LIFESTYLE
05/03/2016 14:43 CET | Aktualisiert 05/03/2016 14:44 CET

Liebe Eltern, unterschätzt euer Dorf nicht

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Mother kissing and cuddling happy baby boy

THE BLOG

Es war ein lauer Frühlingstag. Mein Mann war nicht in der Stadt. Mein weinender, zwei Wochen alter Sohn, der Koliken hatte, erwachte aus seinem Nickerchen.

Es hörte sich an, als würde er Todesqualen erleiden, schreckliche Angst haben - oder einfach nur stinksauer sein. Ich wusste einfach nicht, was ihm fehlte.

Zwei schlaflose Wochen lang hatte ich versucht herauszufinden, wie ich meinen Sohn richtig stillte und ich fragte mich, wie ich es geschafft hatte, all den Zorn und das Leiden zu überstehen. Nun setzte ich das schreiende Baby in seinen Kindersitz und fuhr los.

Welche Mutter konnte denn ihr eigenes Kind nicht besänftigen?

Ich hatte irgendwo gelesen, dass Fahren das Baby beruhigt, weil die Bewegung die Gebärmutter imitieren würde.

Außerdem würde ich so aus dem Haus kommen und nicht länger einsame Gänge auf- und abschreiten, während ich mir die Haare ausriss, weinte und mich fragte, welche Mutter denn ihr eigenes Kind nicht besänftigen konnte.

Also fuhr ich ziellos durch die Gegend, wartete, bis das Geschrei nachließ, und betete für die notwendige Energie, das alles zu überstehen.

In diesem Moment rief meine Schwägerin an. Sie hatte vor dem Haus angehalten, um mich zu besuchen und fragte sich, ob ich etwas brauchte. Ich war genervt. Als hätte ich nicht schon genug Stress.

Jetzt musste ich mich auch noch um unangekündigte Gäste kümmern? Doch irgendwie war ich auch erleichtert, also fuhr ich nach Hause.

Ich hatte neue Hoffnung

Schon als ich in der Einfahrt parkte, sah meine Schwägerin mein tränenüberströmtes Gesicht und hörte das Baby schreien. Sie kam sofort, um zu helfen.

Sie umarmte mich, noch bevor sie meinen Sohn aus seinem Kindersitz losschnallte, ihn knuddelte und in ihre Arme nahm, während sie mich anwies, hinaufzugehen und mich hinzulegen. Ich war sprachlos.

Meine Augen waren voller neuer Hoffnung und unendlicher Dankbarkeit, als ich sie ansah. Dann machte ich ein Nickerchen.

Ein ganzes Dorf ist nötig, um ein Kind großzuziehen

Man sagt, ein ganzes Dorf sei nötig, um ein Kind großzuziehen. Das stimmt. In den zwei Jahren, seit ich Mutter geworden war, hatte ich eine gefestigte Gemeinschaft gebildet, die barbarische Attacken und Hungersnöte gleichermaßen standhalten konnte.

Mein Dorf ist meine gesamte soziale Umgebung. Mein Dorf steht felsenfest. Das tat es aber nicht von Anfang an.

Ich war unglaublich naiv, als ich schwanger wurde. Ich bin keine dieser unbeholfenen "Teen Moms" auf MTV. Ich bin eine erfolgreiche, erwachsene Frau. Wie hart kann es schon sein? Karma ließ es mich wissen.

Liebe und Sicherheit zählen

Ein Kind großzuziehen, hat nichts mit beruflichem Hintergrund zu tun. Dein Baby interessieren deine akademischen Grade und das Thema deiner Abschlussarbeit nicht.

Nicht Alter, Kapital oder sozialer Status zählen, sondern Liebe und Sicherheit. Es geht darum, dem Kind Nahrung zu geben, es in den Schlaf zu wiegen und seine Windeln zu wechseln.

Meist sind Eltern diejenigen, die Kinder umsorgen, manchmal sind es auch andere. Dabei um Hilfe zu bitten, ist kein Zeichen von Schwäche. Die Menschen in deiner Umgebung wollen nicht zusehen, wie lange es dauert bis du zusammenbrichst und endlich um helfende Hände bettelst.

Sie wollen Teil deines Dorfes sein. Du musst sie nur wissen lassen, wenn du dazu bereit bist, das auch zuzulassen.

Das Dorf zu errichten, war anstrengend

Mein Dorf umfasst nicht nur die Nachbarn, die nebenan wohnen. Es sind auch Freunde, die helfen möchten.

Es beinhaltet die Kirche, die Babys willkommen heißt und Tagesbetreuung anbietet. Es ist der Mittwochnachmittag für Kleinkinder in der Bibliothek. Es ist das Café, in dem stillende Mütter herzlich willkommen sind.

Es kostete mich zwei Jahre, ich litt an einer Wochenbettdepression und vergoss unzählige Tränen. Ich musste oft um Hilfe bitten.

Ich musste neue Freundschaften schließen, alte Freunde aufgeben, die Hand nach einer neuen Gemeinschaft ausstrecken. Ich musste andere Mütter ausfindig machen und nach Unterstützung suchen, um mein Dorf zu errichten.

Heute danke ich meinem Dorf jeden Tag

Neben einem schönen Zuhause und einem Partner, der mich unterstützt, ist das Dorf eine entscheidende Komponente, um Ausgleich zu schaffen und bei gesundem Verstand zu bleiben. Dafür danke ich meinem Dorf jeden Tag.

Unterschätze das Dorf nicht. Spüre es auf. An diesem Tag lehrte mich meine Schwägerin eine wichtige Lektion. Die Menschen in deiner Umgebung sind da. Sie wollen, dass du Erfolg hast und sie werden dir auf jede mögliche Art und Weise helfen.

Ein ganzes Dorf ist nötig. Und ich könnte mir keinen besseren Ort vorstellen, um mein Kind großzuziehen.

Dieser Text erschien ursprünglich in der Huffington Post US und wurde von Alexandra Polic aus dem Englischen übersetzt.

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