Zurück ins Leben finden: Diese Methoden geben Depressiven Hoffnung

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DEPRESSED
Woman holding her head between her hands | Ghislain & Marie David de Lossy via Getty Images
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Unser Kollege, der Politikredakteur Alexander Wendt, wies sich wegen einer hartnäckigen Depression selbst in die Klinik ein. Hier beschreibt er, wie er zurück ins Leben fand. Und wie die neuesten Methoden der Seelen-Medizin, z. B. Genetik, Datenanalysen und Neurotechniken, vielen Verzweifelten helfen können.

Seit 27 Jahren arbeite ich als Journalist. Es kommt also einiges an Texten zusammen. Nur hatte ich noch nie das Gefühl, beim Verfassen einer Geschichte auch mein eigenes Leben öffentlich auszustellen. Als ich in meinem Beruf anfing, galt es unter Journalisten sogar als aufdringlich, „ich“ zu schreiben. Das Prinzip der Distanz finde ich bis heute nicht schlecht.

„Es sind nicht alle Symptome verschwunden. Aber es geht mir besser als vor zwei Jahren“

Bei einer Recherche zu den neuesten Therapien gegen Depression suche ich allerdings ausnahmsweise nicht neutral nach Antworten. Sondern aus egoistischen Motiven. Sollten es die Forscher irgendwann schaffen, die Kopfmonster von weltweit gut 350 Millionen Depressiven dauerhaft zu zähmen, dann würde ich gern so früh wie möglich davon erfahren.

Löcher im Schädel, Metallstäbe im Kopf

Nach sieben depressiven Episoden, vier unbehandelt, drei behandelt - die letzte sogar ziemlich erfolgreich -, fühle ich mich nämlich als halbwegs gebildeter Laie. Meine Antidepressiva wirken rundum prima, meist jedenfalls. Ich werde hoffentlich nie zu den Schwerdepressiven gehören, denen Professor Thomas Schläpfer im Uniklinikum Bonn Metallstäbe ins Gehirn sticht. Aber es interessiert mich, als Erstes mit einem Mediziner zu sprechen, der für einige Kranke als letzte Hoffnung gilt.

Demnächst ist es wieder so weit: Dann steht Professor Thomas Schläpfer, 57, in einem Operationssaal des Uniklinikums Bonn und überwacht, wie der Operateur zwei Löcher von etwa zwei Zentimeter Durchmesser in den Schädel eines Patienten bohrt.

Dann schneidet er die harte und weiche Hirnhaut an den aufgebohrten Stellen ein, klappt sie zurück und schiebt an einem Führungsgestell langsam zwei Metallstangen ins Zentrum des Kopfs. Anschließend verlegen Ärzte in Schläpfers Team ein Kabel zu einem kleinen Impulsgeber in der Brust, der schwache elektrische Signale ins Gehirn sendet.

Wenn nichts mehr hilft

Der Operierte kann den Ärzten um sich herum beim Hantieren zusehen, wenn er will. Er ist wach, nur in seiner Schädeldecke wirkt eine örtliche Betäubung. „Das ist ein Routineeingriff“, sagt Schläpfer in seinem gemütlichen Schweizer Dialekt. Er ist ein großer Mann, 1,95 Meter, seine Hände wirken sehr kräftig. Kräftiger jedenfalls, als es Besucher bei einem Arzt erwarten, der etwas so Diffiziles wie aus dem Takt geratene Gehirne repariert.

In Wirklichkeit handelt es sich überhaupt nicht um Routine, wenn er Schwerkranken Sonden ins Gehirn pflanzt, sondern um medizinische Pionierarbeit. Weltweit gibt es bisher nur 140 Menschen mit schwersten Depressionen, die in ihrem Kopf Metallstäbe tragen.

Das, was die Mediziner „Tiefe Hirnstimulation“ nennen, schaltet zwar die bleierne Traurigkeit nicht ab, aber sie kann die Krankheit mildern, wenn sonst nichts mehr hilft. Schläpfer, der Experte für das Hirnsondenpflanzen in Deutschland, operierte 38 von ihnen.

