POLITIK
26/02/2016 11:28 CET | Aktualisiert 29/02/2016 11:19 CET

Der Mythos vom Rechtsruck in Deutschland

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Es gibt da ein Bild, das in diesen Tagen heraufbeschwört wird: Deutschland als Kahn. Als ein Boot, das in Schräglage geraten ist. Die Besatzung streitet sich über den Kurs, Wolken türmen sich am Himmel auf. Und der Kahn senkt sich immer mehr nach rechts.

Dieses Bild ist grundfalsch. Deutschland driftet gerade nicht nach rechts. Dort war das Land schon immer.

Auf einmal aber sind alle unheimlich besorgt. Die "besorgten Bürger" ängstigen sich wegen all der nicht Bleichhäutigen, die da kommen. Und den ursprünglich gelassenen Bürgern kräuseln sich die Nackenhaare wegen dieser Welle aus Pöbeleien und Angriffen.

Früher "Kümmeltürken", heute "Flüchtlinge"

Aber eigentlich hat sich nichts geändert. Nur sind es nun die "Flüchtlinge", die ihr Fett abkriegen. Einer ist halt immer dran.

Feindlichkeit gegen Andere kam schon immer aus der Mitte der Gesellschaft. Da ging es gegen Juden, weil man sie sich als geschlossene Gruppe herbei halluzinierte und sie einfach für verantwortlich deklarierte – für das schlechte Wetter und für den Jobverlust. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen mit dem Wirtschaftswunder die "Gastarbeiter". Über die "Kümmeltürken" ließ sich herrlich herziehen – Antisemitismus blieb zwar vorhanden, Forscher schätzen bis heute, dass ein Fünftel aller Deutschen Ressentiments gegen Juden hegt; aber das traute man sich nicht mehr superlaut hinaus zu posaunen.

Für jeden eine Schublade

Und es gab die "Fremdarbeiter", wie heute Oskar Lafontaine zu sagen pflegt. Gegen die konnte man. Das wirkt bis heute. Heute besorgen sich Mittelstandsfamilien Scheinadressen, damit sie für ihre Kinder die "richtige" Schule kriegen – eine ohne Türken. Als könnte man Bildung kaufen.

Und nicht nur die Türken kriegen auf die Mütze. Die Griechen sind gierig, und die Italiener haben die Mafia und Amore. Die Schubladen gehen auf und zu.

Mit dem Fall der Mauer waren es die Ostdeutschen, die vom Westen mit Vorurteilen und erhobenem Zeigefinger traktiert wurden.

Ein Vorbild, auf das viele gewartet haben

Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 kam die Islam-Angst. Wir liebten es, uns vor den Ayatollahs zu fürchten. Diese Angst ist, trotz der vielen Anschläge seitdem, einem ungefähren und größeren Schrecken gewichen: In diesen Tagen sind es die Flüchtlinge. Sie sind die neuen Adressaten unserer alten Lust an Ressentiments.

Dieser Lust lassen viele freien Lauf. Die Deutschen trauen sich, ihren Groll lauter zu artikulieren. Denn unsere Politiker und die Eliten aus der Mitte machen es uns vor: Was ein rechtsextremer Kasper wie Björn Höcke von der AfD von sich gibt, ist eher bedeutungslos. Wenn aber ein bayerischer Ministerpräsident wie Horst Seehofer seine Sorgenfalten wegen der Geflüchteten so unbekümmert auf der Stirn trägt wie eine Donauwelle – dann ist er das Vorbild, auf das viele gewartet haben.

Horst Seehofer und seine politischen Freunde haben Ressentiments nicht wieder salonfähig gemacht. Im Salon waren nämlich wir alle schon drin. Nur stand Seehofer als erster zum Tanz auf.

So brutal ist die Rhetorik tatsächlich

Wie wäre es mit einem Experiment: Man nehme die Rede eines AfD-Politikers – die AfD stößt ja in die Mitte – und ersetze das Wort "Flüchtlinge" mit "Juden". Man wäre erschrocken über die Brutalität der Sprache, über die Kälte. Wir wissen gar nicht, wie oft wir es uns mit anderen verscherzen. Wir wollen nicht wahr haben, was viele "Ausländer" über uns Deutsche denken, wie sie in der Tasche die Faust ballen – weil wir sie ständig darauf aufmerksam machen, mit welchem Pass sie in der anderen herumlaufen.

Diese Unart wird uns noch vor die Füße fallen. Denn der Staat steht vor großen Herausforderungen – da ist der demografische Wandel, die Digitalisierung des Lebens, die Globalisierung der Wirtschaft. Für diese Umwälzungen braucht es Solidarität in der Gesellschaft. Und dafür brauchen wir alle. Auch die Minderheiten, die von uns bisher immer auf den Deckel bekamen. Was, wenn die sich abwenden?

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