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18/03/2016 13:46 CET | Aktualisiert 19/03/2017 10:12 CET

Ulrich Matthes: Das macht "Glückskind mit Vater" so tragisch

Ulrich Matthes auf der Berlinale

"Glückskind mit Vater" heißt der neue Roman von Christoph Hein. Er handelt von Konstantin, der sein Leben lang darunter leiden muss, dass sein Vater ein Kriegsverbrecher war. Als Hörbuch gibt es von "Glückskind mit Vater" (Der Audio Verlag, 26,99 Euro) eine Lesung mit Schauspieler Ulrich Matthes. Was man von dem Werk erwarten kann, ob er wirklich das "Dschungelcamp" sieht und was er über den Oscar für Leonardo DiCaprio denkt, verrät Matthes im Interview mit spot on news.

Sie haben das Hörbuch zu "Glückskind mit Vater" gelesen. Was erwartet Leser und Hörer?

"Glückskind mit Vater: Lesung mit Ulrich Matthes" finden Sie hier

Ulrich Matthes: Es ist ein Opus Magnum. Über einen extrem langen Zeitraum begleitet es den Protagonisten und beschreibt auf sehr bewegende Weise die Tatsache, dass dieser Mensch sein ganzes Leben direkt und indirekt darunter leidet, dass sein Vater, den er nie kennengelernt hat, ein fürchterlicher Naziverbrecher war. Das belastet seine gesamte weitere Biografie.

Der Protagonist erfährt aber auch einige glückliche Wendungen.

Matthes: Als Leser hat man immer wieder das Gefühl, dass sich dieses Leben jetzt noch in irgendeiner Weise in eine gute Bahn einordnen könnte. Und dann kommt - wie in einem der großen antiken Dramen - das Schicksal seines Kriegsverbrecher-Vaters dazwischen. Das ist besonders tragisch, weil er ihn gar nicht kennen gelernt hat. Er kann sich an ihn nicht erinnern, aber der Vater spielt eine wirklich lebensentscheidende Rolle. Das erfährt man in einer ganz klaren, fast dokumentarisch wirkenden Sprache. Es ist ein antisentimentales Buch, und trotzdem ist man beim Lesen zunehmend bewegt.

Welche Rolle spielt die Politik?

Matthes: Es beginnt in der Nazizeit, geht über in die DDR, dann kommt die Wiedervereinigung, in allen drei politischen Systemen, die deutlich erfahrbar werden, spielt der Vater die heimliche Hauptrolle hinter dem Protagonisten. Anhand dieser Familiengeschichte werden 70 Jahre deutscher Zeitgeschichte mitbeschrieben.

Der Protagonist versucht noch vor dem Mauerbau bei der Fremdenlegion anzuheuern. Können Sie die Sehnsucht nach dieser Art von Abenteuer nachvollziehen?

Matthes: Ne, wirklich nicht! (lacht) Die Fremdenlegion hat mich noch nie fasziniert. Das ist eine merkwürdig ritualisierte Gesellschaft, eine Art von paramilitärischem Männerbündnis. Mir ist so etwas wirklich total fremd. Der Figur im Buch allerdings überhaupt nicht. Er hat eine große Sehnsucht danach. Nach kürzester Zeit findet er es aber genauso doof wie ich. Der Kunstgriff von Christoph Hein ist, dass diese einzelnen Stationen geschildert werden, als wären sie quasi endgültig. Man hat das Gefühl, man richtet sich in dem neuen Leben zusammen mit dem Protagonisten ein, wird dann aber wieder in einen völlig anderen Strang dieser Biografie geworfen. Auch das macht das Buch so überraschend und interessant.

Überraschend und interessant war auch der vielfach ausgezeichnete "Tatort: Im Schmerz geboren", in dem Sie zu sehen waren. Über das deutsche Fernsehen heißt es oft, es sei ideenlos, wage zu wenig. Teilen Sie diese Meinung?

Matthes: Grundsätzlich kann man sich immer noch mehr trauen und mehr wagen. Es hängt wohl an diesem Endlosthema der Quote, dass die Entscheider sich vielleicht in vorauseilendem Gehorsam manchmal denken, dass sie irgendwas dem Publikum nicht zumuten können. Wenn man einem deutschen Verantwortlichen gesagt hätte, wir wollen eine Serie über einen Lehrer machen, der Crystal-Meth-Produzent wird, hätte man wahrscheinlich zu hören bekommen: "Ihr seid verrückt!". "Breaking Bad" ist eine weltberühmte Serie geworden, und jetzt heißt es plötzlich, wir müssen genau solche Serien machen.

Schauen Sie wirklich das "Dschungelcamp"?

Matthes: Ich habe vor eineinhalb Jahren in einem Interview gesagt, dass ich das amüsant, gut geschrieben und gut gemacht finde, mehr war es nicht! Ich bin also nicht wirklich ein Fan, ich habe aus der aktuellen Staffel auch nur eine einzige Folge gesehen. Ich schaue sowas, um mich zu entspannen, wenn ich abends nach Hause komme. Das Fernsehen nimmt generell keine so hohe Priorität bei mir ein. Wenn es läuft, freue ich mich beispielsweise über Anne Will oder die "heute-show".

Haben Sie die Oscar-Verleihung verfolgt?

Matthes: Ich habe mir in der Vergangenheit schon ein paar Mal dafür den Wecker gestellt. Dieses Mal war mir mein Schlaf wichtiger, weil ich kurz darauf Premiere hatte. Ich habe mir aber Ausschnitte auf Youtube angesehen. Für Leonardo DiCaprio hat es mich sehr gefreut, weil ich ihn schon immer für einen herausragenden Schauspieler gehalten habe, von "Gilbert Grape" an. Bei "Wolf of Wall Street" dachte ich, dafür gibt's jetzt den Oscar... Nun hat er ihn für "The Revenant" bekommen. Verdient hat er ihn allemal.

Wann gibt es von Ihnen Neues im TV zu sehen?

Matthes: Ich habe im vergangenen Jahr viel gedreht, das kommt alles 2016. Ich spiele den Papst in dem Zweiteiler "Die Puppenspieler" über die Fugger mit Herbert Knaup, Regie führte Rainer Kaufmann. Dann gibt es einen Drei-Personen-Thriller, "Die vermisste Frau", mit Corinna Harfouch und Jörg Hartmann. Und es kommt ein Film, der im Journalistenmilieu spielt, "Die vierte Gewalt": Ich gebe den Herausgeber einer großen Zeitung, der versucht, einen Skandal, den Hauptdarsteller Benno Fürmann aufdeckt, zu verhindern.

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