POLITIK
17/03/2016 23:12 CET | Aktualisiert 17/03/2016 23:32 CET

"Sie hat Europa zugrunde gerichtet" – so geht ein britischer Finanzexperte mit Merkel ins Gericht

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Angela Merkels Politik wird auch in Großbritannien heiß diskutiert

  • Ein Kommentar im britischen "The Telegraph" macht die Kanzlerin für die wirtschaftliche Lage Europas verantwortlich

  • Der Autor sieht das Ende Merkels Kanzlerschaft kommen

  • Seine Thesen sind durchaus kritisch zu bewerten

Die Landtagswahlen sorgten auch in der internationalen Presse für heiße Diskussionen. Neben dem Erfolg der Rechtspopulisten, haben sich britische Medien vor allem auf sie eingeschossen: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

In einem Kommentar der britischen Nachrichtenseite "The Telegraph" wettert der britische Finanzjournalist Matthew Lynn aktuell mit Teils scharfen Thesen gegen die Kanzlerin. Sie habe Europa zugrunde gerichtet – und müsse schnellstmöglich verschwinden, argumentiert der Autor.

In den Nachkriegsjahren habe Deutschland ausschließlich kluge Köpfe an der Macht gehabt – "bis Merkel kam", meint er.

"Europas Wirtschaft wird es besser gehen, wenn sie weg ist"

Die Ergebnisse der Landtagswahlen hätten gezeigt, dass auch die Deutschen dies verstanden hätten. "Merkels Stunde hat geschlagen", schreibt der Journalist weiter. Das sei jedoch keinesfalls ein Verlust für Europa:

"Ihr Nachfolger wird vielleicht nicht der nächste Adenauer. Aber er kann gar nicht schlechter sein, als Merkel. Europas Wirtschaft wird es viel besser gehen, wenn sie weg ist", wettert Lynn weiter.

Um diese These zu belegen, nennt Lynn nicht nur die Flüchtlingskrise, sondern vor allem vermeintliche ökonomische Fehlentscheidungen der Kanzlerin. Das sind seine größten Kritikpunkte:

1) Er macht Merkel für das Anhalten der Eurokrise verantwortlich

"Sie hat die Eurokrise jahrelang vor sich hintreiben lassen", so Lynn in seinem Kommentar. Er erinnert daran, dass Griechenland immer noch in einer Wirtschaftsmisere steckt, während die Europäische Zentralbank erfolglos versuche, das Land aus der Deflation zu ziehen.

Der Euro sei das "dysfunktionalste Währungssystem, das jemals geschaffen wurde", sagt Lynn. Er sieht nur zwei mögliche logische Reaktionen: Die EU in "natürlichere Zonen" einzuteilen oder die Rückkehr zu nationalen Währungen.

Merkel aber habe entschieden, "das Problem auszusitzen und auf das Beste zu hoffen", meint der Finanzjournalist.

2) Er wirft Merkel vor, auch die deutsche Wettbewerbsfähigkeit in den Ruin zu treiben

Trotz hoher Exportraten sagt Lynn der deutschen Wirtschaft eine dunkle Zukunft voraus. Deutschland habe die Löhne innerhalb der Eurozone niedrig gehalten und für einen Handelsüberschuss gesorgt, "der außer Kontrolle zu wachsen scheint", so der Journalist.

Besonders die sinkenden Importzahlen Deutschlands sieht er als großes Problem für die Eurozone. "Merkel jedoch hat das Problem entweder komplett ignoriert, oder weigert sich ganz einfach etwas dagegen zu tun", sagt Lynn.

Die Folgen seien eine "Deflation im Rest der Welt, niedrige deutsche Löhne und riesiges finanzielles Ungleichgewicht, weil dieser Überschuss durch die Banken wieder in Umlauf gebracht wird", erklärt er.

Zudem hätten hohe Energiekosten, "um die Grünen glücklich zu machen", dazu geführt, dass deutsche Firmen prinzipiell weniger wettbewerbsfähig seien. Sie seinen nun von einem niedrigen Wechselkurs der Europäischen Zentralbank abhängig, um weiter wachsen zu können.

3) "Merkel hat die EU und die Flüchtlingskrise katastrophal schlecht geführt"

Der Autor lastet Merkel an, Großbritannien zu nahe an einen Brexit gelassen zu haben. "Bedeutungsvollere Neuverhandlungen" hätten dies verhindern können, meint er.

Ihre Entscheidung, die Grenzen für Flüchtlinge offen zu halten, wertet er zudem als "strategischen Fehlgriff". Er vergleicht die Ankunft der rund einer Million Flüchtlinge in Deutschland mit der Migration von rund 700.000 Polen nach Großbritannien, die seit der EU-Erweiterung im Jahr 2004 in das Land gekommen sind.

Das habe schon "enorme Auswirkungen" auf die britische Wirtschaft gehabt - und das obwohl das Land ziemlich gut darin wäre, Arbeitsplätze für gering qualifizierte Arbeitnehmer zu schaffen, so der Journalist.

In Deutschland sei die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt nur durch die "komplette Umstrukturierung des ökonomischen Systems" möglich, meint der Experte. Auch hier wirft er Merkel vor, keinen Plan zu haben.

Thesen sind kritisch zu werten

Matthew Lynn hat durchaus in einigen Punkte recht. Das Euro-System stellt Europa vor unvorhersehbare Probleme, ebenso die Flüchtlingskrise. Außerdem droht dem Kontinent eine neue Wirtschaftskrise, weil die EZB unentwegt billiges Geld in das System pumpt.

Doch daran trägt nicht alleine Merkel die Schuld. Sie hat zwar das Eurosystem nicht reformiert, es allerdings auch nicht entworfen. Und ihren Umgang mit der Flüchtlingskrise kann man kritisieren - sie allerdings alleine verantwortlich zu machen, für den Flüchtlingsstrom, der seinen Ursprung im Syrien-Krieg nimmt, ist zu kurz gedacht.

Außerdem steht Deutschland und die Euro-Zone wirtschaftlich besser da, als Lynn zugeben will. Ja, die Bundesrepublik lebt weitestgehend von den Reformen der Agenda 2010.

Deutschland ist aber weiterhin extrem attraktiv für ausländische Investoren, Produkte made in Germany sind nach wie vor stark gefragt. Und auch, wenn die Wirtschaft der Südländer noch nicht wieder auf Vorkrisen-Niveau ist - wer weiß, wo sie ohne Reformen jetzt stünden, die ihnen vor allem die Regierung Merkel abverlangt hat.

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