POLITIK
15/03/2016 11:11 CET | Aktualisiert 15/03/2016 13:49 CET

Tuberkulose kehrt nach Deutschland zurück - und das sind die Gründe

Kay Nietfeld/dpa
Selbst die Kleinsten werden auf Tuberkulose untersucht

  • Tuberkulose-Fälle in Deutschland steigen wieder

  • Übertragung kann durch gute Lüftung verhindert werden

  • Früherkennung und Behandlung der Schwindsucht ist wichtig

Alte Krankheit, neue Risiken: Die Zahl der Tuberkulosefälle in Deutschland steigt. Migration spielt eine Rolle. Ein Besuch bei Ärzten im Dauerstress.

Der Weg zu Frank Kunitz führt über blau-melierte Linoleumstufen in die erste Etage. Mehr als hundert Syrer, Afghanen, Albaner - Männer, Frauen und Kinder - steigen hier an manchen Tagen hoch.

Sie haben einen Pflichttermin. Bei einer Außenstelle des Gesundheitsamts. An der weißen Metalltür mit Milchglasscheibe hängt ein Zettel "Bitte ziehen". Daneben schimmert das Röntgenbild einer Lunge durchs Glas. Zeichensprache für alle, die kein Deutsch können.

Drinnen sitzt Kunitz am Schreibtisch. Auf dem Bildschirm leuchtet eine ähnliche Röntgenaufnahme wie an der Tür. "Wir haben hier letzte Woche sechs Menschen rausgezogen", sagt der Berliner Arzt. Sechs Mal Tuberkulose-Verdacht. Sechs Mal sofort Krankenhaus und Quarantäne.

1,5 Millionen Tote durch Tuberkulose

So wie Kunitz im Tuberkulosezentrum in Berlin-Lichtenberg durchleuchten Mediziner in vielen Städten und Kommunen im Akkord Flüchtlinge. Das Infektionsschutzgesetz schreibt die Massenkontrolle der Asylbewerber vor.

Die Ärzte sollen alle rausfischen, deren Lungenbild gefährliche Flecken zeigt. Oder bei denen andere Anzeichen der Infektion auffallen wie blutiger Husten, Fieber und Schweiß. Und zwar vor oder "unverzüglich nach ihrer Aufnahme" in Flüchtlingsunterkünfte. So das Gesetz.

Die Krankheit, die früher Schwindsucht hieß und fast vergessen schien, verlangt wieder mehr Aufmerksamkeit. Weltweit tötet sie rund 1,5 Millionen Menschen pro Jahr (2014). Zum Vergleich: An der Ebola-Epidemie starben in Westafrika 2014/15 mehr als 11.000 Menschen.

In manchen armen Ländern in Asien, Afrika und Osteuropa schlägt der stäbchenförmige Erreger namens Mycobacterium tuberculosis besonders heftig zu.

Darunter in Afghanistan, Eritrea, der Ukraine. Ein Teil der Menschen aus dieser fernen, armen Welt hat sich zu uns auf den Weg gemacht. Einige bringen die heimtückische Infektion mit. Die rund 400 Gesundheitsämter bundesweit müssen sich darum kümmern.

Tuberkulosefälle in Deutschland nehmen wieder zu

Die erste Folge ist ein Kraftakt. Rund eine Million Geflüchtete seit 2015 bedeuten für die Ärzte im staatlichen Gesundheitsdienst: Sie sorgen für Hunderttausende Röntgenaufnahmen von Migranten ab 15 Jahren. "Aktive Fallfindung" heißt der Check im Behörden-Deutsch. Bei Kindern suchen die Ärzte oft mit Blut- und Hauttests nach Tuberkulose.

Die zweite Folge von mehr Zuwanderern und mehr Tests schlägt jetzt voll durch. Die Zahl der Tuberkulosefälle sprang innerhalb eines Jahres um rund 30 Prozent nach oben: von gut 4500 (2014) auf über 5850.

