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Die Sache mit den Verschwörungstheorien

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Pedestrians carry umbrellas while walking past the New York Stock Exchange (NYSE) in New York, U.S., on Wednesday, Feb. 24, 2016. U.S. stocks rose, benchmark indexes climbing back from declines of more than 1 percent as crude stabilized near $32 a barrel in New York. Photographer: Michael Nagle/Bloomberg via Getty Images | Bloomberg via Getty Images
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Sind Verschwörungstheorien immer Unsinn? Und woher kommt eigentlich diese Annahme? Ein Erklärungsversuch

Forscher, die Methoden der Herrschaft und der Macht in der heutigen Gegenwart untersuchen, geraten häufig in den Verdacht, sogenannte Verschwörungstheoretiker zu sein. Dem liegt die Auffassung zugrunde, die Struktur der Welt sei mittlerweile derart komplex, ökonomisch wie auch politisch, dass im Prinzip der Zufall herrsche, oder das Chaos, keinesfalls aber eine Gruppe von wenigen mächtigen Personen.

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Nun wird niemand ernsthaft bestreiten, dass es einige wenige sehr reiche und mächtige Menschen tatsächlich gibt. Auch ist klar, dass diese Leute ihren Reichtum ausdehnen und ihren Einfluss festigen möchten. Ebenfalls unstrittig ist, dass sie zurzeit einen gewissen politischen Einfluss ausüben.

Viele Artikel und Kommentare kritisieren zum Beispiel seit Jahren, dass Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in den USA eher Versteigerungen gleichen, bei denen wohlhabende Spender eine Vorauswahl treffen, indem sie auf einzelne Kandidaten hohe Geldbeträge setzen, und aus diesen Politikern dann einige vom Volk wählen lassen, nachdem sie deren vermeintliche Vorzüge mit einem Millionenbudget und allen bekannten und unbekannten Marketingtricks den Bürgern vermittelt haben.

Das weiß man alles. Auch die wachsende Rolle der politischen Lobbyisten großer Konzerne ist kein Geheimnis und wird zumindest ab und zu öffentlich thematisiert. All dies würde niemand als Verschwörungstheorie bezeichnen.

Wie viel Macht haben die Reichsten?

Strittig ist bei den Theorien zur Rolle und zum Einfluss privater Geldmacht also eigentlich nicht, ob sie grundsätzlich stimmen oder nicht, sondern eher, inwieweit sie stimmen. Wie viel Macht haben die reichsten und bestvernetzten Milliardäre also wirklich? Wie üben sie diese aus? Und wie sind sie überhaupt an ihren Reichtum gelangt? Das sind die Fragen der Elitenforschung, des sogenannten „Power Structure Research“, der ein wichtiger – und von Milliardären eher selten geförderter – Zweig der Soziologie ist.

Zur wissenschaftlichen Methodik gehört dabei die Theoriebildung. Ein Forscher muss eine Annahme formulieren, die es dann zu überprüfen gilt. Nimmt er etwa an, dass die Personen, die er untersucht, sich zur Erreichung eines wirtschaftlichen oder politischen Ziels miteinander verabredet haben, ohne darüber die Öffentlichkeit zu informieren, dann ist diese Annahme notwendigerweise und im Wortsinne eine Verschwörungstheorie.

Damit haben nicht nur Elitenforscher zu tun, sondern noch viel häufiger Kriminalisten. Die Polizei bezeichnet ihre eigenen Verschwörungstheorien so harmlos wie zutreffend als „Ermittlungshypothesen“. Ohne die könnte sie gar nicht arbeiten – zumindest, wenn sie bei einem ungeklärten Fall von mehr als einem Täter ausgeht. Für eine Verschwörung braucht es ja bekanntlich mindestens zwei.

Ermittlern wird während ihrer Ausbildung ausdrücklich beigebracht, solche Theorien zu entwickeln, und zwar nicht etwa von verrückten „Verschwörungsparanoikern“ in dunklen Hinterzimmern, sondern von staatlich geprüften Lehrern an öffentlichen Polizeihochschulen.

Es steht auch nicht in Zweifel, dass einige mächtige Menschen sich hin und wieder miteinander verschwören, aus für sie guten Gründen – und in der Regel zum Schaden der Allgemeinheit. Niemand würde ernsthaft behaupten, dass so etwas nie geschieht oder gar in der Geschichte überhaupt noch nie geschehen sei.