Zu ihm kommen Patienten, die nicht nur an einer hochgradigen Depression leiden, der Major Depression, sondern bei denen auch jeder konventionelle Therapieversuch scheiterte. „Manche, die zu uns kommen“, sagt der Arzt, „haben bis zu 60 erfolglose Therapieversuche hinter sich.“

Jeder Zwanzigste ist betroffen

Ungefähr vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an einer Depression, etwa zwei Drittel der ungefähr 10.000 Suizide im Jahr entfallen auf Depressive, die ihre Krankheit nicht mehr ertragen können. Ein chronisches Leiden an der Seelenkrankheit verdoppelt außerdem die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer oder Parkinson zu erkranken, und erhöht auch das Diabetesrisiko um das 1,4-Fache.

Obwohl Fachleute weltweit nach den Ursachen für die Volkskrankheit suchen und Therapien entwickeln, bekommen nur sieben Prozent der Erkrankten die Therapie, die sie bräuchten, schätzt der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, der Leipziger Psychiater Ulrich Hegerl.

Sie trauen sich nicht zum Arzt, weil psychische Leiden trotz aller Aufklärung bis heute als Stigma gelten. Etliche Allgemeinärzte verschreiben immer noch Medikamente gegen Symptome wie Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit, übersehen aber das Krankheitsbild Depression.

Wenn Menschen ihre Lebensfreude verlieren

Bei etwa einem Drittel der Depressiven wirken Psychopharmaka nicht. Warum Antidepressiva manchen helfen und manchen nicht, verstehen die Psychiater noch nicht richtig. Auch nicht, was das Gehirn so eintrüben kann, dass Menschen ihre Lebensfreude verlieren - und manchmal eben auch ihr Leben.

„In der Depressionsforschung“, meint der Psychiater Thomas Schläpfer, „stehen wir zwar nicht am Anfang, aber wahrscheinlich erst in der Mitte.“ Es sieht so aus, als könnten Wissenschaftler bald mit großen Schritten beiden Zielen näherkommen: dem komplexen Verständnis der Krankheit und der besseren Hilfe.

Genanalysen und Google

  • Neuromedizinische Verfahren: Die Stimulation von Hirnregionen mit Magnetfeldern, die Behandlung des Vagusnervs, der Hirn und Bauch verbindet, mit elektrischen Impulsen und die Tiefe Hirnstimulation sind heute weit besser erforscht als noch vor zehn Jahren. Von diesen Techniken erhoffen sich Ärzte Hilfe für schwer Depressive, bei denen konventionelle Methoden scheitern.
  • Genanalyse: Der Blick ins Erbgut brachte bisher zwar nicht den Durchbruch, aber kleinere Verbesserungen: Individuelle Reaktionen von Patienten auf Antidepressiva lassen sich so bestimmen. Ärzte können Menge und Kombination von Medikamenten besser auf den Kranken zuschneiden. Erste Test-Sets sind auf dem Markt. Einige Kassen übernehmen die Kosten.
  • Big Data: Von der Auswertung der Krankheitsdaten Tausender Depressiver erhoffen sich Forscher endlich Einblick in die Entstehungsmuster der Krankheit. Was geht dem unmittelbaren Ausbruch einer Depression voraus? Der Datenriese Google baut gerade ein eigenes Team zur Früherkennung psychischer Krankheiten auf.

Auf der Suche nach Antworten

Dafür warb er Tom Insel an, den langjährigen Direktor des amerikanischen National Institutes of Mental Health, einen Spitzenwissenschaftler auf dem Gebiet der Depressionsforschung.

Das Büro von Professorin Eva Meisenzahl in der Münchner Universitätsklinik für Psychiatrie wirkt eher wie ein Gegenentwurf zu den Google-Räumen im kalifornischen Mountain View: Ein bemaltes Bauernschränkchen in der Ecke, ein Flipchart, überhaupt ziemlich viel Papier. Nur ein kleiner Rechner.

Die Daten auf der Festplatte gehören allerdings zu einem weltumspannenden Datenanalyseprojekt, das endlich Antworten auf zentrale Fragen der Forscher liefern soll: Wie lässt sich eine Depression möglichst früh erkennen? Und: Wie verändert die Krankheit das Gehirn?

„Alle Menschen sind auf Mustererkennung ausgerichtet“, sagt Meisenzahl. In dem internationalen Forschungsnetzwerk Pronia führen Wissenschaftler aus sieben Ländern die Fallgeschichten von etwa 1600 Patienten mit Kernspinaufnahmen des Gehirns zusammen, um so etwas wie ein gemeinsames Muster zu finden, das alle Spielarten und Schattierungen der Depression miteinander verbindet.

