POLITIK
24/03/2016 12:37 CET | Aktualisiert 24/03/2016 12:49 CET

Innensenator Frank Henkel: "Berliner Islamisten-Szene wächst sehr dynamisch"

dpa
Berlins Innensenator Frank Henkel warnt vor gewaltbereiten Syrien- und Irak-Rückkehrern - einen Vergleich mit Brüssel will er aber nicht ziehen

  • Berliner Innensenator warnt vor gewaltbereiten Syrien- und Irak-Heimkehrern

  • Die Situation in Berlin sei jedoch nicht mit Brüssel vergleichbar

  • Terrorexperte warnt vor zu hohem Fahndungsdruck

Wieder ein verheerender Anschlag in der direkten Nachbarschaft: Die Terror-Attacken von Brüssel haben auch Deutschland in Unruhe versetzt.

Polizei und Geheimdienste beobachten derzeit verstärkt die deutsche Islamisten-Szene und suchen nach möglichen Querverbindungen zu den Tätern aus Brüssel. Vor allem die Berliner Behörden sind alarmiert - 360 gewaltbereite Islamisten leben in dem Land. Nur in Bremen ist der Anteil der Gefährder an der Gesamtbevölkerung höher.

"Der relevante Personenkreis wächst dynamisch"

In einem Interview hat der Berliner Innensenator Frank Henkel jetzt erklärt, wie sich sein Land gegen mögliche terroristische Bedrohungen wappnen will.

"Wir beobachten die islamistische Szene sehr genau, um schnell reagieren zu können. Eine Herausforderung ist dabei, dass der relevante Personenkreis sehr dynamisch wächst", sagte Henkel der "Welt".

Syrien-Heimkehrer als Sicherheitsgefahr

Mehr als 100 Berliner seien zuletzt in das Kriegsgebiet in Syrien und im Irak gereist, davon sei die Hälfte wieder zurückgekehrt, erklärte Henkel. "Diese Gruppe stellt für die Sicherheitsbehörden das größte Problem dar, weil wir es hier häufig mit brutalisierten Menschen zu tun haben, die Erfahrung im Umgang mit Kriegswaffen haben."

Hysterie sei falsch, aber die Sicherheitsbehörden müssten wissen, wie sie im Ernstfall reagieren müssen, sagte Henkel dem Blatt. "Unser Hauptaugenmerk liegt aber darauf, einen Terrorangriff schon im Vorfeld zu verhindern. Dafür tun wir alles, was in unserer Macht steht."

"Islamistenhochburgen wie Brüssel-Molenbeek haben wir nicht"

Die Situation in Berlin sei jedoch nicht mit der in Brüssel vergleichbar: "Solche Islamistenhochburgen wie Molenbeek haben wir bei uns nicht. Dass es ganze Wohnviertel gibt, die von Islamisten dominiert werden und als Brutstätte für den Terror dienen, ist hier nicht der Fall", sagte Henkel.

Berlin habe bekannte Treffs und Moscheevereine, in denen die Szene zusammenkomme und auf die die Behörden ein Auge hätten.

"Wir müssen gerade auf junge Menschen einwirken, um zu verhindern, dass sie sich radikalisieren und später gewalttätig werden. Es gilt, früh anzusetzen, wenn wir im Kampf gegen diese unseligen Kräfte erfolgreich sein wollen."

70 der Rückkehrer haben Kampferfahrung

Mehr als 43.000 Menschen rechnen deutsche Behörden der Islamistenszene zu. Polizei und Geheimdienste stufen viele Islamisten als gefährlich ein: Gut 470 solchen "Gefährdern" trauen sie potenziell zu, dass sie einen Anschlag begehen könnten. Zum Teil sind auch Rückkehrer aus Dschihad-Gebieten darunter.

Von den mehr als 800 Islamisten aus Deutschland, die bislang Richtung Syrien und Irak ausgereist sind, ist ein Drittel wieder in Deutschland - etwa 70 mit Kampferfahrung.

Brüssel als Reaktion auf Festnahme von Salah Abdeslam

Nach den jüngsten Anschlägen in Europa war es auch verstärkt zu Durchsuchungen und Festnahmen gekommen, um Druck auf die Szene auszuüben. Das könnte nun wieder passieren.

Der Terrorexperte Rolf Tophoven hält genau das jedoch für gefährlich. Wenn der Fahndungsdruck zunehme, könnten sich Einzelne in die Enge getrieben fühlen, ihrem Auffliegen zuvorkommen und Anschlagspläne vorziehen.

Tophoven sieht die Attacken in Brüssel als direkte Reaktion auf die Festnahme des mutmaßlichen Top-Terroristen Salah Abdeslam - einen der Hauptverdächtigen für die Anschläge in Paris.

Mit Material von dpa

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