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01/03/2016 18:00 CET | Aktualisiert 01/03/2016 18:05 CET

Mit ihrer positiven Einstellung zum Thema Sex waren diese Künstlerinnen ihrer Zeit weit voraus (nicht jugendfreier Inhalt)

Warnung: Dieser Post enthält Darstellungen von Nacktheit und ist nicht für den Arbeitsplatz geeignet.

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Viele zeitgenössische feministische Künstlerinnen zeigen Haut. Und warum auch nicht? Wie die vierte Welle des Feminismus klarstellt, dürfen Frauen ihre Sexualität offen zeigen, wenn sie das wollen - sie dürfen ihre Körper feiern, Lust erleben, sexy sein und mädchenhaft und klug und ernst und das alles gleichzeitig.

Wenn man jedoch ein paar feministische Wellen zurückdenkt, wurde mit dem Thema Sex und Feminismus noch ganz anders umgegangen.

Vor Jahrzehnten betrachtete der Großteil der Feministinnen Sexualität rein aus der Perspektive männlicher Interessen und sie befürchteten, dass die Sexualisierung von Frauen zu deren Objektifizierung und Unterdrückung führen könnte.

Ebenso hielten sie jegliche Pornografie und alle verbotenen Bilder für frauenverachtend, da die Bildmotive darauf zu reinen Sexobjekten degradiert wurden. Das sind die bekannten Fakten über eine Bewegung, die sich selbst kontrollierte und Frauen dazu aufforderte, hochgeschlossene Kleidung zu tragen und sich anständig zu verhalten - im Grunde so wie Männer - damit sie auch wie Männer behandelt werden.

Doch natürlich gab es innerhalb der feministischen Bewegung der 1960er und 1970er auch viele gegensätzliche Meinungen und Visionen zu diesem Thema.

Im Dallas-Contemporary-Museum befasst sich gerade eine Ausstellung mit dem Titel „Black Sheep Feminism: The Art of Sexual Politics“ (Feminismus der schwarzen Schafe: Die Kunst der Geschlechterpolitik) mit der Arbeit von vier radikalen Feministinnen, deren Werke in Diskussionen zum Thema Feminismus oft außen vor bleiben, weil auf ihnen völlig ungeniert nicht jugendfreie Inhalte dargestellt werden. Die Werke von Joan Semmel, Anita Steckel, Betty Tompkins und Cosey Fanni Tutti zeigen sexuelle Abbildungen von Frauen und die Künstlerinnen ernten dafür harsche Kritik - sowohl von einem großen Teil der Öffentlichkeit, als auch von orthodoxen Feministinnen.

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Als die Malerin Betty Tompkins in den 1970ern in New York ihren Durchbruch als Künstlerin schaffen wollte, recherchierte sie vorher gründlich und besuchte alle großen Galerien in Uptown Manhattan, weil sie sich ansehen wollte, welche Künstler richtig erfolgreich waren und was sie machten.

Nach ihren Schätzungen war 90 Prozent dessen, was sie sah, einfach nur Mist.

„Es störte mich, dass ich mich so langweilte“, so Tompkins in einem Interview mit der Huffington Post USA. „Ich hielt es nicht länger als fünf Minuten in einer Galerie aus. Dabei wurde mir auch klar, dass es nicht besonders viele Ausstellungen von weiblichen Künstlern gab.“ Sie erzählt, dass diese Einschätzung sich bestätigte, als sie einigen Kunsthändlern Diabilder ihrer Werke zeigte und diese ihr ohne jegliche Skrupel rieten: „Sie brauchen sich gar nicht mehr die Mühe machen und noch einmal herkommen, wir stellen keine Frauen aus.“

So sah die (Kunst-)Welt für Frauen aus. Oder vielmehr eben nicht für Frauen.

Tompkins wuchs in einer modernen Familie auf. Ihr Vater war der Vorsitzende der Progressiven Partei in Philadelphia und ihre Mutter war die Hauptverdienerin der Familie. Deshalb wuchs Tompkins auch nicht mit dem Gefühl auf, dass sie als Frau weniger Möglichkeiten hat. Sie erinnert sich, dass sie manchmal spätabends feministische Pionierinnen wie Gloria Steinem und Betty Friedan im Fernsehen sah: „Sie alle sagten Dinge, die ich bereits wusste.“

Als Tompkins aufs College ging, bekam sie jedoch einen Einblick in eine besonders schlimme frauenfeindliche Denkweise.

Als sie ihrem Professor davon erzählte, dass sie nach New York gehen und Künstlerin werden wolle, antwortete er: „Du wirst es in New York nur schaffen, wenn du dich flachlegen lässt.“

„Diese Aussage erschreckte mich“, so Tompkins. „Demnach müsste ich also meiner eigenen Vergewaltigung zustimmen.“ Dies war nicht der einzige Fall von Sexismus, der ihr während ihrer Zeit auf der Kunsthochschule begegnete. Ein Professor verwendete sogar eine ganze dreistündige Vorlesung für die Erklärung, warum es keine guten Künstlerinnen gibt.