Schizophrenie lässt sich vorhersagen - das soll mit Depression auch möglich sein

Mit einer ähnlichen Großuntersuchung zur Schizophrenie war die Münchner Ärztin mit ihren Kollegen schon auf verblüffende Ergebnisse gestoßen: Sie hatten Patienten mit Kernspins und Fragebögen auf mögliche Vorläufersymptome der Krankheit untersucht und in zwei Gruppen mit hohem und mit durchschnittlichem Schizophrenie-Risiko geteilt.

Nach fünf Jahren konnten die Forscher sehen, bei wem die psychische Krankheit tatsächlich ausbrach. „In 94 Prozent aller Fälle hatte sich die Aufteilung in die beiden Gruppen im Rückblick als richtig erwiesen“, sagt Meisenzahl. „Das ist ein sensationell hoher Wert.“ Die Pronia-Studie, so hofft sie, könnte aus den Daten und Hirnbildern von Depressiven eine ähnliche Grundstruktur der Krankheit herauspräparieren, die ein einzelner Arzt nie erkennen würde.

In Deutschland gibt es "ein riesiges psychiatrisches Versorgungsdefizit"

Während Big Data die Krankheit grundlegend vermessen soll, erwarten Wissenschaftler von dem Datensammeln auch ganz konkrete Hilfe für den einzelnen Patienten: Mit Datenarmbändern und Smartphones kann ein Betroffener aus Werten wie Schrittzahl, Sprechgeschwindigkeit und Umwelteinflüssen zusammen mit dem Arzt ein individuelles Muster der Krankheit erkennen und möglicherweise depressive Abstürze schon vorhersehen.

Die Uniklinik für Psychiatrie in Leipzig entwickelte im vergangenen Jahr eine Selbstmanagement-App, die leicht Depressiven helfen soll, Krankheitssymptome besser in Schach zu halten. Bei leichten Erkrankungen helfen Online-Selbstmanagement-Kurse wie selfapy.com, das von zwei Berliner Psychologinnen entwickelt wurde. Klinikchef und Depressionsforscher Professor Ulrich Hegerl sieht diese kleinen elektronischen Helfer ganz pragmatisch.

Zurzeit, schätzt er, bekommen weniger als zehn Prozent der Depressiven in Deutschland die ideale Versorgung - auch, weil immer noch viele Betroffene sich nicht zum Arzt trauen und weil Ärzte etwa nur in jedem zweiten Fall die richtige Diagnose stellen. Schon jetzt, warnt Hegerl, gebe es in Deutschland „ein riesiges psychiatrisches Versorgungsdefizit“, zu wenige Fachärzte, zu wenige Kliniken. Paradoxerweise verschärft sich das Problem, je mehr Menschen sich in Behandlung begeben.

Apps und Antidepressiva

Datenanalyse und SelbsthilfeApps, glaubt Hegerl, werden schon deshalb die Psychiatrie der Zukunft mitprägen, weil sie den Mangel an Psychiatern und Therapieplätzen wenigstens mildern können.

Eine bessere Hilfe für Depressive erwarten Mediziner auch von einer anderen Sorte Daten: den Informationen in den Genen. Sie sollen Aufschluss darüber geben, warum Antidepressiva bei einigen Patienten gut wirken, bei anderen allerdings nur stark verzögert - und etwa bei einem Drittel gar nicht.

Ein Tropfen Blut gibt Aufschluss

Viele Edelgeschäfte in der Münchner Maximilianstraße versprechen Glücksgefühle für eine solvente Kundschaft oder Trost, je nachdem. Über den Läden residiert Professor Florian Holsboer in den Räumen seiner Firma HMNC Brain Health. Sein Produkt soll gerade kein Luxus sein, sondern in ein paar Jahren medizinischer Standard: Holsboer, 70, Mediziner, Chemiker und langjähriger Leiter des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, brachte 2015 einen Test auf den Markt, der es erlaubt, aus einem Tropfen Blut die Stärke der Blut-Hirn-Schranke zu messen, die ein Antidepressiva-Wirkstoff passieren muss, um zu seinem Einsatzort an den Synapsen zu gelangen.