Wohlstand, Hygiene, gesundes Essen und Antibiotika haben die Infektion bei uns zum Randgruppen-Phänomen gemacht. Befallen werden häufig Obdachlose, Drogenkranke und HIV-Infizierte, auch ältere Menschen mit schwacher Immunabwehr. Und nun zunehmend Geflüchtete.

Der "langjährig rückläufige Trend" insgesamt ist beendet, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) bereits im Oktober festhielt. Besonders stark wuchs 2015 die Zahl der Fälle, die durch Aufnahmeuntersuchungen bei Flüchtlingen ans Licht kam: auf mehr als 1250.

Doch auch insgesamt ging der Anteil der im Ausland geborenen Tuberkulosekranken schon 2014 hoch. Etwa bei Menschen aus Somalia, Rumänien, Eritrea.

"Tuberkulose in Deutschland weiterhin seltene Krankheit"

Lena Fiebig, Expertin am RKI, warnt vor Panikmache. Ihr Institut in Berlin-Wedding trägt bundesweit Daten zusammen. Zu Tuberkulose ebenso wie zu anderen meldepflichtigen Krankheiten wie Masern und Hepatitis.

Äußerungen zu angstbesetzten Krankheiten werden dort vorsichtig abgewogen. Gerade bei einem Thema wie Tuberkulose und Asyl, das auch rechte Hetzer auf den Plan rufen kann.

"Beim verstärkten Einsatz aktiver Fallfindungsmaßnahmen wie der Röntgenuntersuchung von Asylsuchenden vor Aufnahme in Gemeinschaftsunterkünfte sind steigende Fallzahlen nicht überraschend", formuliert Fiebig. Und: "Wir wollen ja infektiöse Tuberkulosen finden, sie sollen nicht unentdeckt bleiben."

Das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) in Berlin rechnet ebenfalls nicht mit neuen Alltagsgefahren. Weder in der S-Bahn noch im Büro.

"Tuberkulose bleibt in Deutschland weiterhin eine seltene Krankheit", sagt DZK-Mitarbeiter Karl Schenkel. Der Expertenzusammenschluss berät Ärzte und Laien.

In engen Quartieren: Migranten gefährden Migranten

Zumal: Einmal anhusten, schon krank - das gilt für Tuberkulose kaum. In der Regel wird der Erreger anders übertragen. Etwa, wenn jemand viele Stunden in einem ungelüfteten Raum mit einem Kranken verbringt.

Das trifft auf Flüchtlinge zu, die gedrängt in engen Quartieren leben. Migranten gefährden Migranten. Entwarnung geben das DZK und andere Fachleute aber nicht:

  • Zum einen waren die Reihen-Kontrollen nicht immer "unverzüglich" - also innerhalb weniger Tage - zu schaffen. Die Zeitverzögerung erhöht das Risiko. Der Erreger kann an Mitbewohner weitergegeben werden.
  • Ein zweiter Knackpunkt: Die Eingangsuntersuchungen bleiben Momentaufnahmen. Tuberkulose ist aber eine Krankheit, die länger im Körper schlummern kann.

Um gegenzusteuern, könnten die Zugewanderten intensiv aufgeklärt oder zu einem späteren Zeitpunkt erneut ärztlich betreut werden, erklärt das DZK. Auf jeden Fall hieße mehr Betreuung neue Arbeit.

  • Ein drittes Problem ist die Ahnungslosigkeit: Ohne eigene Erfahrung sei das Wissen zurückgegangen - sogar unter Ärzten, sagt Karl Schenkel vom Tuberkulose-Zentralkomitee.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass zum Beispiel ein Landarzt mit der Krankheit konfrontiert wird, war in den letzten Jahren gering." Und die, die sich auskennen? Die Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst? Da wurde lange gespart, klagt Schenkel. Die Gesundheitsämter seien "nicht besonders luxuriös ausgestattet".

Hat ein kleines Flüchtlingsmädchen Tuberkulose?

Luxus ist in den Flüchtlingsquartieren, in Kasernen, Turnhallen und Gewerbegebäuden von München bis Kiel selten ein Thema. Frische Luft dagegen schon, nicht nur zur Tuberkulose-Abwehr.

