Eine Frau bemerkt, dass sie ihren Ehemann jahrelang unbewusst misshandelt hat

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WOMAN MAN HUG SAD
Embracing couple | Dmitriy Shironosov via Getty Images
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Gewalt ist nicht immer offensichtlich. Und manchmal merken Menschen nicht, dass sie andere quälen. So ginge es einer Nutzerin des Portals Reddit, die ihre Erfahrungen sehr offen schildert. Sie hat ihrem Mann jahrelang seelisch missbraucht, ganz unbewusst:

"Meinen “Aha-Moment“ erlebte ich wegen einer Packung Hamburger-Fleisch. Ich bat meinen Mann, im Supermarkt vorbeizuschauen und ein paar Dinge für das Abendessen zu kaufen. Und als er heimkam, ließ er die Tasche auf den Tresen plumpsen. Ich fing an, die Sachen aus der Tasche zu holen und bemerkte, dass er das 70/30 Hamburger-Fleisch gekauft hatte – das bedeutet, es ist zu 70 Prozent mager und zu 30 Prozent fett.

Ich fragte: “Was ist das?“

“Hamburgerfleisch“, antwortete er leicht verwirrt.

“Du hast nicht die richtige Sorte gekauft“, sagte ich.

“Habe ich nicht?“, antwortete er mit Stirnrunzeln. “War da eine andere Marke, die du gewollt hättest, oder so?“

“Nein, du verstehst nicht ganz“, sagte ich. “Du hast das 70/30 mitgebracht. Ich kaufe immer mindestens das 80/20.“

Er lachte. “Oh, das ist alles? Ich dachte, ich habe es wirklich vermasselt.“

So begann alles. Ich ging regelrecht auf ihn los. Ich beschimpfte ihn. Er hätte doch schlauer sein können. Warum hatte er nicht die gesündere Variante gekauft? Hat er überhaupt das Etikett gelesen? Warum kann ich ihm nicht vertrauen? Muss ich ihm jede Kleinigkeit bis ins kleinste Detail erklären, damit er es richtig versteht? Am meisten kränkte mich, dass er nicht aufmerksamer war. Wie konnte er die ganzen Jahre nicht bemerken, was ich immer kaufe? Achtet er überhaupt nicht darauf, was ich mache?

Er saß da, ertrug die volle Wucht meiner rechthaberischen Empörung und murmelte Antworten wie: “Ich habe das nie bemerkt“, “Ich denke wirklich nicht, dass das eine große Sache ist“, und “Nächstes Mal mache ich es richtig“. Da sah ich, dass sein Gesicht allmählich einen Ausdruck bekam, den ich oft an ihm gesehen habe in den vergangenen Jahren. Es war eine Mischung aus Resignation und Entmutigung. Er sah aus wie unser Sohn, wenn er bestraft wird. In diesem Moment erkannte ich es. “Warum mache ich das? Ich bin nicht seine Mutter.“

Plötzlich fühlte ich mich schrecklich. Ich schämte mich für mich selbst. Er hatte Recht. Das war nichts, weswegen man jemanden beschimpfen muss. Und ich tat es einfach. Wegen einer blöden Packung Hamburger-Fleisch, das er pflichtbewusst im Supermarkt geholt hat, weil ich ihn darum gebeten hatte. Wenn ich etwas bestimmtes gewollt hätte, hätte ich deutlicher sein müssen. Ich wusste nicht, wie ich mich würdevoll dem Gespräch entziehen könnte, ohne zu wirken, als hätte ich eine gespaltene Persönlichkeit. Also murmelte ich nur etwas wie: “Klar. Ich denke wir machen es damit. Ich fange mit dem Abendessen an.“

Er schien erleichtert, dass es vorbei war und verließ die Küche.

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Und dann saß ich da und dachte lange und angestrengt darüber nach, was ich gerade getan hatte. Und was ich ihm wahrscheinlich jahrelang angetan hatte. Der “Hamburger-Fleisch-Moment“, wie ich ihn nannte, war sicher nicht das erste Mal, das ich ihn geschimpft habe, weil er etwas nicht so gemacht hatte, wie ich es wollte. Er hat immer etwas falsch aufgeräumt. Oder etwas weggelassen. Oder völlig vergessen, etwas zu tun. Und ich war immer da, um ihn darauf hinzuweisen.

