POLITIK
24/03/2016 04:45 CET | Aktualisiert 24/03/2016 07:53 CET

Syrien-Kämpfer im Hochsicherheitstrakt: Sicherheitsmaßnahmen an AKWs hatte einen ernsten Anlass

AP
Das belgische Atomkraftwerk Doel

  • Ein belgischer Dschihadist hatte jahrelang im Reaktorraum eines AKW gearbeitet

  • Er starb bei Kämpfen für den IS in Syrien

  • Atomkraftwerke könnten mögliches Ziel für Terroristen sein

Nach den Anschlägen in Brüssel kam die Befürchtung auf, dass auch Atomkraftwerke zum Ziele der Terroristen werden könnten. Deshalb wurde das Personal in de belgischen Atomkraftwerke Doel und Tihange auf ein Minimum reduziert.

Diese Maßnahme hatte offenbar einen weiter konkreteren Anlass, als zunächst öffentlich angegeben wurde.

Bereits im Oktober 2014 hatten belgische Behörden entdeckt, dass ein belgischer Dschihadist bis November 2012 für rund drei Jahre im Hochsicherheitsbereich des Atomkraftwerks Doel als Sicherheitstechniker gearbeitet hatte.

Dschihadist bestand alle Background-Checks

Ilyass Boughalab, Belgier marokkanischer Abstammung, war bei der Firma AIB-Vinçotte Belgium angestellt, einem externen technischen Dienstleister.

Schockierend ist: Boughalab hatte vor seiner Einstellung alle Background-Checks bestanden - obwohl belgische Sicherheitsbehörden ihn schon damals im Visier hatten. Er gehörte nach Angaben von Ermittlern zur Sharia4Belgium, einer inzwischen gescheiterten radikalislamischen Gruppe, deren Ziel war, aus Belgien einen islamischen Gottesstaat zu machen.

Die belgische Zeitung "La Libre" berichtete, dass sein Name auf der Liste der Angeklagten gestanden habe, als Sharia4Belgium der Prozess gemacht wurde. Trotzdem hat er weiter im AKW Doel gearbeitet.

AKW-Techniker starb als Kämpfer für den IS

Die Gruppe wurde im Februar 2015 von einem Gericht zu einer terroristischen Organisation erklärt. Sie soll eine Schlüsselrolle bei der Entsendung belgischer Kämpfer für den IS und die Al-Nusra-Front gespielt haben. Ihr Anführer wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Im November 2012 sei er schließlich nach Syrien gereist. Boughalab hatte sich offenbar Vorläuferorganisationen des IS angeschlossen. Das selbsternannte Kalifat wurde erst 2014 ausgerufen. Im selben Jahr scheint er bei Kämpfen in Syrien ums Leben gekommen zu sein.

Angesichts dieser Probleme mit dem Personal ist die Sicherheitsmaßnahme nach den Anschlägen nicht überraschend.

"Nur wer wirklich da sein muss, bleibt"

"Nur wer wirklich da sein muss, bleibt", sagte ein Sprecher der belgischen Atomaufsicht AFCN, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtete. Die von der Atomaufsicht angeordneten Vorkehrungen sollen dem Bericht zufolge das Risiko minimieren, dass Personen, die Böses im Schilde führen, auf das Gelände gelangen.

"Etwa tausend Personen arbeiten in solch einer Anlage. Sie werden alle einer genauen Prüfung unterzogen, aber wir gehen kein Risiko ein", hieß es bei der AFCN. Die Anordnung gelte bis auf weiteres. Die Kraftwerke erzeugen weiterhin Strom. Das Personal ist in gleicher Stärke wie an Wochenenden vor Ort.

Nach den Anschlägen besteht nach Einschätzung der belgischen Atomaufsicht grundsätzlich auch eine Terrorgefahr für die Kernkraftwerke. In Belgien gelte aktuell die höchste Terrorwarnstufe 4, damit bestehe auch eine offensichtliche Gefahr für Atomkraftwerke, sagte ein Sprecher der Atomaufsichtsbehörde AFCN der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel.

Es gebe aber keine spezifischen Hinweise darauf, dass Terroristen Atomkraftwerke im Visier haben, sagte Lodewijk van Ladel. "Aber sie sind eines von möglichen Zielen terroristischer Anschläge."

Mögliche Sabotage im AKW Doel

Zwei Vorfälle sind AFCN-Sprecher Ladel zufolge immer noch Gegenstand von Ermittlungen: Im Atomkraftwerk Doel 4 habe sich 2014 unerwartet ein Meiler abgeschaltet, nachdem mehr als 60.000 Liter Öl aus noch ungeklärter Ursache ausgelaufen seien. Ob es sich tatsächlich um Sabotage gehandelt habe, sei noch immer unklar.

Außerdem hatten Ermittler bei einer Hausdurchsuchung in der belgischen Hauptstadt nach der Terrorserie in Paris im November 2015 ein verdächtiges Video gefunden. Darauf war der Direktor des Zentrums für Nuklearenergie im belgischen Mol zu sehen. Es umfasste zehn Stunden und dokumentierte den Tagesablauf des Mannes.

Obwohl der Forscher nicht direkt mit einem Atomkraftwerk in Verbindung stehe, sei die Existenz dieses Videos "ziemlich heftig", sagte der Sprecher.

Auch auf HuffPost:

So geschmacklos instrumentalisiert die AfD die Anschläge in Brüssel