Zum Beispiel in den 20 Meter hohen Hallen des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Gerade kommen nicht mehr so viele Menschen wie im Herbst. Dennoch leben in der größten Flüchtlingsunterkunft der Hauptstadt 2000 Leute.

Für ihre Versorgung im "Medical Center" in Hangar 1 ist Peter Albers (62) mitverantwortlich. Ein Machertyp in schwarzer Lederjacke und gelber Signalweste.

Eigentlich ist er Ärztlicher Direktor am Wenckebach-Klinikum, das zum großen kommunalen Vivantes-Konzern gehört. Gerade wird ein drei Monates altes Mädchen aus Mazedonien an der Lunge abgehört. Es hustet.

Die Eltern sind besorgt. Die Ärzte auch. Die Kleine mit der rosa Mütze soll in die Klinik - zur Kontrolle. Keine Tuberkulose, ein "Atemwegsinfekt", sagt Matthias Vetter, im Hauptberuf Krankenpfleger am nahen St. Joseph Krankenhaus. Er und das Team müssen 30 Minuten telefonieren. Dann erst finden sie einen Krankenwagen mit Babysitz.

Ein Steuermann wie Schmidt fehle

Und wenn es doch mal Tuberkulose wäre? "Dann kommt der Patient sofort ins Krankenhaus. Und der Gesundheitsdienst wird informiert", sagt Albers. Kontaktpersonen müssen zum Test. Es wäre ein Einzelfall. Der macht ihm wenig Kopfzerbrechen. Dafür existierten Notfallpläne, sagt er.

Doch beim großen Ganzen, so die Sorge des Chefarztes, fehle der Steuermann. Jemand, der die gesamte Flüchtlingsversorgung so fest in die Hand nimmt und "so entscheidungsfreudig ist, wie es unser verstorbener Altbundeskanzler Helmut Schmidt war".

Entscheiden, bewerten, Krankenhausbetten suchen. Das muss Lungenarzt Kunitz in Berlin-Lichtenberg in schneller Folge. Seine Anlaufstelle im Osten der Stadt betreut alle Tuberkulose-Kranken der Millionenmetropole.

Eigentlich habe er nicht viel Zeit zum Erzählen, sagt er. Der 40-Jährige in Jeans und blauem Hemd guckt durch seine randlose Brille kurz in Richtung Fenster. Dann scheint es ihn doch zu drängen, mehr zu berichten. Davon, wie er und andere Ärzte mit viel Improvisation daran arbeiten, die große Krise ein wenig zu entschärfen.

XXX

"Wir können hier in 21 Sprachen sagen: einatmen. Und ausatmen", sagt Kunitz. Der Syrer Omar, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, wartet mit Sohn, Tochter und Frau auf den Tuberkulose-Check. Englisch und Deutsch versteht Omar fast nicht. Er zeigt auf dem Handy Fotos seiner Heimat.

Rund 100 Aufnahmen schafft das Team mit fünf Ärzten am Tag. Und bis zu 60 Kinder, die meist mit einem Hauttest untersucht werden. 2015 war das Limit erreicht.

Zeitweise strömten täglich mehrere Hunderte Flüchtlinge in die Hauptstadt. Die zeitliche Lücke zwischen ihrer Ankunft und der Tuberkulose-Kontrolle wuchs. Das Land Berlin mietete einen Röntgenbus. Er schleust nun weitere 100 Menschen täglich durch.

Der Berufsalltag des 40-jährigen Kunitz wird, außer vom Röntgen, durch die Begleitung der Kranken geprägt: Erst liegen Patienten zwei, drei Wochen in der Klinik. Die Infektion verliert ihre Ansteckungskraft. Die Menschen dürfen heim.

Der Gesundheitsdienst muss dann rund sechs Monate weiter aufpassen, dass der Antibiotika-Cocktail genommen wird. Wer zu früh aufhört, riskiert die Rückkehr der Tuberkulose - oft in schlimmerer Form.

Was Superfoods für die Gesundheit tun können:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Gesponsert von Knappschaft