POLITIK
10/03/2016 12:14 CET | Aktualisiert 10/03/2016 14:53 CET

Sieben Gründe, warum die Flüchtlinge Deutschland nicht überfordern

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  • Einwanderung fordert uns alle – und vor allem die Manager in uns

  • Damit aus den vielen Biographien, die nach Deutschland kommen, eine Erfolgsstory wird, brauchen wir mehr unternehmerisches Denken

Ein Gespenst geht um in Deutschland, es ist das Gespenst der Überforderung. Eigentlich ein Wunder, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache „Überforderung“ nicht zum Wort des Jahres 2015 erklärte.

Rund eine Million Menschen sind im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen, aus fernen Ländern. Und es sieht nicht danach aus, dass es 2016 sehr viel weniger werden. Sie bringen andere Kulturen und Gewohnheiten mit. Sie haben gesehen, wovon wir nicht träumen. Sie werden Deutschland verändern. Das, so scheint es vielen, könnte uns überfordern.

Jedenfalls geistert dieses Wort durch die Republik.

Nicht nur an Stammtischen fällt es. Auch im Bundestag, in den Meinungsspalten der Medien und in Teekreisen der Kirchen. Es ist ja nicht so, dass die Zeiten ohne die Geflüchteten ruhig wären. Der gestiegene Stress-Level. Instabilere Verhältnisse bei Job und Familie. Alles dreht sich schneller. Und nun kommen all die neuen Leute. Macht uns das fertig?

Hier sind sieben Gründe, warum das Wort „Überforderung“ in Wirklichkeit ein Scheinriese ist. Und warum wir das gut hinkriegen werden mit den „Flüchtlingen“:

"Durch die Flüchtlinge wird unsere Verwaltung zusammenbrechen"

1. Wahr ist, dass der Staat viel zu langsam auf die steigenden Zahlen der in Deutschland ankommenden Geflüchteten reagiert hat. Jahrelang hatte die Bundesregierung es sich kommod eingerichtet im Dublin-Abkommen, nach dem die „Flüchtlinge“ in Erstankunftsländern weit von Deutschland entfernt blieben.

Dann kamen sie doch.

Jetzt ist die Infrastruktur stark herausgefordert. Denn in die wurde in der Vergangenheit kaum noch investiert. Behörden sind deshalb überlastet – auch weil sie gesteigerte Kundenzahlen mit den alten Gewohnheiten meistern wollen. Die Berliner Lageso-Behörde ist dafür ein Musterbeispiel: Erst seitdem Unternehmensberater von McKinsey neue Strukturen implantierten, schnurrt der Apparat wieder.

"Die Kommunen sind überlastet"

2. Tatsächlich haben die Gemeinden am schwersten zu tragen. Sie müssen die Integration, das alltägliche Leben vor Ort organisieren. Dabei zeigt sich: Wer neu, flexibel und lösungsorientiert denkt, hat Erfolg. Es gibt Kommunen, die laden „ihre Flüchtlinge“ auf der grünen Wiese ab, sperren sie in ein leerstehendes Haus im Wald.

Dann werden die Probleme kommen. Es gibt aber auch viele Kommunen, die sofort auf eine maximal dezentralisierte Unterbringung setzen. Die Bürger- und Nachbarschaftshilfen koordinieren. Die wissen, wie sie schnell die von Land und Bund zur Verfügung gestellten Gelder abrufen können. Das Geld ist ja da. Es muss aber auch in innovative Konzepte fließen können.

"Das wird mir alles irgendwie zu viel"

3. Warum klappt die Verwaltung der Einwanderung in Bayern besser als in Berlin oder NRW? Weil man im Alpenland Wert legt auf einen funktionierenden Beamtenapparat – Flüchtlinge hin oder her. Prozesse sollen laufen können, dafür müssen sie verschlankt und fokussiert werden.

Auf Unternehmensberater kommen irre viele Beschäftigungsmöglichkeiten zu: Es müssen Konzepte aus einem Guss her, die das Leben und die Versorgung von Geflüchteten koordinieren – kein gewohnter Flickenteppich aus verschiedenen Behördenkompetenzen hilft jetzt weiter.

