POLITIK
28/03/2016 09:00 CEST | Aktualisiert 28/03/2016 09:12 CEST

So kämpft ein Brüsseler Stadtteil gegen die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen

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Mit Kreide haben Brüsseler an dieser Hauswand ihre Trauer nach den Anschlägen zum Ausdruck gebracht

Feuergefechte in Moolenbeek, Festnahmen in Schaerbeek. Seit Monaten sind die Schlagzeilen voll mit den Namen von Brüsseler Stadteilen, in denen islamistische Terroristen Unterschlupf fanden. Auffällig ist, dass ein Name dabei nicht in den Nachrichten auftaucht: Vilvoord.

Dabei hätte genau dieser Stadtteil erwarten lassen, dass er sich zum "Terrornest" entwickelt.

In Vilvoord leben 43.000 Einwohner. Davon haben 43 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund. Von diesen sind wiederum knapp die Hälft arbeitslos. Nachdem eine Fabrik des Autoherstellers Renault vor 20 Jahren geschlossen wurde, ging es bergab mit dem Stadtteil.

Aus keinem Stadtteil kamen mehr Dschihadisten

So ist es nicht überraschend, dass es eine ganze Weile lang besonders islamische Jugendliche aus Vilvoord waren, die zu Dschihadisten wurden.

Zwischen 2012 und 2014 schlossen sich aus dem muslimischen Anteil der Bevölkerung des Stadteils mehr junge Männer dschihadistischen Gruppen wie dem IS an, als aus jedem anderen Teil Europas - Moolenbeek und Schaerbeek eingeschlossen. Insgesamt sind 28 junge Männer nach Syrien und in den Irak gereist.

Doch nach 2014 zog bis heute kein einziger junger Mann in den Krieg im Nahen Osten. Das liegt an einem sehr erfolgreichen Präventionsprogramm, dass der Bürgermeister von Vilvoord, Hans Bonte, 2014 startete. Der Stadtteil zeigt, wie sich die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen erfolgreich bekämpfen lässt.

Das Weiße Haus wurde aufmerksam

"Wir sahen junge Männer von wirklich jeder weiterführenden Schule und aus jeder Nachbarschaft sich dem IS anschließen", sagte Bonte auf einer Tagung im Weißen Haus im Februar letzten Jahres. Er selbst sieht seinen Stadtteil als ein "Labor", in dem Methoden gegen die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen entwickelt würden.

Der Bürgermeister zog die Aufmerksamkeit des Weißen Hauses in Washington auf sich. Im vergangenen Jahr schickte das US-amerikanische Department of Homeland Security ein achtköpfiges Team nach Vilvoorde, um die Strategien des Stadtteils gegen Radikalisierung zu studieren.

"Einsame Jugendliche werden anfällig für IS-Ideologie"

"Wir müssen feststellen, dass junge Menschen anfällig für diese Ideologie werden, wenn sie sich isoliert und einsam fühlen, sagt er.

Die Rekrutierer des IS würden systematische perspektivlose Jugendliche ansprechen, die Probleme mit der Polizei und ihren Eltern haben. Sie verstärken diese Isolation, indem sie Jugendliche dazu bringen, den Kontakt zu Freunden und Familie abzubrechen oder Sportvereine nicht mehr zu besuchen.

Der Weg, um das zu verhindern, sei, sie wieder in die Gemeinschaft einzubinden und ihnen eine Perspektive zu geben. So ähnlich hat man das schon oft gehört - doch in Vilvoord funktionier dieses Konzept tatsächlich.

Im Rahmen des Programms werden von Eltern, Lehrern und Moscheen Hinweise auf Jugendliche gesammelt, die Anzeichen von Radikalisierung zeigen. Die Jugendlichen werden von Sozialarbeitern angesprochen.

Die Sozialarbeiter stammen selbst aus dem Viertel und haben einen Migrationshintergrund. Viele haben Freunde oder Familienmitglieder, die sich dem IS angeschlossen haben.

"Imame haben ihre Fehler erkannt"

Sie arbeiten mit der Polizei zusammen. Die tritt nicht als bestrafende Macht auf, sondern sucht das Gespräch. Besonders gesucht werden Polizisten mit muslimischem Migrationshintergrund.

Der Islam wird nicht als Problem angesehen, sondern als Lösung. Die Sozialarbeiter versuchen nicht nur, den Jugendlichen eine Arbeit zu geben, sondern ermuntern sie auch, sich mit dem Koran zu beschäftigen - um dessen friedliche Aussage zu verstehen.

"Die Moscheen-Gemeinschaft hat ihren Fehler zugegeben", sagt Sozialarbeiter Moad el Boudaati im Gespräch mit der "Deutschen Welle". Die Imame hätten in der Vergangenheit zu wenig auf die Bedürfnisse junger Menschen geachtet. Sie würden jetzt Kurse in Religion anbieten.

Er würde jetzt viel Zeit in Gesprächen mit Eltern, jungen Menschen und den Imamen verbringen. "Wenn man seine Fehler erkennt, kann man sich ändern", sagte er in Bezug auf die Moscheengemeinschaft.

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