NACHRICHTEN
20/03/2016 16:30 CET | Aktualisiert 20/03/2016 17:46 CET

Diese junge Syrerin zog mit eigener Kraft ein Flüchtlingsboot bis nach Griechenland - jetzt könnte sie zur Olympia-Heldin werden

Getty

So wie Tausende andere Syrer verließ Yusra Mardini 2015 ihr Heimatland und machte sich auf die gefährliche Reise nach Europa.

So wie Tausende andere Syrer hofften die 17-Jährige und ihre ältere Schwester Sarah auf ein sicheres Leben in Deutschland. Und so wie Tausende andere Syrer wären sie bei der Überfahrt in ihr neues Leben beinahe ertrunken.

Ihre Geschichte aber unterscheidet sich von der Tausender anderer Syrer. Schon nach wenigen Monaten hat Yusra in Berlin ein neues Zuhause gefunden - und vielleicht eine unglaubliche Karriere vor sich: Sie hat gute Chancen, als Schwimmerin bei den Olympischen Spielen in Rio teilzunehmen.

Wie gut ihre Schwimmkünste sind, das hat die junge Syrerin bei ihrer Flucht übers Mittelmeer bewiesen, als es im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod ging.

Yusra und ihre Schwester zogen das Boot stundenlang durchs Wasser

Denn: Auf der Überfahrt von der Türkei zur griechischen Insel Lesbos kam es fast zur Katastrophe. Schlepper pferchten 20 Menschen in ein kleines Boot. Nach etwa 20 Minuten ging der Motor aus, Wellen schwappten ins Innere, die Menschen warfen Gepäck ab, doch das Boot begann zu sinken. Yusra und ihre Schwester, beide Leistungsschwimmerinnen, sprangen zusammen mit einer anderen Frau ins Wasser und fingen an, das Boot zu ziehen.

“Von den 20 Leuten konnten nur wir drei schwimmen. Es wäre eine Schande gewesen, wenn wir nicht geholfen hätten”, sagte Yusra auf einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag in Berlin.

yusra

Yusra bei der Pressekonferenz in Berlin; Credit: Getty

“Ich konnte nicht sehen, wo ich hinschwamm”, sagte sie dem Onlinemagazin “takepart”. “Wir hatten das Gefühl, nicht voranzukommen. Die Insel war vor uns, aber wir konnten sie nicht erreichen.” Nach dreieinhalb Stunden hätten sie nachts völlig erschöpft das Ufer erreicht, schilderte die heute 18-Jährige das Drama in den Wellen.

Neues Zuhause bei den Wasserfreunden Spandau 04

Tagelange Fußmärsche brachten die beiden jungen Frauen über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Am 4. September endete ihre beschwerliche Reise schließlich in Berlin.

Bei den Wasserfreunden Spandau 04 fand Yusra Anschluss. Schwimmtrainer Sven Spannekrebs wurde schnell auf die junge Syrerin und ihr großes Potential aufmerksam.

In ihrer Heimat war Yusra bereits mehrfach ausgezeichnet worden - nun will sie mithilfe der Berliner ganz hoch hinaus: Sie gehört zum Kandidatenkreis der Athleten, die für das vom Internationalen Olympischen Komittee (IOC) ins Leben gerufene Flüchtlings-Team (ROA – Refugee Olympic Athletes) in Frage kommen.

“Ich möchte alle Flüchtlinge stolz machen”

Aus einem Kreis von 43 Athleten will das IOC bis Juni fünf bis zehn aussuchen, die bei den Sommerspielen im August starten sollen. “Rio ist mein Ziel und dafür arbeite ich sehr hart”, sagte Mardini in Berlin.

schwimmerin2

Yusra im Berliner Schwimmverein Wasserfreunde Spandau 04; Credit: Getty

Noch steht nicht fest, ob die selbstbewusste junge Frau bei Olympia starten wird. Doch sollte Yusra bei der Eröffnungsfeier mit dem Team, das keine Nation vertritt, im Maracana-Stadion dabei sein, will sie allen auf der Flucht lebenden Menschen ein Gesicht geben. “Ich möchte alle Flüchtlinge stolz machen”, sagt sie. “Ich möchte sie motivieren, ihren Traum zu leben, so wie ich.”

Für ihr Ziel Olympia trainiert Yusra jeden Tag mit ihrem Trainer. “Morgens um sieben frühstücke ich, dann geht es in die Schule. In den Freistunden trainiere ich, danach ist wieder Unterricht. Und nach der Schule geht es mit dem Training weiter”, beschreibt sie ihren Tagesablauf.

Sie rechnet sich gute Chancen über die 200 Meter Freistil aus. Die Qualifikations-Norm liegt dort bei 2:03 Minuten. Yusras Bestzeit über diese Distanz liegt bei 2:11 Minuten.

Coach Spannekrebs macht sich wegen der acht Sekunden keine Sorgen: “Yusra hat sich in den letzten fünf Monaten stark verbessert. Sie überrascht mich jeden Tag aufs Neue.”

“Wenn ich eines Tages nach Syrien zurückkehren kann, wäre ich glücklich”

Weil in ihrer Heimat Krieg herrschte, konnte die Sportlerin zwei Jahre lang nicht trainieren. Ihr Vater verließ das Land noch vor seinen Töchtern, um in Jordanien als Schwimmtrainer Geld für die Familie zu verdienen.

schwimmerin

Yusra trainiert jeden Tag hart, um ihr hoch gestecktes Ziel zu erreichen; Credit: Getty

Wegen solcher Vorgeschichten ist für einen Start im Flüchtlingsteam nicht nur die sportliche Qualifikation wichtig. Neben dem offiziellen Status als Flüchtling wird auch der persönliche Hintergrund in die Entscheidung mit einbezogen.

Yusra hat großes Glück gehabt. Nicht nur sie und ihre große Schwester sind heil in Deutschland angekommen. Mittlerweile sind ihre Mutter, Vater und die kleine Schwester nach Berlin nachgekommen.

Dennoch vermisst Yusra ihre Freunde aus Syrien, sagt sie in der Pressekonferenz vor über 100 Journalisten aus aller Welt. “Wenn ich eines Tages dorthin zurückkehren kann, wäre ich glücklich.” Vorerst gilt ihre volle Konzentration aber ihrem Traum von den Olympischen Spielen.

mit Material von dpa

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit dem Spendenportal Betterplace.org stellt die Huffington Post spannende Projekte vor, die ihr direkt unterstützen könnt:

Auch auf HuffPost:

Dieses Land will Flüchtlinge aufnehmen – aber die wollen nicht dort leben

Gesponsert von Knappschaft