der NSA-Affäre ins Auswärtige Amt einbestellt wurde, sah man diesen Vorgang allgemein als höchst ungewöhlich und historisch an.

Und jetzt saß der arme Herr Erdmann im türkischen Außenministerium - wegen eines Liedchens, das sich im Internet verbreitete.

Die Einbestellung zeigt mal wieder, was für ein Verhältnis die Türkei zur Pressefreiheit hat. In Erdogan Vorstellung ist eine Regierung dafür verantwortlich, was die Journalisten des Landes schreiben. So dichtete auch "extra3": "Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast."

Der wahre Skandal passierte nach dem Treffen in Ankara

Doch der wahre Skandal passierte nach dem Treffen. Vielsagend ist, was dann passierte.

Nämlich gar nichts.

Eine Einbestellung des Botschafters ist eine diplomatische Bombe, die normalerweise Pressekonferenzen und eine Flut von Rechtfertigungen nach sich zieht. Zudem versucht hier eine ausländische Regierung, ein deutsches Grundrecht anzugreifen: die Pressefreiheit. Hier muss die Regierung klar Position beziehen.

Aber in diesem Fall setze Regierungssprecher Steffen Seibert noch nicht mal eine Twitter-Nachricht ab. Der Regierung Merkel war diese Angelegenheit offenbar sehr peinlich. Und diese Nicht-Reaktion der Deutschen zeigt sehr deutlich, welche neue Macht Merkels Abkommen Erdogan gegeben hat.

Wird Botschafter Erdmann weiter die Verletzungen der Pressefreiheit kritisieren?

Vor allem aber richtete sich Erdogans Angriff gegen eine Person: den deutschen Boschafter Erdmann selbst. Der hatte am Freitag in Istanbul den Beginn des Prozesses gegen die Journalisten Can Dündar und Erdem Gül beobachtet. Das passte Erdogan gar nicht.

Hintergrund der Anklage gegen Dündar und Gül ist ein Bericht der "Cumhuriyet" aus dem vergangenen Jahr über angebliche Waffenlieferungen der Türkei an Extremisten in Syrien. Erdogan persönlich hatte Anzeige erstattet.

Nachdem der britische Generalkonsul Leigh Turner, der ebenfalls an dem Prozess teilgenommen hatte, auf Twitter geschrieben hatte, dass die Türkei selbst entscheide, was für ein Land sie sein wollte, erklärte Erdogan:"Wenn diese Person noch immer ihren Dienst in der Türkei fortführen kann, ist das unserem Edelmut und unserer Gastfreundschaft zu verdanken." Woanders würden Diplomaten, die ein solches Benehmen an den Tag legten, nicht einen Tag länger geduldet.

Das dürfte der deutsche Botschafter Erdmann auch auf sich bezogen haben. Wahrscheinlich wird er die Verletzung der Pressefreiheit nicht mehr so offen kritisieren, wie bisher - um Merkels Flüchtlingsabkommen nicht zu gefährden.

Wie gesagt: Sei schön charmant, denn er hat dich in der Hand.

Ergänzung: Am Tag darauf hat die Bundesregierung die NDR-Satire doch noch verteidigt. "Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind nicht verhandelbar."

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