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Beschämendes Schweigen: Über diese Anschläge sprechen wir nicht

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TERROR BRUESSEL
Über diese grausame Anschläge spricht niemand - wir sollten uns schämen | Getty
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Es ist etwa 16 Uhr, als es wieder passiert. Mir ist klar, dass es so kommen würde. Es war nur eine Frage der Zeit.

Plötzlich flimmert eine Eilmeldung über den TV-Bildschirm: "Möglicherweise auch eine Deutsche unter den Todesopfern." Als wäre das inmitten des Blutbads von Brüssel die eigentliche Tragödie. Ich will mich in solchen Momenten verkriechen, weil ich diese Engstirnigkeit und Selbstbezogenheit kaum ertrage.

Mensch ist offenbar nicht gleich Mensch

Bei jedem Unglück, bei jeder Katastrophe und bei jedem Anschlag im Ausland kommt reflexartig die Frage: "Betrifft es Deutsche?" In Brüssel starben 31 Menschen. Menschen. Aber offenbar ist Mensch nicht gleich Mensch.

Durch Twitter, Facebook und Co. scheint die Anteilnahme grenzenlos. Nutzer weltweit können ihrer Trauer um die Terroropfer Ausdruck verleihen. Mit Profilbildern in den belgischen Nationalfarben, mit "Pray for Brussels"-Sprüchen und Comics. Wir demonstrieren Zusammenhalt und Solidarität.

Und doch zeigen die vergangenen Tage, wo die Anteilnahme jäh endet. Dort nämlich, wo es uns ein Menschenleben nicht wert ist, darum zu trauern.

Und wer weint um diese Menschen?

Neben den 31 Todesopfern von Brüssel starben noch mehr als 150 weitere unschuldige Menschen bei Anschlägen - doch um sie wurden keine kollektiven Tränen geweint.

Ankara: 37 Tote. Bagdad: 70 Tote. Libyen: mindestens 50 Tote. Sie starben alle in den vergangenen Wochen. Auch sie wurden aus dem Leben gerissen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Und trotzdem hatte kaum jemand das Bedürfnis, seine Solidarität mit den Bewohnern dieser Regionen zu zeigen. Warum?

Natürlich ist es normal, dass der Schock größer ist, wenn der Terror in unserem Nachbarland wütet. Weil er dann auch näher bei uns ist.

Natürlich ist es normal, dass wir uns Menschen der gleichen Bevölkerungsgruppe verbundener fühlen. Das liegt in unseren Genen, es passiert unbewusst. Mehrere Studien haben das bewiesen.

Forscher zeigten aber auch, dass wir Mitgefühl mit Fremden lernen können - einige, wenige Begegnungen reichen dafür aus.

In unserer vernetzten und globalisierten Welt frage ich deshalb: Warum hat Menschlichkeit Grenzen? Warum weinen wir um den einen Menschen, dem wir nie begegnet sind? Um den anderen aber nicht - nur weil er zufällig im falschen Teil der Erde lebt?

Trauer, Wut - und Stille

Schon im November 2015 zeigte sich, wie unterschiedlich wir mit zwei Tragödien umgehen, die an sich sehr ähnlich sind. Am Tag vor den Anschlägen in Paris starben 45 Zivilisten in Beirut. Doch die Reaktionen hätten nicht unterschiedlicher sein können.

Auf der einen Seite: Überwältigende Anteilnahme, Trauer und Wut. Auf der anderen Seite: Stille.

"Als meine Landsleute starben, ließ kein Land seine Sehenswürdigkeiten in den Farben ihrer Flagge erleuchten", schrieb der libanesische Blogger Elie Fares damals. "Als meine Landsleute starben, hat das die Welt nicht in Trauer versetzt. Ihr Tod war bloß ein irrelevanter Fleck im internationalen Nachrichtenkreislauf, etwas, das in diesen Teilen der Welt passiert."

Ja, wir reden in diesen Tagen viel davon, dass die Liebe den Hass besiegen wird. Dass wir auf Gewalt mit Zusammenhalt antworten. Doch bis wir das wirklich tun, müssen wir noch einen weiten Weg gehen.

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