POLITIK
03/03/2016 12:38 CET | Aktualisiert 03/03/2016 12:48 CET

Historiker rechnet mit Merkel ab: "Deutschland so isoliert wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr"

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  • Die Flüchtlingskrise wird Deutschland verändern
  • Ein Historiker sagt: Kanzlerin Merkel hat das Land in Europa isoliert
  • Nun hätten auch Deutschlands letzte Verbündete die Partnerschaft aufgekündigt

Die Flüchtlingskrise wird Deutschland verändern. Nur wie? Werden wir am Ende in einem isolierten Land leben? Oder in einem besseren Europa? Alles scheint möglich, wenn man dieser Tage Experten zuhört.

Merkel jedenfalls wehrt sich mit aller Kraft gegen die Abschottung Deutschlands und kämpft um eine gemeinsame, europäische Lösung.

Einige Experten halten diesen Weg für eine Sackgasse, der direkt in die Isolation führe.

“Nicht einmal in den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war Deutschland so isoliert wie heute”, sagt Jörg Baberowski, Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Huffington Post. Für ihn steht fest: “Deutschland hat keine Verbündeten mehr.”

Mit Schweden und Österreich habe Deutschland seine letzten Partner verloren. Erst gestern erneuerte Österreichs Außenminister Sebastian Kurz die Forderung nach einer Tagesquote statt offener deutscher Grenzen, wie sie Merkel will. Ihre Grenzöffnung bezeichnete er als Fehler.

Und in Mazedonien hat das Nachbarland längst Fakten geschaffen: Dort sind die Grenzen dicht.

"Erdogan will Merkel erpressen"

Das Verhältnis zur Türkei wiederum, ein wichtiger Baustein für Merkels Strategie, bezeichnet Baberowski als einseitig. “Präsident Erdogan wird Deutschland erpressen und wird bekommen, was er braucht, weil es nun allein in seiner Hand liegt, wie viele Einwanderer nach Deutschland kommen.”

Der Bruch mit Russland wiederum war laut Baberowski ein großer Fehler. “Deutschland ist nicht nur auf eine gutes Verhältnis zum großen Nachbarn ökonomisch und politisch angewiesen. Es wird auch kaum ein Ende des Bürgerkrieges in Syrien ohne die Hilfe Moskaus geben wird.”

Dass Putin offenbar gezielt versucht, Deutschlands Politik zu destabilisieren, lässt Baberowski dabei allerdings unerwähnt.

Putin hin oder her: Fakt ist, dass Merkel Verbündete mehr denn je braucht. Ihre europäische Lösung sieht vor, Europas Außengrenzen zu schützen und Flüchtlinge auf EU-Länder zu verteilen. Das wird nur gemeinsam funktionieren.

Baberowski ist skeptisch, dass Merkel damit Erfolg hat.

"Romantischer Größenwahn"

“Die Kanzlerin glaubt, was sie tue, sei eine moralische Großtat. In den anderen europäischen Ländern hält man die deutsche Politik für romantischen Größenwahn, der alle teuer zu stehen kommen wird”, sagte der Historiker.

“In den Ländern Ostmitteleuropas steht die nationale Souveränität über allem, niemand ist bereit, sie für ein europäisches Verschmelzungsprojekt aufzugeben oder sie auf dem Altar der Willkommenskultur zu opfern.”

Baberowski zieht ein vernichtendes Fazit: “Deutschland hat seine Rolle als führende europäische Nation verspielt. Es ist für seine Nachbarn unberechenbar und zu einem Sicherheitsrisiko geworden.” Deutschland könne die Isolation nur überwinden, wenn es die Grenzen schließe. “Das muss jetzt geschehen, im Interesse des sozialen Friedens in Deutschland und in Europa.”