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01/03/2016 12:28 CET | Aktualisiert 03/03/2016 19:24 CET

Die Kindheit ist unantastbar

Sally Anscombe via Getty Images
Little boy carrying teddy bear and walking to nursery school with his daddy.

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Kindheit unter Druck

Es gibt keine Alternative – unter diesem Motto scheint auch die heutige Kindheit zu stehen. Fragt man hundert Eltern auf der Straße, so beklagen die meisten, dass das Spielerische aus der Kindheit gewichen sei. Dass Kinder immer weniger Freiheit hätten, sich etwa draußen in der Natur mit Abenteuern zu versorgen. Ja, dass die Kindheit generell "zu schnell" verlaufe.

Und doch sehen – wiederum die meisten – Eltern auch für ihre Kinder nur das Heil in der Flucht nach vorn: mehr Leistung, mehr Erfolg! Und zwar nicht beim Auf-die-Bäume-Klettern – sondern bei den Klassenarbeiten. Bei dem eben, was zählt. Und so hat sich die Kindheit umgestaltet, tief greifend und in einem im historischen Maßstab atemberaubenden Tempo. Bis in die Wurzelspitzen unserer alltäglichen Beziehungen hinein: Statt Spielen steht jetzt Förderung auf dem Programm, statt Kinderbande gilt das Kursprogramm.

Es mag uns selbst anrühren, wenn wir unseren Kindern von den Abenteuern der eigenen Kindheit erzählen – und doch tun wir alles, damit deren Kindheit gerade so nicht aussieht. Die Kindheit ist nun die Strecke, auf der sich die Kinder für den Job warmlaufen. Auch bei der Kindheit geht es um den Ertrag.

Wenn sich Kinder jetzt treffen, dann mit einem von Erwachsenen gesetzten Ziel – in Institutionen und unter Anleitung von Experten. Und unter deren systematischer Beobachtung – damit sollen nicht nur Abweichungen des Entwicklungsverlaufs (und damit "Förderbedarf") erkannt werden, sondern auch den Eltern das Wachsen und Werden ihrer Kleinen nachdrücklich vermittelt werden.

Auch sind jetzt die Erfahrungsräume der Kinder immer seltener natürlich, elementar und widerständig – sondern wohlgeordnet und für definierte didaktische Zwecke vorbereitet. Die Kindheit, so könnte man mit dem Soziologen Richard Münch sagen, wird nach und nach "zu einer Art totaler Besserungsanstalt" umgebaut, die "dafür sorgt, dass niemand ausfällt, der oder die im internationalen Wettkampf gebraucht wird".

Und das Programm wirkt. Nach einer aktuellen Studie, in der über 10.000 US-amerikanische Kinder zwischen 12 und 18 Jahren nach ihren Lebenszielen befragt wurden, zählt für die Hälfte vor allem die eigene Leistung als wichtigstes Ziel. Nur für 30 % ist das eigene Wohlbefinden am wichtigsten (und nur 20 % nennen die Fürsorge für andere als wichtigste Kategorie).

Homogenisierung der Kindheiten

Dieser Prozess lässt sich in allen hoch produktiven Ländern dieser Erde beobachten – die Kindheit verläuft jetzt immer stärker nach einem globalisierten Universalmodell. So wie weltweit die an die Erwachsenen gestellten Forderungen immer ähnlicher werden, so gleichen sich auch die an die Kinder gerichteten Forderungen an – mit der rund um den Globus abnehmenden Sprachvielfalt scheinen auch die vielen "Sprachen der Kindheit" auszusterben.

Zur dominierenden Universalsprache der Kindheit wird jetzt die möglichst intensive und möglichst frühe kognitive Förderung. Und hier, bei der Förderung und Entwicklung des kindlichen Hirnpotenzials, tritt jetzt immer stärker der Staat auf den Plan. So wie er es als seine Aufgabe betrachtet, für die richtigen Wachstumsbedingungen der Wirtschaft zu sorgen, sieht er sich jetzt bei der frühkindlichen Förderung in der Pflicht.

Denn diejenigen, die bisher als die Zuständigen galten – die Eltern–, werden bei der Erwerbsarbeit zunehmend als unverzichtbar angesehen. Insbesondere die Mütter gelten jetzt als rasch zu aktivierende "stille Reserve" des Arbeitsmarkts ("Bei den Frauen", schreibt die das am schnellsten aktivierbare ungenutzte Potenzial für den Arbeitsmarkt"). Kein Wunder, dass die eigenhändige, zeit- und kraftraubende Betreuung der Kleinen jetzt immer öfter kritisch hinterfragt wird.

Als echte "Bildungsorte" gelten nun Institutionen, in denen Kinder auf ihren "Bildungswegen" unterstützt werden – und zwar von Profis! Die Gesellschaft hat so die "Möglichkeit, die künftige Generation mit dem geringsten Verbrauch an Kräften und Mitteln am erfolgreichsten zu erziehen. Hunderte, Tausende, Millionen Mütter werden durch die Verwirklichung der gesellschaftlichen Erziehung für die Produktion und für ihre eigene kulturelle Entwicklung frei".

Das ist zwar der "populären Erläuterung des Programms der Kommunistischen Partei Russlands" aus dem Jahr 1920 entnommen, könnte aber in etwas modernerer Sprache durchaus einem Positionspapier der EU oder der OECD entnommen sein.

25 Jahre nach Ende des ehemaligen Wettkampfs zwischen Kommunismus und Kapitalismus scheinen die Systeme ihren gemeinsamen Nenner gefunden zu haben: Ziel ist die von Fürsorgepflichten möglichst weitgehend befreite Teilnahme an der materiellen Wertschöpfung.

Zum Autor: Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Mit seinen erfolgreichen Elternratgebern, Vorträgen und Kommentaren in den Medien gilt er als eine der wichtigsten Stimmen im Bereich kindliche Entwicklung und Erziehung.

Der Beitrag aus ist ein Auszug aus dem BuchDie Kindheit ist unantastbar von Herbert Renz-Polster

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