Huffpost Germany

Sorry, Freunde: Warum wir auf Tauchstation gehen, seit wir Eltern sind

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KINDER KEINE ZEIT ELTERN
Gettystock
Drucken

THE BLOG
Bevor ich selbst Mutter wurde, hatte ich ein paar ziemlich enge Freunde, die ich nach der Geburt ihrer ersten Kinder nie wirklich wiedersah. Ich versuchte es immer mal wieder mit Anrufen und schlug immer wieder die Dinge vor, die wir schon immer gemeinsam gemacht hatten - also beispielsweise einen gemeinsamen Kaffee oder mal ein Mittagessen. Im Regelfall bekam ich eine Absage, und nachdem ich es ein paar Mal versucht hatte, gab ich entnervt auf.

Ich weiß noch, wie ich dachte: "Was für A****löcher. Sind ihnen ihre Freunde jetzt total egal?" Ich meine, ich habe verstanden, dass sie beschäftigt waren, und natürlich kommt die Familie an erster Stelle, aber ich habe sie schlicht kaum noch gesehen. Es schien mir lächerlich.

Ein paar Jahre später hatte ich mein erstes Kind, und obwohl ich mich bemühe, mich mit Freunden zu verabreden, bin ich sicher, dass da draußen Leute sind, die jetzt genauso über mich denken. Wahrscheinlich sogar welche aus meiner eigenen Familie.

Also: Für die Leute, die denken, dass ich mich in ein A****loch verwandelt habe - hier kommen meine Ausreden:

1. Der Zeitplan eines Kindes ist wichtiger, als man meinen würde.

Es ist nun einmal so: Kinder brauchen Essen, Trinken, Bewegung, Schlaf und sie müssen kacken. JEDEN VERDAMMTEN TAG IM JAHR. Und vor allem MACHT es einen Unterschied, wann und wo all dies stattfindet. Kein Elternteil will ein Kind, das dehydriert ist, einen niedrigen Blutzucker hat, erschöpft ist oder keine vollgemachten Windeln hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch all unserer Freunde sich das nicht wünschen.

Das heißt aber auch, dass die Mittagstreffen zum Lunch oder der Kaffee um 16 Uhr schwer einzurichten sind. Manchmal haut es hin, aber wir neigen dazu, uns solche Dinge für Ferien, Feiertage oder andere spezielle Anlässe aufzuheben.

Selbst wenn es funktioniert und wir beziehungsweise unsere Kinder so aussehen, als wäre alles bestens, sind wir erschöpft - denn wir kriegen fast einen Herzanfall, weil wir uns sorgen, ob unsere egoistische Entscheidung nicht dazu führen wird, dass wir unser Kind beruhigen müssen, das Zeter und Mordio schreit, oder dass wir Urin oder Fäkalien von öffentlichen Bänken oder unserem Minivan-Sitz wischen müssen.

2. Kinder machen ihren eigenen Zeitplan für ihre Eltern.

In der Regel geben Eltern ihren Kindern die Schuld für ihre Zeitpläne, aber die Wahrheit ist: Wir haben jetzt einfach selbst welche. Bevor die Kinder aufwachen, machen wir uns für den Tag fertig, räumen die Spülmaschine aus, packen die Pausenbrote und genießen die 15 Minuten allein mit unserem Kaffee.

Wenn wir besonders ambitioniert sind und irgendwann gegen vier Uhr morgens aufwachen, machen wir vielleicht ein bisschen Fitness oder schreiben eine Stunde lang am Blog, bevor wir die Kinder aufwecken und fertig machen. Wenn die Kinder ihr Nickerchen machen, räumen wir die Küche oder das Bad auf oder falten Wäsche. Wenn sie einmal schlafen, kommen wir dazu (oder aber auch nicht), ein paar andere to do's auf der Liste abzuhaken - Rechnungen, Projekte am Haus, Training oder andere Dinge, die normale Menschen täglich tun und die unmöglich zu schaffen sind, wenn die Kinder wach sind... bevor wir schließlich zusammenbrechen und als nutzloser Haufen auf die Couch sinken.

Ja, wir wissen, dass es erst halb neun ist, und JA, wir sind im EIMER. Wenn wir uns mit euch treffen - außerhalb unserer täglichen Ablaufpläne - , nehmt es es als großes Kompliment. Wir stehen am nächsten Morgen trotzdem wieder zu einer unsäglichen Zeit auf, und wir sind nicht in der Lage, die Extra-Energie wieder hereinzuholen, die wir für die nächsten 18 Jahre oder so brauchen.