Gelegentlich, oft erst nach vielen Jahren, stellt sich ja heraus, dass solche heimlichen Absprachen tatsächlich stattgefunden haben. Und die Annahmen, die dazu vorher kursierten, gelten daher später – logisch – als bewiesene Verschwörungstheorien oder „historische Wahrheit“.

Verschwörungstheorie = „paranoider Unsinn“?

Soweit ist alles klar. Trotzdem, und für den Beobachter ein wenig rätselhaft, geistert der Begriff „Verschwörungstheorie“ seit vielen Jahren mit einer ganz eigenen Bedeutung durch die Medien und den öffentlichen Raum. Wer ihn benutzt – oft sind es Journalisten, Wissenschaftler oder Politiker –, der meint damit in der Regel so etwas wie „absurde Behauptung“, „paranoider Unsinn“ oder „dummes Gerücht“.

Wie aber kommt es zu dieser pauschalen Abwertung des Begriffes, wo doch jeder weiß, dass Verschwörungen eine ganz normale und alltägliche Sache sind? Warum werden entsprechende Theorien also nicht jedes Mal sorgfältig auf ihre Stichhaltigkeit geprüft, sondern stattdessen pauschal abgelehnt?

Es liegt nahe anzunehmen, dass dies etwas mit ihrer Nähe zur Macht zu tun hat. Verschwörungstheorien behandeln ja selten die Zutaten von Küchenrezepten oder andere Fragen des täglichen Lebens, sondern sie spekulieren in der Regel über gesellschaftliche Macht. Meist geht es darin um eine verdeckte Form solcher Macht, oft um eine, die es der herrschenden Meinung zufolge gar nicht gibt.

Daher stellen Verschwörungstheorien regelmäßig das Selbstbild einer demokratischen Gesellschaft in Frage. Sie sind dann Ausdruck eines bösen Verdachts: Sind wir womöglich gar keine Demokratie? Entscheiden eigentlich ganz andere als die gewählten Politiker? Werden Kriege inszeniert? Steckt die amerikanische Regierung hinter den Anschlägen vom 11. September 2001?

Tauchen solche Fragen in der Öffentlichkeit auf, dann entsteht zunächst einmal Verunsicherung, die bedrohlich auf den Einzelnen wirkt. Und oft folgt darauf schon im Bruchteil einer Sekunde, quasi als Reflex, die Einordnung als „Verschwörungstheorie“, die als „Unsinn“ abgelehnt wird. Damit ist das Thema dann erst mal erledigt. Über „dumme Verschwörungstheorien“ unterhalten sich ernsthafte und aufgeklärte Menschen schließlich nicht. Punkt.

Festhalten am beruhigenden Weltbild

Der Umgang mit Verschwörungstheorien hat sicherlich eine psychologische Dimension. In der Regel geht es um Selbstschutz, um eine Art von Vergewisserung und um das Festhalten an einem Weltbild, das als positiv, beruhigend und allgemein erwiesen betrachtet wird. Dieses Weltbild ist zwar individuell unterschiedlich, doch lassen sich bestimmte gemeinsame Elemente erkennen, die man so formulieren könnte:

Wir leben in einer modernen und aufgeklärten Gesellschaft.
Unser Staat hat zwar Mängel, ist im Kern aber demokratisch organisiert.
In Politik und Medien herrscht Meinungsvielfalt.
Alle Probleme können innerhalb des bestehenden Systems gelöst werden.
Wir haben zwar Schwierigkeiten, sind im Prinzip aber auf einem guten Weg.

Dieses Weltbild ist offenbar besonders verbreitet unter Repräsentanten von Staat, Medien und Wissenschaft. Je höher die Funktion des Einzelnen, desto gefestigter scheint es zu sein – so zumindest der subjektive Eindruck des Autors.

Ein Paradebeispiel, das jeder kennt, ist die alljährliche Neujahrsansprache aus dem Bundeskanzleramt. Darin werden die oben genannten Glaubenssätze in einem stets freundlichen und geduldigen Ton in immer neuen Varianten vorgetragen, lächelnd und hoffnungsvoll, in einer Art nachweihnachtlicher froher Botschaft.

Bewohner der DDR werden sich erinnern, dass vor dreißig Jahren ein ganz ähnliches Weltbild jeden Abend in der offiziellen Fernsehnachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ präsentiert wurde.

Nicht dass die Menschen, die einer solchen Weltanschauung anhängen, dumm wären oder völlig unkritisch gegenüber gesellschaftlichen Problemen. Ganz im Gegenteil – oft sind sie intelligent und sprechen auch intensiv über Fehler und Konflikte. Kritische Debatten werden ja nahezu unablässig geführt. Anne Will, Frank Plasberg und Sandra Maischberger lassen grüßen.

