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27/03/2016 11:45 CEST | Aktualisiert 28/04/2016 16:36 CEST

Der wahre Grund, warum Kinder nicht still sitzen können

Sally Anscombe via Getty Images
Hyperaktiv? Von wegen! Die Wahrheit über zappelnde Kinder.

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Eine vollkommen unbekannte Person hat sich bei mir am Telefon ausgeheult. Sie beschwerte sich über ihren sechsjährigen Sohn, der im Klassenraum einfach nicht still sitzen kann. Seine Schule will ihn auf ADHS testen lassen. Das kommt mir bekannt vor, dachte ich mir. Als Kinderpsychologin fällt mir auf, dass dieses Problem heutzutage weit verbreitet ist.

Die Mutter erklärt mir, dass ihr Sohn jeden Tag mit einem gelben Smiley nach Hause kommt. Die anderen Kinder in seiner Klasse bekommen jeden Tag einen grünen Smiley für ihr gutes Benehmen. Jeden Tag wird dieses Kind daran erinnert, dass sein Verhalten inakzeptabel ist, nur weil er für längere Zeit nicht still sitzen kann.

Die Mutter fängt an zu weinen. „Er sagt Dinge wie ‚Ich hasse mich' und ‚Ich bin für nichts zu gebrauchen.'" Das Selbstbewusstsein dieses Jungen tendiert gegen Null, nur weil er mehr Bewegung braucht.

In den letzten zehn Jahren wurden mehr und mehr Kindern Aufmerksamkeitsstörungen und Verdacht auf ADHS diagnostiziert. Ein Grundschullehrer aus der Gegend sagte mir, dass mindestens acht seiner 22 Schüler an einem guten Tag Probleme haben, aufzupassen. Gleichzeitig erwartet man von den Kindern, für immer längere Zeiträume still sitzen zu bleiben. Sogar im Kindergarten müssen Kinder während der Sitzkreise 30 Minuten still halten.

Kinder bewegen sich zu wenig, und langsam wird es ein Problem

Das Problem: Kinder befinden sich die gesamte Zeit in einer aufrechten Haltung. Nur selten findet man Kinder, die einen Hügel herunterrollen, auf einen Baum klettern oder sich im Kreis drehen. Karussells und Wippen sind ein Ding der Vergangenheit. Auszeiten werden mehr und mehr verkürzt, aufgrund von gestiegenen Anforderungen im Bildungssystem. Kinder spielen kaum noch draußen, weil die Eltern Angst um sie haben, wegen Haftungsproblemen oder weil die hektischen Tagesabläufe in unserer modernen Gesellschaft es nicht mehr zulassen. Wir sollten uns eingestehen: Kinder bewegen sich zu wenig, und langsam wird es ein Problem.

Vor kurzem habe ich einen Klassenraum beobachtet, um einem Lehrer einen Gefallen zu tun. Ich habe mich hinten in die Klasse gesetzt. Der Lehrer las den Kindern aus einem Buch vor und es war kurz vor Ende des Tages. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Einige Kinder kippelten auf ihren Stühlen, andere wippten mit ihren Oberkörpern vor und zurück, einige kauten auf ihren Stiften, und ein Kind schlug sich im Takt eine Wasserflasche gegen den Kopf.

Das war kein Klassenraum für Kinder mit Lernbehinderungen. Es war eine ganz normale öffentliche Schule. Mein erster Gedanke war, dass die Kinder aufgrund der vorangeschrittenen Uhrzeit herumhampelten und müde waren. Auch wenn es Teil des Problems sein könnte, gab es einen anderen, tieferliegenden Grund.

Nach einigen Tests stellten wir fest, dass die meisten Kinder im Klassenzimmer schlechte Grundkraft und Balance hatten. Um genau zu sein: wir verglichen die Daten der Kinder mit denen von Kindern Anfang der 1980er Jahre. Das Ergebnis: Nur eines von zwölf Kindern hatte normale Kraft und Balance. Nur eines! Oh mein Gott, dachte ich mir. Diese Kinder brauchen Bewegung!

Zappeln ist ein echtes Problem

Ironischerweise laufen viele Kinder mit einem unterentwickelten Gleichgewichtssinn herum - wegen mangelnder Bewegung. Um ein gutes Gleichgewichtsgefühl zu bekommen, müssen Kinder ihre Körper in alle Richtungen bewegen, mehrere Stunden am Stück. Genau wie beim Training, müssen sie das mehrmals pro Woche tun. Deswegen ist ein oder zwei Mal pro Woche Fußballtraining nicht genug, um ein starkes sensorisches System zu entwickeln.

Wenn Kinder heute in die Schule gehen, ist ihr Körper schlechter aufs Lernen vorbereitet als jemals zuvor. Mit einem sensorischen System, das nicht richtig funktioniert, sollen die Kinder still sitzen und aufpassen. Dass Kinder irgendwann anfangen, herumzuzappeln, um ihren Körpern die Bewegung zu geben, die sie dringend brauchen, um „ihr Gehirn in Gang zu bringen", ist ganz normal. Was passiert wenn Kinder herumzappeln? Wir fordern sie dazu auf stillzusitzen und ihr Gehirn kehrt in den „Schlafmodus" zurück.

Zappeln ist ein echtes Problem. Es ist ein starker Indikator dafür, dass Kinder über den Tag hinweg nicht genügend Bewegung bekommen. Wir müssen das grundlegend ändern. Pausen-Zeiten müssen erweitert werden und Kinder sollten draußen spielen, sobald sie von der Schule nach Hause kommen. 20 Minuten Bewegung am Tag sind nicht genug! Kinder müssen mehrere Stunden draußen spielen, damit sie ein gesundes sensorisches System entwickeln und einen höheren Grad an Konzentrationsfähigkeit erreichen können.

Damit Kinder lernen können, müssen sie in der Lage sein, dem Unterricht Aufmerksamkeit zu schenken. Damit sie das können, müssen wir ihnen erlauben, sich ausreichend zu bewegen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf balancedandbarefoot.com erschienen.

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Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V.“möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen.”Details findet ihr hier.

Oder ihr spendet einfach Zeit: Als Vorlesepate von Kindernim Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

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