3. Wir mögen es, Zeit mit unseren Kindern zu verbringen.

Und wenn wir außerhalb des Hauses arbeiten, haben wir das Gefühl, dass unsere Zeit mit ihnen sehr begrenzt ist. Zum Abendessen auszugehen, könnte heißen, das Kind den ganzen Tag nicht zu sehen; am Wochenende wegzufahren könnte bedeuten, das Kind über 80 Prozent der Woche (bezogen auf die Zeit, in der wir nicht arbeiten und sie wach sind) nicht zu sehen.

Vermeintlich langweilige Beschäftigungen, wie Klötze zu stapeln, das Alphabet zu singen, das Kleine auf der Schaukel anzustupsen oder einfach mit ihnen zusammen zu essen, sind zu unseren Lieblingsmomenten geworden. Auch wenn ihr findet, dass unser Kind sich wie ein totales A****loch benimmt, alle fünf Minuten heult oder wie ein menschlicher Ball ständig von irgendwelchen Mauern springt - ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele Momente es zu Hause gibt, in denen wir das größte Lächeln lächeln, in lautes Gelächter ausbrechen oder in denen wir anderweitig NICHT angepisst sind von unserem Nachwuchs. Ich weiß, das ist schwer vorstellbar.

4. „Bring die Kinder mit" ist eine bescheuerte Option.

Selbst wenn wir also unsere Zeit zu Hause genießen - wir wollen auch welche mit euch verbringen. Wirklich. Trotzdem lehnen wir oft Einladungen zu euren Veranstaltungen ab - nicht, weil sie sich nicht toll anhören, sondern weil wir wissen, dass sie für uns nicht toll werden.

Das heißt NICHT, dass IHR nicht toll wärt (habt ihr das gehört? Wir meinen das so, auch wenn wir es nicht oft genug sagen). Wir können uns nur einfach nicht auf euch konzentrieren, wenn wir gleichzeitig ein Auge auf die Kinder haben müssen - um sicherzustellen, dass sie nicht würgen, ertrinken oder sich den Kopf an einem Tischende stoßen. Wir verbringen mehr Zeit damit, unsere Brut am Leben zu halten, als ihr euch vorstellen könnt.

Manchmal machen wir Veranstaltungen, zu denen ihr nicht eingeladen seid. Noch mal: Das liegt nicht daran, dass IHR nicht toll wärt - es liegt daran, dass unsere Events nicht toll sind, zumindest nicht für Erwachsene.

Sie sind laut, widerwärtig und finden dort statt, wo es viel freie Fläche gibt oder Spielflächen, die es den Kurzen erlaubt, auf sturzdämpfendem Untergrund herumzurennen und herumzuspringen, wie Todesfeen zu schreien - und die uns erlauben, das Xanax zu Hause zu lassen, weil wir keine Angst haben müssen, dass sie sich an einer scharfen Kante tödlich verletzen.

5. Vermeintlich harmlose Tätigkeiten bestimmen jetzt unser Leben.

Dinge, die uns früher total egal waren, scheinen jetzt alles zu dominieren. Waschen, trocknen, schrubben, kochen. Ich weiß immer noch nicht, wie es zustande kommt, dass einer oder zwei kleine Menschen für 35 Mal mehr Wäsche, Geschirr und Brösel sorgen können, aber es ist so. Aufgaben, die wir früher aufgeschoben haben, müssen wir jetzt plötzlich machen. SOFORT. Wenn sie warten müssen, fürchten wir, dass vor lauter Spielzeug und dreckigem Geschirr unser Haus implodiert wie ein schwarzes Loch.

Um das alles noch zu toppen: Füttern und Pflegen kleiner Kinder resultiert in einem solchen exponentiellen Zuwachs an Chaos und Dreck (um den wir uns jetzt auch kümmern, weil unsere Kinder ständig auf dem Teppich herumrollen), dass wir es uns schlicht nicht erlauben können, dass unser eigener Dreck noch hinzukommt - doppeltes Pech also. Wir sind nicht nur verantwortlich, den Dreck der Kleinen aufzuräumen, sondern auch für unseren eigenen Kram.