Nur, und das ist die Einschränkung, dürfen die Konflikte offenbar nicht das wohlgefügte Fundament des beschriebenen Weltbildes in Frage stellen. Da ist die Grenze, die „rote Linie“ erreicht. Wer sie überschreitet, der verlässt den Rahmen des Akzeptierten. Er wird zum Störer und Ärgernis. Und dann ist auch schnell Schluss mit lustig. Die lauten und drängenden Zweifel vieler Verschwörungstheorien werden als Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas wahrgenommen, umso mehr, wenn sie auf fruchtbaren Boden in der Bevölkerung fallen.

Gibt es politische Tabus?

Interessanterweise wird die Existenz roter Linien oder politischer Tabus zugleich abgestritten. Angeblich gibt es sie gar nicht. Was stimmt nun? Wahr ist, dass man die Grenzen des Akzeptierten in der Debatte erst dann bewusst wahrnimmt, wenn man sich ihnen nähert.

Die rote Linie ist kein Sperrzaun, sondern eher eine Fahrbahnmarkierung. Man kann sie mühelos überqueren, bleibt dann aber schnell im Straßengraben hängen und steht zudem noch unter Verdacht, betrunken oder auf andere Art unzurechnungsfähig zu sein.

Daher wird die rote Linie von vielen auch nicht als problematische Beschränkung wahrgenommen, sondern eher als Ausdruck des gesunden Menschenverstandes. Ein Autofahrer käme doch im Traum nicht auf die Idee, die Straße zu verlassen. Wozu auch? Abseits des Asphalts kommt man schließlich kaum mehr voran. Oft wird man sogar zum Unfallopfer.

Außerdem fahren alle anderen doch auch auf der Straße und halten sich an die Markierung. Wie bitte, die Straße führt in die falsche Richtung? Ach was, das ist eine Verschwörungstheorie. Und man sieht ja, wohin es mit denen führt. Jeder weiß, dass die Verschwörungstheoretiker keine Karriere machen, ständig Unfälle haben und daher kaum als Orientierung taugen. Weiter geht’s, geradeaus!

Anders ausgedrückt: Zweifel am System werden vom System nicht belohnt. Daher wird es mit fortschreitendem Alter der jeweiligen Gesellschaftsstruktur auch immer schwieriger, intern Zweifel zu äußern. Die Menschen, die das in der Vergangenheit taten, hatten offenkundig wenig Erfolg oder haben vielleicht sogar ihren Job verloren. Sie dienen somit als mahnendes Beispiel für die Nachgeborenen, die sich daher umso gründlicher an die Fahrbahnmarkierung halten.

Der gesunde Menschenverstand ist eben kein festes Maß, sondern ein höchst relatives Konstrukt. Er bezieht sich immer auf genau das System, in dem man lebt und das man akzeptiert. Er kann nicht vernünftiger sein als dieses System.

Verschwörungstheoretiker Edward Snowden

War es gesunder Menschenverstand, als Edward Snowden alles riskierte, was er besaß, um die Öffentlichkeit über eine flächendeckende Geheimdienstüberwachung zu informieren? Nein, wohl kaum. Snowden folgte nicht dem gesunden Menschenverstand. Er tat etwas völlig anderes: Er verließ das System.

Snowden war im Grunde ein Verschwörungstheoretiker, der seine These mit überprüfbaren Fakten belegen konnte. Die Verschwörung, von der er sprach, ist offenkundig real. Sie dauert sogar an, auch wenn sie nun den Schutz der Geheimhaltung verloren hat.

Was sagt uns das eigentlich über die Gegenwart? Was heißt es, wenn eine Verschwörung zum Schaden der Mehrheit weiter umgesetzt werden kann, nachdem (!) sie enthüllt wurde? In welcher Art von Gesellschaft ist so etwas möglich?

Die Sache mit den Verschwörungstheorien ist offenbar verzwickt und die Geschichte des Geldes scheint, genau wie Geschichte überhaupt, nicht ohne sie erklärbar zu sein. Immer geht es auch um Macht, Verschwörungen und Herrschaft.

Doch weiterhin existiert eben auch der gegenläufige Glaube. Demzufolge gibt es in heutiger Zeit keine Programme mehr zur Durchsetzung maßloser Machtansprüche von Einzelnen, keine Verabredungen Geldmächtiger zum Zwecke der Täuschung der Mehrheit, sondern nur ein willenloses globales Chaos ohne wirkliches Zentrum, ein unbestimmtes Auf und Ab des Schicksals, in dem der Milliardär zwar Geld verdienen will, sich dazu aber nicht heimlich mit anderen verabredet.

