POLITIK
07/03/2016 22:17 CET | Aktualisiert 08/03/2016 14:06 CET

"Wir sollten uns schämen": So heftig rechnet eine saudische Journalistin mit Muslimen ab

BORIS HORVAT via Getty Images
People pray at the mosque in Frejus, on January 22, 2016, following the provisional authorisation for its reopening delivered by the prefecture. / AFP / BORIS HORVAT (Photo credit should read BORIS HORVAT/AFP/Getty Images)

Das Verhältnis von Muslimen und der westlichen Welt erreicht immer neue Tiefpunkte. Viele Europäer sehen in Muslimen potenzielle Terroristen - der Islam ist für sie eine Religion des Hasses. Experten sehen schon länger einen "Kampf der Kulturen" heraufziehen. Klar ist jedenfalls: Ein großer Teil der Muslime fühlt sich zurecht stigmatisiert.

Die saudische Journalistin Nadine Al-Budair sorgt jetzt für einen überraschenden Perspektivwechsel auf die Debatte. In einem provokanten Artikel in der Kuwaiter Zeitung „Al-Rai“ drückt sie ihr Verständnis für die Position des Westens aus - ihre Worte klingen wie eine Abrechnung mit den Muslimen.

"Stellt euch vor, sie würden Selbstmordanschläge verüben"

Al-Budair zeichnet ein fiktives „Was-Wäre-Wenn“-Szenario, das den Westen in die Täterrolle rückt und nach der zu erwartenden Reaktion der arabischen Welt fragt:

„Stellt euch vor, westliche Jugendliche würden hierher kommen und Suizidanschläge im Namen des Kreuzes auf einem unserer öffentlichen Plätze verüben. Stellt euch vor, zwei Hochhäuser würden in einer arabischen Hauptstadt zusammenstürzen und eine extremistische christliche Gruppierung würde sich zu den Anschlägen bekennen.“

Al-Budair geht noch weiter:

„Stellt euch vor, wir würden ihre Länder als Touristen bereisen und sie würden auf uns schießen, Autos in unserer Nähe in die Luft jagen und mit „Verjagt Muslime aus dem Land der Kultur“-Rufen ihren Widerstand gegen unsere Präsenz deutlich machen.“

Ein eben solches Szenario sei für Muslime undenkbar. Sie seien es gewohnt seit Jahren ohne Angst und Sorge auf europäischem Boden zu leben, Visas, Pässe, Jobs und freie Bildung, soziale Sicherheit und Gesundheitsvorsorge zu erhalten.

„Doch wie lange wird das noch so bleiben?“, fragt Nadine Al-Budair in Ausdruck ihrer Sorge um das muslimisch-europäische Verhältnis.

Nadine Al-Budair gehört zu den bekanntesten, aber auch umstrittensten Journalistinnen im arabischen Raum.

Daniel Gerlach, Chefredakteur des renommierten Magazins "Zenith", das seit mehr als 10 Jahren Jahren über die Entwicklungen im Nahen Osten berichtet, erklärt: „Sie wird durchaus ernst genommen. Viele junge Frauen in der arabischen Welt, insbesondere in ihrer Heimat Saudi-Arabien, sind stolz auf sie und fühlen sich von ihr repräsentiert."

Al-Budair wirbt für Reformen in der arabischen Welt

In ihrem Kommentar sieht er eine Aufforderung zum Umdenken im arabischen Raum: „Sie fordert die Menschen im arabischen Raum damit auf, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und den Westen nicht immer nur als Unterdrücker und Gegner zu sehen, sondern sich auch in seine Rolle hineinzuversetzen."

Al-Budair wirbt nicht nur für Empathie für die Skepsis des Westens, sondern auch für Reformen in der arabischen Welt. Dabei nimmt sie Bezug auf die viel kritisierte Forderung des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, Muslimen in Zukunft die Einreise zu verweigern.

„Es ist seltsam, dass wir Muslime glauben, dass wir das Recht haben solche Aussagen zu verurteilen. Stattdessen sollten wir lieber den Extremismus in unseren Lehrplänen, unserer Bildung und unseren Regimen thematisieren und uns dafür schämen.“

Die Kritik Al-Budairs richtet sich vor allem gegen die extremistische Auslegung der Religion und die Menschen, die diese weiterhin lehren:

„Stellt euch vor, ihr seid in Amsterdam, London oder New York und wisst, die Schüler dort lernen als Teil ihres Lehrplans, dass ihr ungläubig seid und dass euch zu töten zu den Jungfrauen ins Paradies führt. Würdet ihr euren Aufenthalt dort bis zum Ende des Sommers verlängern, oder lieber wegbleiben?“

Die Kritik adressiert eines der Grundprobleme vieler arabischer Länder: Diese sind auf den Tourismus aus Europa angewiesen. Dieser bleibt jedoch aufgrund der allgegenwärtigen Angst vor Anschlägen und religiösem Fanatismus aus.

Die junge Autorin sucht den Schulterschluss mit Europa

Die junge Autorin, die für ihre Artikel häufig Drohungen bekommt und in ihrer Heimat Saudi-Arabien ein Berufsverbot auferlegt bekommen hat, sucht mit ihrem Gedankenspiel bewusst die Provokation. So deutlich wie Al-Budair hatten sich bisher wenige muslimische Autoren gegen islamistischen Extremismus und für eine Reformbewegung in der arabischen Welt positioniert. Dazu sucht sie den Schulterschluss mit Europa.

Trotz der Schärfe ihrer Worte: Al-Budairs Botschaft ist eine Positive. Sie wirbt im arabischen Raum für Verständnis für den Westen. Damit auch die arabischen Länder wieder mit mehr Verständnis aus Europa rechnen können.

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