„Wenn jemand sagte: ,Du malst wie ein Mann’, dann war das wie ein Ritterschlag“, so Tompkins.

„Jeder sagte mir, dass ich wie ein Mann male. Was bedeuten sollte, dass ich stark und mutig war und einfach das tat, worauf ich Lust hatte. Die Kunst von Frauen hielten sie für sehr schwach - kein Selbstbewusstsein, kein Geschmack.“

1969 begann Tompkins mit ihrer Reihe „Fuck Paintings“: riesige Schwarz-Weiß-Bilder, auf denen heterosexuelle Penetration dargestellt wurde und die sie direkt der Pornosammlung ihres damaligen Mannes entnommen hatte. „Es war absolut verboten“, gurrt Tompkins, darauf angesprochen, dass solche Bildmotive für Empörung sorgen könnten. Während Porno heutzutage nur einen oder zwei Klicks entfernt ist, musste ihr Mann damals ein Postfach in Vancouver anmieten, um sich pornografische Bilder aus Singapur und Hongkong zuschicken lassen zu können. „Es war eine andere Zeit.“

Eines Tages spielte Tompkins mit der Pornosammlung herum und schnitt die fünf-mal-acht-Zentimeter-großen Bilder mit ihren Fingern ab, um verschiedene Details hervorzuheben. Plötzlich machte es klick. Auf ihren Gemälden übertragt Tompkins die winzigen Fotoausschnitte auf Bilder im Format 1,80 m x 2 m. Dabei verwandelt sie erkennbare Genitalien in eine verträumte, fremdartige Vision.

Tompkins zeigte ihre Arbeiten Kunsthändlern, doch sie erhielt die immer gleiche Antwort: sie sei zu jung, zu unerfahren oder, noch deutlicher ausgedrückt, eine Frau.

Sie überlegte sogar, ob ihr Mann ihre Arbeiten als seine eigenen ausgeben sollte, doch er weigerte sich. Tompkins ließ sich von all der Zurückweisung nicht verunsichern; sie hatte sich bereits auf der Kunsthochschule darauf eingestellt. „Mir war es als Künstlerin nie wichtig, dass meine Arbeit anderen Menschen gefällt“, sagte sie. „Keine Erwartungen, nur du allein musst es gut finden.“

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„Wenn ein erigierter Penis nicht gut genug ist, um in einem Museum ausgestellt zu werden, dann sollte er auch nicht für gut genug erachtet werden, um in eine Frau einzudringen“, so lautete das Manifest des rein aus Frauen bestehenden Künstler-Kollektivs „The Fight Censorship Group“. „Und wenn ein erigierter Penis gut genug ist, um in eine Frau einzudringen, dann eignet er sich mehr als gut dafür, um in den besten Kunstmuseen ausgestellt zu werden.“

Die Gruppe wurde von der Künstlerin Anita Steckel gegründet, die 2012 verstarb.

Steckel ist dafür bekannt, dass sie in ihren Kunstwerken oft erotisierte männliche Figuren darstellt, weil sie damit das existierende extreme Ungleichgewicht ausbügeln will. Sie bemalte Vintage-Fotopostkarten mit Erektionen im Comic-Stil und mit Exkrementen, die erheitern sollten. „Es hat mich überhaupt nicht angemacht“, begründete ein Regierungsmitglied die Forderung, dass die Werke entfernt werden sollten.

Steckel, die nach eigenen Angaben von Harpo Marx inspiriert wird, versetzte der sexistischen Kultur optische Stiche.

So verzierte sie beispielsweise die emporragende New Yorker Skyline mit vollbusigen Frauen, die ihre Beine genau richtig über den Wolkenkratzern spreizten. Als Reaktion auf die aufkeimende Pop-Art-Bewegung bezeichnete Steckel ihre eigene Bewegung als „Mutti-Kunst“.

Neben Künstlerinnen wie Louise Bourgeois und Hannah Wilke gehörte auch Joan Semmel zur „Fight Censorship Group“. Semmel war in den 1970ern bekannt für ihre psychedelischen, bildlichen Gemälde von Paaren, die Sex haben. Die Bilder basierten auf Fotografien, die Semmel von einem Exhibitionisten und verschiedenen Frauen gemacht hatte, die der Exhibitionist mit ins Studio brachte.

Nach Meinung von Semmel verkomplizierte das mehrfarbige Element der Bilder deren expliziten Inhalt und ließ sie dadurch zu einer Mischung aus Porno und Kunst werden. „Man darf nicht vergessen, dass mit dem Wort ,Pornografie’ damals alles mögliche Schreckliche verbunden wurde, ganz anders als heute“, erklärte Semmel in einem Interview mit dem Blogazin Hyperallergic.