Warum mache ich das? Was bringt es mir, dass ich meinen Ehemann ständig nieder mache? Den Mann, den ich als Partner in meinem Leben habe. Den Vater meiner Kinder. Den Kerl, den ich an meiner Seite will, wenn ich alt werde. Warum mache ich das, was Frauen so oft vorgeworfen wird und warum versuche die Art zu ändern, wie er jede Kleinigkeit macht? Habe ich das Gefühl, etwas zu erreichen? Sicher nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass ich weitermachen muss.

Warum denke ich, dass es angemessen ist, zu erwarten, dass er sich an alles erinnert, was ich will? Und dass er es dann genauso tut? Heißt es, dass er falsch liegt, wenn er es anders macht? Wann wurde “mein Weg“ “der einzige Weg“? Wann wurde es okay, ihn dauernd zu berichtigen und ihm Vorträge zu halten und jede Kleinigkeit zu betonen, die ich nicht mag, wenn er eine Art Fehler machte?

Und was bringt es ihm? Lässt es ihn denken: “Wow! Ich bin dankbar, dass sie da war, um mich zu berichtigen?“ Ich bezweifle es sehr. Er denkt sicherlich, dass ich ohne Grund auf ihm herumreite. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es ihn höchstens dazu bringen wird, Tätigkeiten im Haushalt zu meiden und mir auszuweichen.

Zwei typische Beispiele. Nummer eins. Ich fand kürzlich eine Glasscherbe auf dem Küchenboden. Ich fragte ihn, was passiert ist. Er sagte, er hatte am Abend zuvor ein Glas kaputt gemacht. Als ich fragte, warum er es mir nicht erzählt hat, sagte er: “Ich habe es aufgeräumt und weggeschmissen, weil ich nicht wollte, dass du deshalb einen hysterischen Anfall bekommst.

Nummer 2. Ich habe den Müll rausgebracht und fand ein Paar blaue Socken in der Mülltonne. Ich fragte ihn, was passiert ist und warum er sie weggeschmissen hat. Er sagte: “Sie sind aus Versehen mit meiner Jeans in der Wäsche gelandet. Jedes Mal, wenn ich Wäsche in die Waschmaschine stecke, erinnerst du mich daran, dass man Buntes und Weißes nicht mischt. Ich wollte nicht, dass du sie siehst und glaubst, dass ich nach 35 Jahren nicht weiß, wie man Klamotten wäscht.“

Also kam er an den Punkt, an dem er dachte, es wäre besser – oder schlicht einfacher – Dinge zu vertuschen, anstatt zuzugeben, dass er menschlich versagt hat. Welche Art Umfeld habe ich geschaffen, wenn er das Gefühl hat, keine Fehler machen zu dürfen?

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Fassen wir diese Vergehen mal zusammen: Ein zerbrochenes Glas. Ein Paar blaue Socken. Beides normale Fehler, die jeder hätte machen können. Aber er hatte Recht. Als ich von dem Glas erfahren habe, kritisierte ich nicht nur seine Tollpatschigkeit, sondern auch, dass er nicht alle Scherben aufgeräumt hatte. Bei den Socken habe ich ihm einen Vortrag gehalten, dass er besser aufpassen soll, wenn er Kleidung sortiert. Obwohl er betont hatte, dass es ein Missgeschick war. Wann auch immer es so ein Problem gibt, wird er dasitzen und sich das Ganze eine Weile anhören. Aber am Ende wird er immer antworten mit: “Ich denke, es ist mir einfach nicht so wichtig."

Ich weiß jetzt, was er meint ist: “Das, was dich so aufregt, ist ein kleines Detail, oder Ansichtssache oder eine Vorliebe, oder ich sehe nicht, warum du daraus so eine große Sache machst.“ Ich interpretierte es die ganze Zeit als Zeichen, dass ihm mein Glück nicht wichtig ist oder er gar nicht versuchen will, die Dinge so zu machen, wie ich es gern hätte. Ich kam zu der Ansicht, dass “dieser Kerl es nicht versteht.“ Ich sah mich als die Klügere von uns beiden.

