POLITIK
05/03/2016 21:43 CET | Aktualisiert 07/03/2016 08:42 CET

„Wir werden wie unsere Gartenzwerge": So genial rechnet der "Economist" mit den Deutschen ab

dpa

  • Viele erkennen Deutschland momentan nicht mehr wieder

  • Der "Economist" beschreibt, wie sich das Land durch die Flüchtlingskrise verändert hat

  • Deutschland erlebe gerade das "Ende der Heilen Welt", die es seit Jahrzehnten pflege

Was ist eigentlich gerade los in Deutschland?

In Dresden marschiert jede Woche ein wütender Mob auf. In Clausnitz haben schreiende Fremdenfeinde Flüchtlinge mit Hasstiraden begrüßt. Und ein Schwimmbad nahe Hamburg will Männern offenbar das Rutschen verbieten - aus Angst vor sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge.

Viele Menschen erkennen Deutschland kaum wieder. Und deswegen lohnt es sich, denen zuzuhören, die das Land von Außen beobachten. Dort wirken die Szenen aus Clausnitz, Köln und anderswo noch befremdlicher und schockierender als hierzulande sowieso schon. So entsteht ein Image, das nichts mehr mit dem starken Mann Europas mit seiner warmherzigen Willkommenskultur zu tun hat.

Der „Economist“ hat dieses Image in seiner neuen Ausgabe auf den Punkt gebracht.

"The End of Heile Welt"

Das britische Magazin hat schon einige Male große Entwicklungen beschrieben, die dann wochenlang die Debatte beherrscht haben. Es zeigt seit Jahrzehnten, wie sich das Bild von Deutschland im Ausland verändert. Und das fällt aktuell nicht sehr schmeichelnd aus.

Unter dem Titel “The End of Heile Welt” zeichnet der Berliner-Büro-Chef Andreas Kluth das Bild eines zutiefst weltfremden Volkes, dem klar wird, dass es nicht alleine auf der Welt ist.

“Die Flüchtlinge sind in eine Gesellschaft eingedrungen, die im Gegensatz zu anderen westlichen Ländern erst in letzter Zeit zunehmend multikultureller wird. Plötzlich sind diese Fremden in gemischten Schulen, Discos, Schwimmbädern, Krankenhäusern und Parks”, schreibt der “Economist”.

Unter der “Heilen Welt” versteht der Autor eine Welt, die sich die Deutschen seit Ende des Zweiten Weltkrieges penibel aufgebaut haben. Darin sähen sie sich als gute Europäer, Demokraten und leidenschaftliche Pazifisten- immer unter der Obhut der “fürsorglichen, aber uncoolen Eltern”: Amerika als Vater, der über Westdeutschland im Kalten Krieg die schützende Hand hielt; und Frankreich als Mutter, die Deutschland in Europa integrierte.

"Private Oasen wie Schrebergärten und Gartenzwerge"

Zu der “Heilen Welt” zählt der “Economist” aber auch private Oasen wie Schrebergärten und ihre Gartenzwerge; und private Buchlesungen oder Nacktbaden mit Freunden im Osten. “Hauptsache, alles hatte seine Ordnung. Besucher waren beeindruckt (wenn nicht sogar eingeschüchtert) davon, wie penibel die Deutschen weißes, braunes und grünes Glas trennten, um es recyceln zu können”, schreibt der “Economist”.

Diese “Heile Welt” komme jedoch nach und nach ins Bröckeln.

“Russland zeigt sich zunehmend aggressiver; die Deutschen haben Angst, dass ihr alternder amerikanischer Vater nicht da sein könnte, wenn es darauf ankommt. Da sie bisher Gewaltlosigkeit bis hin zum Pazifismus praktiziert haben, wird ihnen jetzt bewusst, dass sie möglicherweise eines Tages wieder kämpfen, töten und sterben müssen, um ihren Staat und ihre Werte zu verteidigen. Und Globalisierung bedeutet jetzt nicht mehr nur, BMWs zu exportieren, sondern auch muslimische Flüchtlinge aufzunehmen.”

Als Reaktion darauf ziehe man sich in noch kleinere “Heile Welten” zurück. Dazu zählt der “Economist” die Pegida-Bewegung, die auf Außenstehende einen bedrohlichen Eindruck macht. Dafür zitiert der “Economist” den Soziologen Wolfgang Nowak, der sagt: “Wir werden immer mehr wie unsere Gartenzwerge - verschlossen statt tolerant”

1999: Der kranke Mann Europas

Der Economist-Kommentar ist eine vortreffliche Fortsetzung der vielen, mehrere Seiten starken Reporte über Deutschland.

1999 beschrieb das Magazin Deutschland als “kranken Mann Europas”. Der Begriff findet sich bis heute in der Debatte um Deutschlands ungeahnten wirtschaftlichen Aufstieg wieder, dessen Anfang sich in der Angeda 2010 der Schröder-Regierung verorten lässt.

Diesem Aufstieg widmete der “Economist” wiederum eine Titelgeschichte: “Deutschlands überraschende Volkswirtschaft”. 2013 dann, als die Bundesrepublik durch seine wirtschaftliche Stärke eine führende Rolle in der Euro-Krise übernham, veröffentlichte das Magazin einen 14-seitigen Report über den “widerwilligen Hegemon”.

"Germany! Germany!"

Deutschland habe wirtschaftlich eine ähnlich bedeutende Stellung für Europa wie die USA vor einigen Jahrzehnten. Doch das Land pflege eine “Kleinstaatenmentalität - ähnlich wie eine große Schweiz.” Als dann Bundeskanzlerin Merkel im September 2015 die “Willkommenskultur” ausrief, feierte das mehr als 170-jährige Magazin die Entscheidung der Kanzlerin unter der schlichten Überschrift: “Germany! Germany!”.