Ich bin die Mutter, die in ihr Handy starrt

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Ich bin die Mutter, die in ihr Handy starrt | Xose Casal Photography via Getty Images
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Digitale Kindheit - selten fühlen sich Eltern hilfloser, als wenn es darum geht, die Mediennutzung ihrer Kinder unter Kontrolle zu halten. Einerseits warnen Studien vor negativen Folgen durch häufiges Surfen im Internet, andererseits sind Smartphones bereits fester Bestandteil unseres Lebens und werden auch unsere Kinder begleiten.

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Für viele Eltern ist es ein absolutes No-Go, andere sehen darin überhaupt kein Problem: Die Rede ist vom Handygebrauch vor Kindern. Die Spielplätze sind voll mit Mamas, die auf ihr Handy starren, aber zugeben will es keiner. Anders diese Mutter. Sie sagt ganz offen: Ich bin genau die Mutter, die in ihr Handy starrt.

Ich habe mein Handy immer dabei. Auf dem Spielplatz, in der Kita, im Spielcafé, Zuhause. Und meine Kinder sind auch dabei. Mal spreche ich mit meinen Kindern und schaue sie an. Mal spreche ich ins Smartphone oder schaue es an, weil ich etwas lese. Ich muss mich nicht verteidigen. Was ich tue, ist nicht falsch. Mein Smartphone nutze ich bewusst, für mich, für meinen Kopf, für mein Herz, mein Lachen - für Teile meines Lebens.

Weil: Ein Handy ist ein Kommunikationsgerät. Und Kommunikation brauchen nicht nur meine Kinder, sondern auch ich. Ich brauche Kommunikation mit meinen Kindern und mit Erwachsenen, sonst gehe ich kaputt.

Handyverbot für Eltern

Die Stadt Frankfurt beispielsweise und viele andere Menschen auch, sehen das sehr anders. Sie plädieren für ein Handyverbot für Eltern, oder netter ausgedrückt, "dass die Eltern ihren Handygebrauch überdenken" sollten. Sie finden, eine Mutter, oder auch der Vater, habe da zu sein für ihr Kind. "Da sein" bedeutet dann anscheinend soviel wie "immer und überall dabei, zugänglich, ansprechbar und zur ständigen Verfügung der Kinder".

Ich bin mit dem ersteren (immer und überall) sowie dem letzteren (zur ständigen Verfügung der Kinder) nicht einverstanden. Wenn ich meine Kinder aus der Kita abhole, komme ich vom Büro. Manchmal erwarte ich noch Mails, die ich gerne schnell beantworten möchte. Oder ich möchte mich mit einer anderen Mutter und ihren Kindern verabreden, damit diese einen schönen Spielnachmittag haben. Oder ich verabrede mich mit den Großeltern für das Wochenende. Oder ich mache Fotos.

Manchmal schon unterwegs mit den Kindern, manchmal erst auf dem Spielplatz oder zu Hause, greife ich zum Handy und tue, was ich tun muss. Ich habe den Eindruck, gerade weil man nicht sieht, was die Person am Handy tut, weil es ein Stück privater ist als Zeitung zu lesen, mit einer anwesenden Person zu sprechen oder zu essen, stört es schneller. Ein guter Text dazu ist auch: "An die Mutter, die auf dem Spielplatz in ihr iPhone starrt".

Wie Jesper Juul, mein persönlicher Lieblingspädagoge auch sagt, Kinder brauchen nicht nonstop die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Es reicht, wenn wir da und ansprechbar sind. Wir müssen nicht immer direkt daneben stehen, hinterherlaufen, die Kinder fixieren und beobachten, um jeden Moment aufspringen zu können. Das gilt auch für Kinder, die vorher in der Kita betreut wurden. Es ist nicht Quality Time, von den Eltern nachmittags stundenlang fixiert und bespielt zu werden.

Eltern dürfen sich unterhalten, sie dürfen arbeiten, lesen, oder essen. Whatever. Was würde es aus Kindern machen, wenn die betreuende Person immer sofort nur für das Kind da wäre und sich niemals um sich kümmern würde? Was würde damit vermittelt?

Lernen Kinder so, Respekt vor sich und vor anderen zu haben? Meine Meinung: nein, lernen sie so nicht. Welche unrealistische Welt wäre das? Und welch frauenfeindliche Welt, da Mütter die meiste Betreuungsarbeit leisten. Haben Eltern gar keine Rechte?

Kinder haben Rechte

Ja, Kinder haben Rechte. Selbstverständlich, und sie sind sehr wichtig. Kinder haben z.B. das Recht, ernst genommen und geliebt zu werden. Das Recht, sie als eigenständige Persönlichkeiten wahrzunehmen und zwar vom ersten Tag an. Sie brauchen noch viel Hilfe und Aufmerksamkeit und die sollen sie auch bekommen. Sie wollen mit ihren Eltern gemeinsame Zeit verbringen, ungeteilte Aufmerksamkeit erhalten, mit ihnen spielen, essen, leben.

