POLITIK
22/03/2016 11:33 CET | Aktualisiert 22/03/2016 15:08 CET

Terror: Warum immer wieder Brüssel?

dpa
Terror: Warum immer wieder Brüssel?

  • Terroranschläge erschüttern Brüssel

  • Wenn es um Terror in Europa geht, führt die Spur oft nach Brüssel

  • Experten wundert das nicht

Mehrere Anschläge haben am Dienstagmorgen die belgische Hauptstadt Brüssel erschüttert. Zunächst detonierten offenbar zwei Bomben auf dem Brüsseler Flughafen - später mindestens eine weitere in einer U-Bahn. Dabei kamen über 20 Menschen ums Leben.

Der Anschlag kommt in einer höchst kritischen Zeit. Erst vor wenigen Tagen hat die Brüsseler Polizei bei einem Großeinsatz den mutmaßlichen Drahtzieher der Attentate von Paris, Salah Abdeslam, verhaftet.

Schon seit den Anschlägen von Paris schaut die Welt auf Brüssel: Die Stadt im Herzen Europas gilt spätestens seitdem als Drehscheibe für den internationalen Terrorismus - einige Experten sehen Brüssel sogar als Brutstätte des Terrors.

Immer führt die Spur nach Molenbeek

Nach den Terror-Anschlägen von Paris führten die Verbindungen in die Metropolregion Brüssel. Radikale Islamisten aus Brüssel und dem Stadtteil Molenbeek-Saint-Jean waren an deren Planung und Ausführung beteiligt, das kann selbst Premierminister Charles Michel nicht mehr leugnen.

„Fast jedes Mal gibt es eine Verbindung nach Molenbeek. Das ist ein Problem", hatte er nach den Anschlägen gesagt.

Und tatsächlich: Zwei der Paris-Attentäter standen zuvor auf einer Liste des belgischen Dienstes zur Terrorismusabwehr.

Doch der islamistische Terror hält die belgische Hauptstadt schon seit Jahren in Atem. Im vergangenen August stieg ein marokkanischer Islamist in Brüssel in den Thalys-Schnellzug nach Paris, eröffnete mit einer Kalaschnikow das Feuer und verletzte zwei Menschen schwer.

Wenige Monate zuvor Jahres starben bei einem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel vier Menschen - der französische Islamist Mehdi Nemmouche hatte mit einem Sturmgewehr um sich geschossen.

Selbst die Attentäter der ersten Anschlagsserie des vergangenen Jahres in Paris - unter anderem auf das Magazin "Charlie Hebdo" - hatten Verbindungen nach Belgien.

"Brüssel ist das perfekte Chaos"

"Bei Sicherheitsfragen ist Brüssel das perfekte Beispiel für organisiertes Chaos", zitiert die "Welt" Hans Bonte, den Bürgermeister der Vorortgemeinde Vilvoorde.

Was er damit meint: Die Region Brüssel-Hauptstadt besteht aus 19 Gemeinden und wird zweisprachig verwaltet. Eine der 19 Gemeinden ist die Stadt Brüssel selbst. Im Umland wird mal Niederländisch, mal Französisch gesprochen.

Das Land Belgien selbst ist aufgrund der kulturellen Spaltung des Landes zwischen den niederländischsprachigen Flamen im Norden und den französischsprachigen Wallonen im Süden ein hochkomplexes Gebilde, in der drei “Regionen”, drei kulturell verfasste “Gemeinschaften” und die belgische Zentralregierung Entscheidungen treffen.

Diese Struktur wurde bei der Staatsreform von 1970 erschaffen, um ein Auseinanderbrechen des Landes zu verhindern.

Belgien war lange unregierbar

Trotzdem führt diese kulturelle Spaltung des Landes zeitweise dazu, dass Belgien unregierbar wird. In den Jahren 2010 und 2011 war Belgien insgesamt 541 Tage ohne eine gewählte Zentralregierung.