Ich begann, darüber nachzudenken, was ich an den Beziehungen meiner Freunde beobachtet habe. Über welche Dinge sich meine Freundinnen bezüglich ihrer Ehemänner beschwerten. Und ich merkte, dass ich nicht alleine war. Irgendwie sind zu viele Frauen dem Gedanken verfallen, dass Ehefrauen es immer besser wissen. Da gibt es sogar eine Redewendung, die das bestätigt: „Glückliche Frau, Glückliches Leben.“ Das lässt nicht viel Raum für Möglichkeiten, oder?

Es ist ein Klischee. Schaut euch nur einmal die Medien an. Filme, TV, Werbungen – überall sieht man unglückliche Ehemänner und schlaue Ehefrauen. Er kann nicht kochen. Er kann nicht auf die Kinder aufpassen. Wenn sie ihn rausschickt, um drei Dinge zu kaufen, kommt er mit Zweien zurück - und beide sind falsch. Wir sehen es immer und immer wieder.

Dieses dauernde Genörgel vermittelt unseren Ehemännern die Botschaft: “Wir respektieren euch nicht. Wir denken nicht, dass ihr schlau genug seid, Dinge richtig zu machen. Wir erwarten, dass ihr alles durcheinander bringt. Und wenn ihr es macht, machen wir euch sofort darauf aufmerksam.“ Durch diese negative Verstärkung fühlt er sich, als könne er (in unseren Augen) nichts richtig machen.

Wenn er zufrieden mit sich selbst ist, und damit, wer er ist, wird er es dir übel nehmen. Wenn er nicht selbstsicher ist, wird er anfangen, dir zu glauben und die Vorhersage wird sich selbst erfüllen. Nichts davon ist eine wünschenswerte, nützliche Folge für dich, ihn oder eure Ehe.

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Tat mein Ehemann das Gleiche mit mir? Genau wie ich mir sicher bin, dass es viele Frauen gibt, die so etwas nie mit ihren Männern machen, bin ich mir sicher, dass es Männer gibt, die genau das ihren Frauen antun. Aber ich denke nicht, dass es ein typisch männlicher Charakterzug ist. Als ich da saß und darüber nachdachte, merkte ich, dass mein Mann nicht das gleiche Verhalten mir gegenüber zeigte. Ich erinnerte mich an die Male, als ich Fehler gemacht hatte.

Als ich rückwärts gegen Tor gefahren bin und das Auto verkratzt habe. Er hat nie ein Wort darüber verloren. Als ich das Abendessen gemacht habe, von einem Anruf meiner Mutter unterbrochen wurde und es verkohlt ist. Er hat nur gesagt: “Wir können einfach Pizza bestellen.“ Als ich versuchte, die neuen Terrassenmöbel zusammenzubauen und seine guten Werkzeuge im Regen liegen ließ? “Missgeschicke passieren“, war seine einzige Antwort.

Ich erschauderte, und überlegte, was ich gesagt hätte, wenn es anders herum gewesen wäre und er diese Fehler gemacht hätte.

Also ist er einfach besserer Mensch als ich? Warum reißt er mir nicht den Kopf ab, wenn ich die Dinge nicht mache, wie er sie will? Ich wäre ein Idiot, zu denken, dass das nicht passiert. Und bis jetzt erinnere ich mich nicht, dass er das jemals zu mir gesagt hätte. Es scheint nicht so, als wäre er darauf bedacht, die Art zu ändern, wie ich Dinge tue. Aber warum?

Vielleicht sollte ich wörtlich nehmen, was er mir immer gesagt hat. Diese kleinen Dinge sind ihm "einfach nicht so wichtig". Das ist kein Zeichen, dass er faul ist, oder dass er nicht dazu lernt, oder, dass es ihm scheißegal ist, was ich will. Vielleicht sind ihm die kleinen Dinge einfach nicht so wichtig – und er liegt damit richtig. Das sind nicht die Dinge, die Streit auslösen sollten. Das sind nicht die Dinge, die er an mir ändern muss. Und vielleicht macht es ihn nicht dumm oder ungeschickt. Er ist nur nicht so detailversessen wie ich. Und darum flippt er nicht so aus, wenn ich einen Fehler mache.