Und altersgemäß muss das alles nicht immer fortlaufend oder sofort sein, nicht nonstop. Kein Elternteil muss laufend in "Hab-Acht-Stellung" sein oder immer mit dem Kind spielen.

Warum fühlt es sich für viele nicht richtig an, sich mit einem Handy zu beschäftigen? Wäre das bei einem Buch, einer Zeitung oder im Gespräch mit einem anderen Menschen anders? Vermutlich ja. Die Skepsis ist groß gegenüber dem modernen Kommunikationsgerät. Denkt Euch das Handy weg. Seht einfach zwei oder mehrere Menschen im Gespräch. Dürfen Eltern sich unterhalten, während ihre Kinder dabei sind? Ja. Auch jeden Tag. Eltern sind Menschen.

Das sogenannte "Früher" war wohl auch eher so: Entweder hatten die Eltern auf dem Land zu tun, in der Werkstatt oder sonstwo. Und die Kinder spielten irgendwo draußen. Wollten sie Hilfe von einem Erwachsenen oder einem älteren Kind, mussten sie zuerst zu dieser Person hingehen, ihr Bedürfnis artikulieren und sicherlich sehr oft auch warten, bis die Person Zeit hatte. Ich glaube, dass das zum Erlernen von respektvoller Kommunikation dazu gehört.

Was war denn, als es noch keine Handys gab? War die Welt da anders und besser? War dieses andere Früher nicht die Zeit, als es noch mehr Nachbarschaft gab und mehr Kinder? Könnte also früher die nicht erwerbstätig arbeitende Mutter mit 1. Hausarbeit, 2. Kochen, 3. im Gespräch mit der Nachbarin beschäftigt gewesen sein, während die Kinder in Haus, Hof und auf der Straße spielten?

"MAAMAAA, guck mal!", wird es auch früher geheißen haben. Dann hat sich die Mutter vielleicht von Hausarbeit-Kochen-Schwätzchen erhoben, zum Fenster runter geschaut und gewunken. Und sich dann umgedreht und weiter gemacht. Ungefähr so wie im Stern: "Papa, Papa, guck mal!", ruft das kleine Mädchen auf dem Spielplatz. Der Vater lacht, winkt kurz, telefoniert aber weiter."

Eltern sollen über Handynutzung nachdenken

Dass Eltern zwischendurch beschäftigt sind, arbeiten, ein Schwätzchen halten, lesen, essen, aufs Klo müssen: einfach gerade keine Zeit haben, gehört dazu. Was der Stern so paternalistisch beschreibt: "Immer mehr Eltern sind ständig mit dem Smartphone zugange - ohne Rücksicht auf ihre Kinder. Die Stadt Frankfurt will deshalb Mütter und Väter dazu bringen, über die Handynutzung nachzudenken", ist Elternbashing.

Gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft, die zu einem großen Teil nicht einverstanden ist mit der ach so verständnisvollen Erziehung vieler Eltern. Eltern, die ihren Kindern Entscheidungen zugestehen, Freiheiten, eigenes Risiko, eine kindgerächte Lautstärke und kindgerechten Raum im öffentlichen Raum. Eltern, die Kinder tragen, nicht schreien lassen und lange stillen.

Das alles verwöhne die Kinder und später werden es Tyrannen, befürchten viele und ich zitiere hier so halb ein Buch, das ich jetzt nicht verlinke. Für mich sind das Einstellungen zu Kindern und zum Leben, die nicht besonders viel Freiheit, Freiraum und Respekt zulassen. Das scheint mir aus der Klamottenkiste von "Kinder haben ruhig zu sein und zu gehorchen". Darum sollen die Eltern sich bitte nonstop um den Nachwuchs kümmern, sonst wird es zu laut. So ist meine Vermutung.

Die neue Technik ist neu. Also fremd. Und alles Neue und Fremde muss erst mal eingeschätzt, beurteilt, Langzeitfolgen abgeschätzt werden können und schließlich muss das Neue in den kulturellen Habitus übergehen, damit es nicht mehr so furchtbar fremd ist.

Und dann werden wir alle merken: Ach, das Handy ist ein Kommunikationsgerät, ach die Erde ist eine Kugel, ach es gibt Bücher und die können gedruckt und vervielfältigt werden, ach, Frauen dürfen auch wählen gehen.

Nein, ernst nehmen kann ich solche Kritik nicht. Ich bin gerne die Mutter, die in ihr Handy starrt.

Die Autorin betreibt den Blog www.mama-notes.de

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