WIRTSCHAFT

DIW-Präsident Fratzscher: Darum versagt der deutsche Sozialstaat

20/03/2016 12:48 CET | Aktualisiert 21/03/2016 14:51 CET

  • Der Unterschied zwischen den Ärmsten und den Reichsten ist in Deutschland größer als im Rest Europas

  • Ökonom Fratzscher glaubt: "Wir vergessen die Menschen am unteren Rand"

  • Zudem sind die Chancen, der Armutsfalle zu entkommen, hierzulande besonders schlecht

Geld auf der hohen Kante, ein Haus, ein solides Aktiendepot: Für viele Deutsche ist das keine Basis-Grundlage oder eine realistische Vorsorge fürs Alter - sondern Luxus.

Das Volk der Sparbuchbesitzer ist eigentlich ein völlig verarmtes Volk, ärmer als Spanier oder Italiener - jedenfalls im Durchschnitt.

Zehn Prozent der Menschen besitzen zwei Drittel des Vermögens, ein durchschnittlicher spanischer oder italienischer Haushalt verfügt über dreimal so viel wie ein deutscher.

Die Einkommensschere geht hierzulande weiter auseinander als in allen anderen europäischen Ländern. Und das sei ein Ausdruck des Versagens deutscher Marktwirtschaft, meint der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaft, Marcel Fratzscher.

Im Interview mit der "Zeit" äußert er sich zur sozialen Lage in der Bundesrepublik - und hat einen Kampf um die Verteilung des Wohlstands ausgemacht.

Oben die kleine Elite, unten eine Masse von Armen

Das Problem nach Ansicht des Wirtschaftsforscher: Während eine schmale Elite am oberen Rand erfolgreich wirtschaftet und ungebremst mehr anhäufen kann, wird ein großer Teil am anderen Ende ignoriert. "Wir vergessen die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft. Unser momentaner wirtschaftlicher Erfolg hat uns blind gemacht für deren Probleme", sagt er.

Wie konnte es so weit kommen? Fratzscher glaubt zwar wie der Großteil der Ökonomen, dass es eine gewisse Ungleichheit geben müsse, damit auch ein Ansporn für Anstrengung bestehe.

Dieses Ideal ende aber dort, wo der Unterschied gar nicht mehr aufzuheben sei: "Die Ungleichheit ist in Deutschland nicht deswegen so hoch, weil die Marktwirtschaft so gut funktioniert, sondern weil sie eben nicht funktioniert", sagt Fratzscher. Er setze sich dafür ein, dass die Armen an Reichtum dazugewinnen.

Der Staat muss einspringen - ein schlechtes Zeichen

Ein weiteres Zeichen für das Versagen des Systems in seiner derzeitigen Form: Viele Menschen kommen nur mit Transferleistungen über die Runden.

Für Fratzscher hat der Sozialstaat aber die Rolle, die ihm einst der Wirtschaftswunderkanzler Ludwig Erhard zugewiesen hatte: Er solle dafür sorgen, dass jeder für sich selber sorgen kann - was eben nicht der Fall ist, wenn die staatlichen Finanzspritzen das Überleben sichern müssen.

All das wäre für den Einzelnen wohl noch erträglich, wenn er einigermaßen gute Chancen hätte, sich aus dieser Armutsfalle zu befreien. Aber die sogenannte soziale Mobilität ist in Deutschland wesentlich geringer als anderswo, schreibt Fratzscher in einem Gastbeitrag für die "FAZ".

Gute Nachrichten seien das nur für die, die schon haben: "Wer es einmal geschafft hat, ein gutes Einkommen und hohes Vermögen zu erreichen, hat in Deutschland viel größere Chancen als in anderen Ländern, diese Position auch beizubehalten."

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