Am Ende habe ich mir meine Mann als Partner ausgesucht. Er ist nicht mein Diener. Er ist nicht mein Angestellter. Er ist nicht mein Kind. Ich dachte nicht, dass er dumm ist, als ich ihn geheiratet habe – sonst hätte ich es nicht getan. Er muss von mir nicht zurechtgewiesen werden, nur weil ich seine Art, die Dinge zu tun, nicht mag.

Als ich gedanklich an diesen Punkt kam, dachte ich an all seine guten Seiten. Er ist intelligent. Er ist ein guter Mensch. Er ist hingebungsvoll. Er ist großartig zu den Kindern. Er hilft immer im Haus. (Nur nicht immer, wie ich es will!) Außerdem kritisiert er mich nicht, wenn ich Fehler mache oder wenn ich Dinge anders erledige als er.

Er ist sogar sehr empfänglich dafür, wie ich Dinge erledige. Wenn er bemerkt, dass ich die Dinge anders haben will, versucht er, sich in Zukunft daran zu halten. Anstatt mich auf diese wundervollen Dinge zu konzentrieren, hing ich an den negativen fest. Und nochmal, ich weiß, ich bin damit nicht allein.

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Wenn wir weiterhin erreichen wollen, dass sich unsere Ehemänner klein fühlen, oder dumm, oder ungeschickt, weil sie vielleicht etwas in Unordnung gebracht haben, dann hören sie irgendwann auf, Dinge zu versuchen. Oder schlimmer, sie denken, dass sie wirklich klein oder dumm sind.

Ich rede hier über den Mann, mit dem ich seit zwölf Jahren verheiratet bin. Der gMann, der mir meinen Autoreifen im Regen gewechselt hat. Der Mann, der meinen Kindern das Fahrradfahren beigebracht hat. Der Mensch, der mit mir die ganze Nacht im Krankenhaus war, als meine Mutter krank war. Der Mann, der immer hart gearbeitet hat, um mir ein anständiges Leben zu ermöglichen und der seine Familie immer unterstützt hat.

Er weiß, wie man das Öl im Auto wechselt. Und kann mein Betriebssystem auf dem Computer neu installieren. Er hebt Dinge für mich, die zu schwer sind und öffnet klemmende Marmeladengläser. Er kehrt den Gehweg. Er kann einen Deckenventilator festmachen. Er repariert die Toilette, wenn sie nicht mehr spült. Ich kann keine dieser Sachen machen. Und ich mache ihm das Leben schwer, weil der Schlüssel nicht an seinem Platz liegt. Er ist ein guter Mann und macht viel für mich. Er hat es nicht verdient, wegen kleiner Dingen beschimpft zu werden, die im Großen und Ganzen nichts bedeuten.

Seit meiner Entdeckung versuche ich, mich zurückzuhalten, wenn ich nörgeln will. Ich bin nicht immer konsequent, aber ich weiß, ich habe mich gebessert. Und ich habe bemerkt, wie diese kleine Veränderung unsere Beziehung schöner machte. Es scheint alles entspannter. Wir scheinen uns besser zu verstehen. Ich denke, wir sehen einander mehr als vertrauenswürdige Partner, keine feindlichen Gegner, die in ihrem Alltag uneins sind. Ich habe sogar akzeptiert, dass sein Weg manchmal der bessere sein könnte!

Es sind zwei Dinge für eine Beziehung nötig. Keiner hat immer Recht und keiner liegt immer falsch. Und ihr werdet euch nicht über jede Kleinigkeit einig sein. Es macht dich nicht schlauer, oder besser oder gibt dir mehr Recht, jemandem jede Kleinigkeit zu sagen, die dir nicht passt. Frauen, denkt daran, es ist nur Hamburger-Fleisch.

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