Überhaupt muss mehr gedacht werden; warum gab es für die Silvesternacht in Köln kein Sicherheitskonzept? Weil das Ordnungsamt Silvester nicht als Veranstaltung definierte, also keinen Veranstalter ausmachte – abgesehen davon, dass die Übergriffe auf Frauen nicht von den „Flüchtlingen“ ausgingen, von denen gerade die Rede ist.

Die Einwanderung erfordert neues Denken – neue Forschung und neue Studiengänge. Alles machbar.

"Durch die Flüchtlinge werden Deutsche schlechter gestellt werden"

4. Vize-Kanzler Sigmar Gabriel (SPD) treibt eher das Gegenteil um. Er plädierte dafür, mehr für bedürftige Deutsche zu unternehmen – damit kein Neid aufkommt. Kein Ökonom geht davon aus, dass künftig weniger Geld „für uns übrig“ sein werde. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist sich zum Beispiel sicher, dass wegen der Ausgaben für die Geflüchteten keine Sozialleistungen oder Renten gekürzt werden.

Allein für dieses Jahr gehen Wirtschaftsexperten von Überschüssen der öffentlichen Haushalte aus – und zwar in Höhe von 15 Milliarden Euro.

"Die Flüchtlinge können kaum in den Arbeitsmarkt integriert werden" gegen "Die Flüchtlinge nehmen uns die Jobs weg"

5. Also was denn nun? Derzeit gibt es in Deutschland 600.000 offene Stellen. Die lassen sich natürlich nicht einfach mit Geflüchteten besetzen. Kurzfristig werden sie einfach nur kosten. Mittel- und langfristig gehen Migrationsforscher aber davon aus, dass viele Profile der Geflüchteten den Bedarfslagen des Arbeitsmarktes entsprechen werden – dann werden sich jetzigen Ausgaben umkehren in positive fiskalische Effekte.

Langzeitarbeitslose werden dann schon mit Geflüchteten um Jobs im Niedriglohnsektor konkurrieren. Wichtig wird dann sein, wie sich der Einzelne fortbildet. Es kann Jobs für alle geben – das macht der demografische Wandel deutlich: In Zukunft müssen immer weniger junge Arbeitskräfte für immer mehr Renten aufkommen. Da können die überwiegend jungen Geflüchteten helfen.

"Die Bildung der Flüchtlinge und unsere – das wächst nicht zusammen"

6. Bildung ist der Schlüssel für eine Erfolgsstory. Zwar sind die meisten Geflüchteten Syrer, und viele Syrer weisen qualifizierte Schul- und Studienabschlüsse auf; Syrien ist ein bildungsreiches Land. Aber auch hier braucht es neue Ansätze. Die Wirtschaft ruft nach neuen Arbeitskräften – aber gerade große Unternehmen müssen jetzt mehr Ausbildungsplätze schaffen und diese auf Geflüchtete zuschneiden.

Und Geflüchtete müssen sich auf den Hosenboden setzen: Auch 25-Jährige sollen sich klar werden, dass sie möglicherweise erstmal für einen deutschen Schulabschluss büffeln müssen, wenn sie beruflichen Erfolg haben wollen. Da haben wir viel verpennt. Eine Schulpflicht für „Flüchtlinge“ sah der Staat lange gar nicht vor.

Private Initiativen dagegen machen vor, wie es geht: In München erzielt die SchlaU-Schule für junge Geflüchtete seit Jahren Spitzenergebnisse bei Schulabschlüssen und Vermittlung in den Arbeitsmarkt; zuerst gegen den Freistaat, jetzt gemeinsam – mit Unterricht auf Augenhöhe.

"Die bleiben anders als wir"

7. Gerade an den Schulen zeigt sich: Viele Kinder und Jugendliche unter den Geflüchteten sind traumatisiert. Das überfordert rasch auch Lehrer. Auch hier ist neues Denken angesagt, mehr Sensibilisierung und Fortbildung. Mehr Betreuung.

Es wird sich auszahlen, sich jetzt mehr in die Lage der Angekommenen hinein zu versetzen. Langfristig, das haben Migrationsforscher längst herausgefunden, werden "wir" nicht wie "die", sondern eher "die" wie "wir" – sie passen sich an. Und daraus könnte ja ein neues WIR entstehen.

Herausforderungen haben immer ein Land gestärkt. Innovationen und Ideen freigesetzt. Deutschland hat eine große Chance.

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