Kranke, deren Blut-Hirn-Schranke genetisch bedingt nur wenig durchlässt, brauchen von vornherein eine höhere Dosierung. Bisher mussten Psychiater meist nach dem Prinzip Versuch und Irrtum nach der passenden Menge suchen. „Unser Test“, meint Holsboer, „hilft Ärzten, schneller richtig zu behandeln.“

Porsche-, Passat- oder Lupo-Typen

Genau diese Frage beschäftigt auch die Genetikerin Anna Eichhorn, Vorstand der Firma Humatrix im hessischen Pfungstadt: Wie lässt sich die Seelenkrankheit besser messen? Der Test, den das Unternehmen auf den Markt brachte, liest zwei entscheidende Leberenzyme aus, die bestimmen, wie schnell der Körper Medikamente verarbeitet.

„Es gibt, vereinfacht gesagt, drei Stoffwechseltypen: Porsche, Passat und Lupo“, sagt Eichhorn. „Bei Lupo-Typen baut der Stoffwechsel die Medikamente so langsam ab, dass die Wirkstoffzyklen von mehreren Tabletten einander überlagern. Diese Patienten haben dadurch oft starke Nebenwirkungen, manche setzen ihre Medikamente ab.“ Menschen mit einem Porsche-Stoffwechsel bauen wiederum den Wirkstoffspiegel schneller ab, als das Blut die Moleküle ins Hirn transportieren kann. „Bei denen“, so die Forscherin, „kommt oben einfach zu wenig an.“

Den Absturz verhindern - dank Smartphones

Die Analyse per Biomarker soll den Ärzten ein neues Instrument in die Hand geben, um die Behandlung besser auf den Patienten zuzuschneiden. Erste Kassen erstatten mittlerweile die Kosten für Tests, die nicht nur den Kranken viel Durchprobiererei ersparen, sondern den Versicherungen auch bares Geld.

Eichhorn stellt sich die Psychiatrie der nahen Zukunft viel individueller vor als die Praxis der Vergangenheit und Gegenwart: „Wir können für jeden Gentyp das richtige Medikament in der richtigen Dosis geben.“

Der künftige Depressionspatient könnte also ein Datenband um das Handgelenk tragen, falls er möchte, das Puls, Hautwiderstand und vieles andere misst und an das Smartphone sendet. Er liest zusammen mit seinem Arzt die Kurven. Er weiß möglicherweise schon im Voraus, wann ein Absturz droht, und bekommt eine Medikamentenmischung, die zu seinem Körper passt. Vielleicht geht er zu Neuromedizinern, um sein Gehirn mit Magnetfeldern stimulieren zu lassen. Keine Frage: Depressive haben schon in ein paar Jahren bessere Chancen auf Linderung als bisher. Vielleicht sogar auf Heilung.

Weiße Flecken auf der Karte

Und wie steht es mit der Gegenwart? Professor Ulrich Hegerl sitzt im Café des Münchner Literaturhauses, vor sich einen Laptop mit Zahlen und Grafiken und seinen leeren Kuchenteller.

Fast zwei Stunden hat er über die Wissenslücken der Depressionsforscher gesprochen, über die weißen Flecken auf ihrer Karte. Aber auch darüber, dass mittlerweile ein großer Konzern wie die Bahn die Arbeit seiner Depressionshilfe-Stiftung finanziell unterstützt. Alles in allem, findet er, ist die Situation für Depressionskranke in Deutschland schon heute nicht schlecht.

Die Zahl der Suizide sinkt

Seit über 30 Jahren sinkt die Zahl der Suizide in Deutschland: 1980 nahmen sich noch über 18 000 Menschen im Jahr das Leben, heute weniger als 11 000. Die Kurve zeigt deutlicher als alles andere, dass heute mehr psychisch Kranke Hilfe suchen und finden als früher.

In den letzten Jahren machten - anders als in früheren Jahrzehnten - auch viele Prominente ihre Depression öffentlich, etwa Kjell Magne Bondevik, norwegischer Ministerpräsident bis 2005, der ehemalige DFB-Nationalspieler Sebastian Deisler oder die britische Schauspielerin Catherine Zeta-Jones, die offen über ihre Zeit in einer psychiatrischen Klinik redete. Niemand, so lautet die Botschaft, muss seine Depression verstecken. Keiner braucht sich zu schämen.

„In unserer Öffentlichkeitsarbeit“, sagt Ulrich Hegerl, „benutzen wir den Begriff 'Stigma' schon gar nicht mehr.“

Das, finde ich, ist eine rundum prima Entscheidung.

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