6. Kinder gehen verdammt früh ins Bett.

Was bedeutet, dass wir früher von Veranstaltungen weg müssen, oder wir verpassen sie. Es ist einfach, die Kinder anzuschauen und zu sagen „Oh, sie sehen gar nicht müde aus", und vielleicht habt ihr damit Recht. Deshalb müssen wir JETZT gehen, bevor sie einen totalen Zusammenbruch haben und sich in die Hose machen. Wir können solche Dinge vorhersehen wie manche Tiere, die heraufziehende Erdbeben spüren, bevor irgendein Seismograph sie aufzeichnen kann.

7. Freizeit ist so rar, dass wir dazu neigen, sie alleine zu verbringen.

Zeit für Entspannung und Dinge einzuplanen, die wir gerne machen, kann so schwierig sein, dass wir manchmal das Gefühl haben, dass wir A****löcher zu uns selbst sind, weil wir uns keine Zeit für uns nehmen. Eine Maniküre, ein Haarschnitt oder ein Fitnessstudio-Besuch erfordert eine kreative Zeitplanung, und dass alles andere in unserem Leben nach Plan läuft - die Termine der Partner, die Gesundheit der Kinder, Verpflichtungen in der Arbeit.

Es läuft darauf hinaus, dass unsere Hobbies in Dingen bestehen, die wir zu jeder Tageszeit - alleine - machen können: Joggen, lesen, schreiben oder Aktivitäten, die wir gleichermaßen um drei Uhr nachts oder drei Uhr nachmittags starten können. Die Anforderungen des „sozialen Kalenders" machen uns Angst. Wenn wir es hinkriegen wollen, ein anderes menschliches Wesen zu treffen, ist es in der Regel jemand, der uns den größtmöglichen Schubs geben kann - ein Begleiter zum Sportmachen oder jemand, mit dem man während des Spielens reden kann oder - selten - jemand, der uns total „ent-stressen" kann, der total mitgeht damit, dass unser Treffen in einem 30- bis 45-Minuten-Fenster stattfinden muss. Wir haben nicht die Zeit, nutzlos herumzubummeln.

8. Manchmal müssen wir nutzlos herumbummeln.

Ok, das klingt, als würde ich meinem vorherigen Punkt widersprechen, aber das stimmt nicht. Wir verbringen so viel Zeit damit, zu tragen, zu schaukeln, zu putzen, zu rennen, zuzuhören, zu diskutieren und sonst was, dass wir uns manchmal einfach für 10 oder 30 oder 120 Minuten hinsetzen müssen, um unserer eigenen geistigen Gesundheit willen, und für die Sicherheit der Menschen um uns herum.

Es gibt kein Nickerchen am Nachmittag oder Erholung am Wochenende, so dass diese Momente entscheidend dafür sind, dass sich unsere Körper und Köpfe erholen und wir für den Rest des Tages oder der Woche aufladen können. Gott stehe euch bei, wenn ihr die Zeit verletzt, in der wir uns selbst wiederbeleben.

Kann sein, dass ihr bemerkt, dass ich um zehn Uhr abends online das Spiel „Words with Friends" spiele, aber das heißt nicht, dass ich in der Lage zu energischen nächtlichen Konversationen oder Aktivitäten wäre. Wahrscheinlich trage ich seit Stunden meinen Pyjama, habe Null Energie übrig und tanke meinen Akku auf - eine Tätigkeit, die so wichtig ist wie der Winterschlaf für Bären.

Behaltet im Kopf, dass wir nicht böse sind über diese Dinge; wir beschweren uns nicht über unsere Wahl, Kinder aufzuziehen. Wir sind glücklich wie verrückt, aber wir vermissen euch und wir ahnen, dass wir euch das nicht ausreichend sagen.

Wenn es um Freundschaften geht, sind Eltern kleiner Kinder gezwungen, sich hinzuhocken und selbst mit einem Schutz-Kokon zu umwickeln, um ihre Energie zu erhalten - wie irgendein Schimmelpilz, der allen Elementen trotzen kann.

Gebt uns nicht auf - wir kommen wieder, wenn die Bedingungen wieder stimmen. In der Zwischenzeit - falls ihr nicht abgeschreckt seid - lasst uns wissen, ob ihr fürs Frühstück um sieben Uhr vorbeikommen wollt. Da haben wir unseren Höhepunkt.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der HuffPostUS und wurde aus dem Englischen übersetzt.

Diese Probleme kennen nicht nur Eltern. Im Shop gibt es einen Ratgeber für Kinder.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.