Damit übertraf Belgien den bis dahin geltenden “Weltrekord” aus dem Irak um das Doppelte. Kein anderer Staat war bisher so lange führungslos.

Das öffentliche Leben brach in dieser Zeit zwar nicht zusammen – dank der föderalen Struktur des Landes. Doch wichtige Aufgaben der Zentralregierung – wie zum Beispiel der Schuldenabbau – blieben in dieser Zeit unbearbeitet.

Dennoch, sagt der langjährige ZDF-Brüssel-Korrespondent, Udo van Kampen im Gespräch mit der Huffington Post, dass Belgien in enormen Schwierigkeiten sei. Belgien werde diese Probleme nicht allein lösen könne. Das Land brauche die Unterstützung seiner Nachbarn.

Chaos auch bei Sicherheitsbehörden

Diese oft chaotischen Verhältnisse in den überregnionalen Institutionen spiegeln sich auch bei den Sicherheitsorganen wider.

Der belgische Geheimdienst hat offenbar nicht einmal ausreichend Mitarbeiter, die Arabisch sprechen. Und vor allem: Es gibt sechs verschiedene Polizeibehörden - perfekte Bedingungen für Kriminelle.

Dazu kommt der geografische Vorteil Brüssels. Die belgische Hauptstadt liegt im Herzen Europas, Metropolen wie Paris, London, Amsterdam oder Köln sind rasch zu erreichen.

"Es ist einfach, dorthin zu kommen. Es gibt keine Grenzen", sagt Edwin Bakker von der niederländischen Universität Leiden.

Belgien sei auch für seinen illegalen Waffenmarkt bekannt. "Wer ein Schnellfeuergewehr oder anderes Material kaufen will, hat mehr Chancen in Belgien als in - sagen wir - den Niederlanden", bilanziert der Terrorismusexperte.

Sozialer Sprengstoff

Aber es sind auch soziale Aspekte, die den Terror in der belgischen Hauptstadt einen guten Nährboden verschaffen. In Gemeinden wie Molenbeek-Saint-Jean (die auch zur Region Brüssel-Hauptstadt gehört und direkt an die Altstadt grenzt) liegt die Arbeitslosenquote bei über 30 Prozent und einen hohen Anteil an Migranten aus muslimischen Ländern.

Zu der beruflichen Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen kommt ein Identitätskonflikt. Dieser treibt bisweilen bizarre Blüten.

Die Tageszeitung “Die Welt” zitierte im November einen Moscheebesucher aus Molenbeek, der offenbar mit dem ebenfalls aus der Gemeinde stammenden Paris-Attentäter Salah Abdeslam bekannt war.

Ob dieser in einer Moschee rekrutiert worden sei?

"Der doch nicht! Der hatte eine Kneipe, da wurden Drogen gehandelt. Der hatte ständig wechselnde Freundinnen, der hat Party gemacht. Wenn einer ständig in die Moschee geht, und eines Tages siehst du ihn im Fernsehen, weil er was angestellt hat, dann sagst du dir: ,Das hätte ich mir denken können.' Aber doch nicht der – der war doch nie in der Moschee!"

Molenbeek ist schon im Jahr 2001 das erste Mal in Sachen radikalislamististischer Terrorismus aufgefallen. Zwei Tage vor den Anschlägen am 11. September tötete eine als belgisches Fernsehteam getarnte Terrorzelle den afghanischen Nationalhelden Ahmed Schah Massoud, der im Nordosten Afghanistans jahrelang Widerstand gegen die Taliban leistete.

Einer seiner Mörder war Abdessatar Dahmane, der in der Rue du Manchester in Molenbeek regelmäßig ein islamistisches Zentrum besuchte.

Auch an den Anschlägen auf Nahverkehrszüge in Madrid im jahr 2004 waren Islamisten aus Molenbeek verwickelt.

Und es ist damit zu rechnen, dass dieses Problemviertel auch bei künftigen Anschlägen in Europa eine Rolle spielt. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen der belgischen Behörden.

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