POLITIK
22/03/2016 15:32 CET

Diese unglaublichen Fakten müssen sie jetzt über Westdeutschlands braunsten Wahlkreis wissen

Richard Fairless via Getty Images
Diese unglaublichen Fakten müssen sie jetzt über Westdeutschlands braunsten Wahlkreis wissen

Gegen 20 Uhr am Sonntagabend war es Gewissheit: Die AfD hatte mit Mannheim-Nord zum ersten Mal bei einer Landtagswahl einen westdeutschen Wahlkreis erobert. 23 Prozent wählten hier die Alternative für Deutschland.

Kurze Zeit später folgte zwar noch Pforzheim mit einem geringfügig höheren Stimmanteil. Doch insgesamt holte die AfD im Mannheimer Norden insgesamt noch einmal 3.000 Stimmen mehr als dort.

Einen Tag später war ich für die Huffington Post auf Spurensuche in Westdeutschlands braunstem Wahlkreis. Woran liegt es, dass gerade hier so viele Menschen die AfD wählten?

Einfahrt aus der Innenstadt über die Neckarbrücke.

1. Sind die gigantischen Wohntürme am Flussufer ein Indiz für den Niedergang? Könnte es sein, dass hier ein „sozialer Brennpunkt ist“?

2. Was hat mir der Mann in dem Parka zugezischt, als ich mit meinem Fahrrad an ihm vorbeigefahren bin? Wollte er mir etwa Drogen verkaufen?

3. Sind die feiernden Menschen abends um sechs, die ich durch das erleuchtete Fenster einer Kneipe sehe, ein Hinweis auf soziale Probleme?

4. Ist das hässliche, pinkfarbene Licht über dem Eingangsbereich einer Apotheke in der Neckarstadt ein sicheres Warnsignal für den Sittenverfall?

5. Ist es nicht lächerlich, dass der Friseurladen in dem hässlichen Betonklotz am Straßenrand „Frisurenparadies“ heißt?

6. Sollte man sich Gedanken darüber machen, dass hier mehr Müll auf den Straßen liegt als anderswo?

7. Aha, es gibt hier Graffiti auf den Backsteinwänden der Häuser.

8. Und Walmdächer im Stil der Heimatschutzarchitektur. Waren die nicht auch bei den Nazis beliebt?

9. Arabische Geschäfte neben Kirchengebäuden. Haben die Einheimischen wohl Verdrängungsängste?

10. Waldhof Mannheim war mal ein respektabler Bundesligaclub mit einer europaweit berühmten Talentschmiede. Und heute? Vierte Liga. Auswärtsspiele gegen Hessen Kassel, Kickers Offenbach und den FC Homburg.

11. Und dann der Beton, der hier überall zu sehen ist. Könnte es etwa sein, dass der erbarmungslose achitektonische Brutalismus für die Ausbreitung des Rechtsradikalismus verantwortlich ist?

Um ehrlich zu sein: nein.

Der Mannheimer Norden ist womöglich keine Vorzeigegegend, mit der die baden-württembergische Landesregierung Werbung für den Tourismus machen würde. Doch wer glaubt, er könne die Ursachen für den Verfall der politischen Kultur an Äußerlichkeiten und flinken Beobachtungen festmachen, der hat nicht verstanden, was sich derzeit in Deutschland abspielt.

Mehr noch: In den Stunden, die ich in diesem Teil Mannheims verbracht habe, ist mir nicht ein einziger Mensch begegnet, der sich offen dazu bekannt hätte, etwas gegen Ausländer zu haben. Viele freundliche Menschen waren dabei. Oder auch ganz normale Bürger, die einfach nur auf dem Heimweg von ihrer Arbeit waren.

Nein, so einfach ist es nicht. Das Problem sitzt tiefer.

Nicht nur der verhältnismäßig kleinbürgerliche Durchschnittsbewohner in Mannheim-Nord hat für die AfD gestimmt. Im ländlich-konservativen Wahlkreis Hohenlohe gaben 17.1 Prozent der Wähler der AfD ihre Stimme, im „grünen“ Wahlkreis Rastatt waren es 17,6 Prozent, im traditionell christdemokratischen Calw wählten gar 19.1 die AfD.

Und auch das sind nur Einzelwerte.

Das Ergebnis der Landtagswahl in Baden-Württemberg ist, dass es den Rechtsradikalen trotz ihres bisweilen aggressiven Auftretens gelungen ist, flächendeckend Fuß zu fassen.

Wenn wir Fremdenfeindlichkeit effektiv bekämpfen wollen, dürfen wir den Hass auf Menschen aus anderen Kulturkreisen nicht als regionales Phänomen sehen. Es ist eine Aufgabe, die uns alle betrifft.

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