Hinter dieser Überzeugung steckt das diffuse Bewusstsein, dass der „moderne Mensch“, wenn man ihn einmal so nennen will, zwischen Smartphone, Facebook und Online-News längst alles wisse, was er wissen müsse, um die Welt zu verstehen. Schließlich funktioniert ja alles.

Das Auto rollt, der Supermarkt hat geöffnet und bei immer realistischer werdenden Computerspielen lässt es sich prima abschalten. Man kann in den Urlaub fliegen, für ein paar hundert Euro nach London, Paris oder Rom. Und alles ist so transparent, sämtliche Daten online verfügbar, nichts scheint mehr geheim oder verborgen. Die Warenwelt ist hell ausgeleuchtet, jede Webseite strahlt in frischem Grün, warmem Orange oder beruhigendem Blau.

Bildbearbeitungsprogramme tilgen jeden Schatten und der moderne Mensch erkennt sich am Ende wieder in der Klarheit des Grafikdesigns, das ihn umgibt, und in der Aufgeräumtheit des Ikea-Katalogs, aus dem er seine Wohnung bestückt – freundlich, offen und sachlich. Alles ist gut.

Nüchterne Alternativlosigkeit

Verschwörungstheorien aber – so sieht es mancher – sind vielleicht nur eine Ausrede von Verlierern der Globalisierung für ihr eigenes Scheitern. Dunkle Mächte sollen schuld sein am Versagen des Individuums?

Der moderne Mensch weiß es besser. Er ist den Verlierern voraus, versteht die Zusammenhänge und geht alten Mythen nicht auf den Leim. Meint er zumindest – und klickt sich dabei weiter durch ein Universum aus Produkten, Unterhaltung, Nachrichten und Geldgeschäften, das andere für ihn geschaffen haben.

Obwohl, das muss er manchmal privat schon zugeben, ihn die aufgedeckte globale Überwachungsverschwörung der NSA und ihrer Partnergeheimdienste beunruhigt und er sich hin und wieder beim Googeln dabei ertappt, darüber nachzudenken, ob die gerade eingetippten Suchbegriffe nicht doch irgendwo anders abgespeichert werden, zur späteren Auswertung ...

Was ist Zufall, was gesteuert? Die Ansichten darüber gehen auseinander. Doch hinter der Frage steckt am Ende mehr als nur ein Gegensatz zwischen „paranoider Verschwörungsgläubigkeit“ und „aufgeklärter Nüchternheit“. Eigentlich geht es um den Blick auf die Veränderbarkeit der Welt.

Wer alles für Zufall oder unkalkulierbares Chaos hält, der sieht letztlich auch kaum Möglichkeiten, die Gesellschaft grundlegend anders zu gestalten. Wer eine ordnende Planung der großen Prozesse als absurden Aberglauben bewertet, der wird auch kaum alternative Visionen haben.

Was bleibt, sind begrenzte Reformen, Reparaturen am System. Die vermeintlich Nüchternen entpuppen sich so bei näherem Hinsehen als eigentlich Schicksalsergebene, die fast schon „gottgefällig“ dem Glauben an eine große Alternativlosigkeit frönen.

Wer aber glaubt oder hofft, dass menschliche Entwicklung mehr ist als ein zufälliges Spiel des Schicksals, wer also an eine gemeinsame, koordinierte Planung für das Leben in der Zukunft glaubt – und was ist das eigentlich anderes, als eine Definition des Wortes „Politik“? –, der hält es auch für möglich, das genau das längst geschieht, offen wie verborgen, und häufig nicht im Sinne und zum Nutzen der Mehrheit.

Zum Autor: Paul Schreyer, Jahrgang 1977, ist freier Journalist, unter anderem für das Magazin „Telepolis“, sowie Autor mehrerer politischer Sachbücher. Sein Buch „Faktencheck 9/11“ (2013) wurde in Fachkreisen mit großem Interesse aufgenommen („Gehört zum besten, was man an kritischen Analysen zu diesem Thema auf dem deutschen Buchmarkt finden kann“ – Dr. Dieter Deiseroth, Richter am Bundesverwaltungsgericht). Seine letzte Veröffentlichung „Wir sind die Guten“ (2014) war ein Spiegel-Bestseller.

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem gerade erschienenen Buch „Wer regiert das Geld? - Banken, Demokratie und Täuschung“ (Westend Verlag, 220 Seiten, 17,99 Euro)

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