„Man kann das überhaupt nicht mehr vergleichen. Beim Begriff ,Pornografie’ dachte man damals sofort an das Schmutzigste und Schrecklichste, während es heutzutage einfach ein Gewerbe ist. Es ist ein Produkt, man kann es sich überall im Fernsehen anschauen und man findet es in jedem Haushalt. Früher verband man diesen Begriff mit etwas völlig Anderem, und deshalb wollte ich nicht als Pornografin bezeichnet werden ... Durch die Farbe wurde es zu einer künstlerisch ästhetischen Erfahrung.“

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Wie Tompkins war auch die im Vereinigten Königreich lebende Künstlerin Cosey Fanni Tutti von der verbotenen Welt der Pornografie fasziniert.

„Dies war der Ort, an dem die sexuellen Fantasien von Männern entstanden“, sagte sie im Gespräch mit der HuffPost. „Sie wurden von diesen Magazinen entwickelt.“

Als junge Frau in den 1970ern wollte Tutti unbedingt wissen, was hinter den verschlossenen Türen der Erotikbranche, dieser geheimen Fantasiefabrik, vor sich ging. „Ich sah mir diese Magazine an und fragte mich, was wirklich hinter diesen Bildern steckte. Wie fühlten die Mädchen sich dabei? Wurden sie dazu gezwungen? Welche Menschen waren die Fotografen? Und die Redakteure? Ich drang in ihre Welt ein und fand es heraus.“

Tutti posierte in Fotostrecken von über 40 Magazinen und gab dabei niemals ihre Identität als Künstlerin preis.

„Ich musste eine bestimmte Rolle spielen“, sagte sie. „Wenn man zu einem Casting geht, erkennen sie sofort, welche Art von Mädchen man ist. Und ob man zu dem passt, was sie sich für das jeweilige Foto-Shooting vorstellen. Ich hatte mir eine eigene Garderobe für diese Castings zugelegt. Das hatte nichts mit mir persönlich zu tun. Sobald ich die Haustür verließ, war ich ein Model.“

Bei ihren verdeckten Recherchen traf Tutti auf völlig verschiedene Charaktere, manche waren böse, andere unvoreingenommen, manche waren begeistert von der Qualität ihrer Bilder, andere behandelten die Models einfach nur „wie Fleisch“.

Die Diskriminierung, die Tutti in der Pornobranche erlebte, war jedoch ein Sinnbild für die Kultur im Allgemeinen.

„Die Welt war damals sehr sexistisch“, sagte sie. „Heutzutage muss man vorsichtiger sein, was man sagt und wie man es sagt. Damals wurde einem einfach mal in den Hintern oder in die Brust gekniffen. Das wurde als völlig normal erachtet. Manche Fotografen am Set hielten die Models auch für leichte Beute.“

Und dennoch bezeichnet Tutti sich selbst nicht als Feministin. „Das Konzept war mir nicht vielfältig genug. Es umfasste nicht all die unterschiedlichen Frauen, die ich kannte.“

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In einer Ausstellung mit dem treffenden Titel „Prostitution“ zeigte Tutti einige Bilder ihrer Erfahrungen. Die Bilder durften jedoch nicht in öffentlichen Ausstellungsräumen von Galerien gezeigt werden. „Wir mussten ein kleineres Hinterzimmer einrichten und Boxen aufstellen, in denen man sich die Bilder ansehen konnte“, sagte sie.

Angesichts der Tatsache, dass an den Wänden von Museen extrem viele Bilder von nackten Frauen hängen, empfand Tutti dies als unfassbare Scheinheiligkeit.

„Wenn man bedenkt, wie viele Bilder von nackten Frauen es gibt, konnte ich nicht verstehen, warum meine Nackten keine Kunst sein sollten. Ich glaube, dass ich zum Teil auch deshalb eine so negative Reaktion erhielt - weil ich es gewagt habe, diese männliche, geheime Fantasiewelt zu aufzudecken, weil ich in ihr Territorium eingedrungen bin.“

Zu dieser Zeit wusste Tutti noch nicht, dass es Künstlerinnen wie Tompkins, Semmel und Steckel gab, die ähnliche Interessen wie sie hatten. Heute freut sie sich sehr, dass sie mit der Arbeit dieser Künstlerinnen in Verbindung gebracht wird. „Da ich wegen meiner Arbeit schon so oft angefeindet worden war, war es toll zu sehen, dass auch andere Künstlerinnen ähnliche Dinge machten.“

Feministische Kunst ist nicht nur ein leerer Begriff.

Diese vier Künstlerinnen schwammen nicht nur mutig gegen den Strom des kulturellen Mainstreams an, sondern sie widersetzten sich auch den gängigen Vorstellungen orthodoxer Feministinnen und ebneten dadurch den Weg für die dritte und vierte Welle von feministischen Bewegungen. Oder um es in Tuttis Worten zu sagen: „Es geht nicht um Mut, es geht um Freiheit.“

Die Ausstellung „Black Sheep Feminism“ ist noch bis zum 20. März 2016 im Dallas-Contemporary-Museum zu sehen.

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Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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