POLITIK
15/03/2016 13:40 CET | Aktualisiert 15/03/2016 15:07 CET

"Bin schockiert": So reagieren junge Menschen auf den Rechtsrutsch in Magdeburg

  • HuffPost Reportage: Was sagen junge Leute zum Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt?

  • Junge Magdeburger sind "schockiert" über Wahlausgang

Annemarie Krebs war schockiert, als sie das Ergebnis der AfD in Sachsen-Anhalt erfuhr. Die 20-Jährige studiert an der Universität Magdeburg Germanistik. “Ich stand mit meiner Mitbewohnerin in der Küche und wir konnten die hohe Zahl kaum fassen”, sagt sie der Huffington Post.

Wir sind in Magdeburg unterwegs, um uns mit jungen Leuten über die 24 Prozent zu unterhalten, die die Rechtspopulisten in dem östlichen Bundesland geholt haben. Es ist der Tag nach der Wahl - und auf den ersten Blick ist nichts davon zu spüren, dass sich hier ein Stück Geschichte abgespielt hat.

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Annemarie Krebs: "Bin schockiert"

Wer aber die Menschen auf das Wahlwochenende anspricht, der bekommt meist als erstes Antwort: “Schockierend.” Wie konnte es dazu kommen? Wie macht sich das hohe Ergebnis im Alltag bemerkbar? Und fühlen sie sich noch wohl in der Stadt? Annemarie hat darauf eine klare Antwort:

“An sich fühle ich mich noch wohl in der Stadt, aber wenn ich weiß, dass jeder Vierte einen rassistischen Hintergrund hat, beunruhigt mich das.

Das sind keine Menschen, mit denen ich mich umgeben möchte. Deswegen habe ich mich auch entschieden, meinen Master hier definitiv nicht mehr zu machen.”

Magdeburg ist so etwas wie eine Keimzelle des AfD-Erfolgs - hier werden die neue Abgeordneten nicht nur eine Fraktion im Landtag bilden. Im nördlichen Wahlkreis Magdeburg I wurde die Partei knapp stärkste Kraft. Das ist für eine Großstadt ungewöhnlich - hat aber Studentin Annemarie nicht gewundert.

“Ich erkläre mir das Ergebnis so, dass diese Wähler unzufrieden sind mit der Politik der Bundesregierung. Aber ich glaube auch, dass sie sich nicht informiert haben. Einige der AfD-Wähler sind arbeitslos – und die Partei will Hartz IV kürzen.

Das kann ich mir nur so erklären, dass sich diese Leute das Parteiprogramm gar nicht erst angeschaut haben. Und nur aus Protest gewählt haben, um den anderen Parteien eins reinzuwürgen.

Im Alltag merkt man den Protest gegen Ausländer schon hin und wieder. Ich wohne im Süden der Stadt. Und dort habe ich vor Kurzem erlebt, dass ein Mann bei meiner Haltestelle die Frauen mit Kopftüchern beleidigt hat.

Er hat geschrien, dass sie nach Hause gehen sollen. Ich habe ihn dann gefragt, was sein Problem ist. Er sagte, es gäbe zu viel Rassismus. Und was er manche, sei Patriotismus.”

Von diesem Alltagsrassismus berichten auch andere, junge Magdeburger. Franzi Hirt etwa ist 21 Jahre, sie kommt aus Magdeburg und möchte eigentlich auch nicht mehr aus der Stadt weg. Doch die Wahlen haben ihr zu Denken gegeben.

“Die Stadt ist übersichtlich, aber nicht zu klein. Die Mieten sind nicht so hoch und ich habe viele tolle Freunde hier. Trotzdem hat mich das Ergebnis der AfD bei den Landtagswahlen sehr überrascht. Ich kann es nicht nachvollziehen, dass man aus Protest eine rechtspopulistische Partei wählt.

Ich kann es auch nicht nachvollziehen, dass die Leute das Programm nicht lesen, wenn sie schon wählen gehen. Alltagsrassismus erlebe ich in Magdeburg leider häufiger.

Diese Sprüche gegen Ausländer, vor allem in der Bahn – das ist für mich schwer zu ertragen. Das sind aber eher die älteren Leute.”

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Philip Parkop: "Hier sind einfach echt viele Deutsche"

Von ähnlichen Erlebnissen berichtet auch Philip Parkop. Der 23-Jährige kommt eigentlich aus Braunschweig - “deshalb bin ich es gewohnt, dass alles etwas bunter ist”, sagt er. Als er vor eineinhalb Jahren nach Magdeburg kam, dachte er: “Türken und andere Südländer sieht man hier fast gar nicht. Hier sind einfach echt viele Deutsche.”

Philip fühlt sich dennoch wohl in der Stadt, er hat dort viele Freunde und findet es dort lebenswert. Aber:

"Das Ergebnis der AfD bei den Landtagswahlen hat mich schockiert. Ich glaube, es liegt zum Teil an der Einstellung der Leute, die hier leben.

Ich habe in der Bahn auch schon rechte Kommentare gegen meine asiatischen Kumpels gehört. Und einmal war ich in der Bahn nach einem Magdeburg-Fußballspiel. Die Leute sind dann immer etwas betrunken. Ein Mann fing an, über Frauen mit Kopftüchern zu lästern.

Er sagte: „Na, wie viele Kopftücher sehen wir denn heute wieder hier?“. Und dann sagt die Frau, die neben ihm stand: „Das muss jetzt nicht sein.“ Die brüllt er auch an, sagte ihr: „Was willst du denn von mir?“.

Ein älterer Mann versuchte, dazwischen zu gehen – doch er wurde fast von dem betrunkenen Typen verprügelt. Da wurde es zu viel, sodass ich und einige andere Fahrgäste versuchten, zu helfen. Zwei Haltestellen später stieg er dann aus.”

Tatsächlich ist die AfD vor allem bei älteren Leuten stark. Doch sie wird auch von jungen Menschen gewählt. Bei denen zwischen 18 bis 30 Jahren ist sie neben der CDU ebenfalls stark vertreten. Und darunter sind auch einige mit hohem Bildungsabschluss.

Mit lautem Wahlkampf haben die Rechten in Magdeburg auch vor der Uni geworben. Davon berichtet Marcus Prier, 29 Jahre.

“Das Ergebnis habe ich erwartet. Das muss man leider so sagen. NPD und AfD sind mit Trucks, Lautsprechern und großen Leinwänden durch Magdeburg gefahren und haben ihre Parolen verbreitet.”

Dieses laute Auftreten ist tatsächlich ein Grund, warum die AfD in Sachsen-Anhalt so stark werden konnte. Politologe Oskar Niedermayer etwa sagt: "Die Wähler dort haben nur sehr schwache Bindungen an die Parteien und sind kurzfristig beeinflussbar." Mit dem Thema Flüchtlingskrise habe es die Partei geschafft, eigentlich Desinteressierte zum Protest zu mobilisieren. Nur ein Drittel haben die Partei tatsächlich wegen ihren Inhalten gewählt.

Das ist auch der Grund, warum Marcus Magdeburg nicht ganz aufgegeben hat.

"Für mich ändert sich aber an Magdeburg erstmal nichts. Die AfD ist erstmal nur in der Opposition. Man wird jetzt in den nächsten Monaten sehen, dass die Leute eine Nullnummer gewählt haben."

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