POLITIK
28/02/2016 11:42 CET | Aktualisiert 28/02/2016 11:52 CET

Ökonom Thomas Straubhaar: "Wir können glücklich sein, wenn Deutschland schrumpft"

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Derzeit tobt unter Ökonomen in Deutschland ein Streit, ob die Flüchtlinge dem Land helfen oder nicht. In dieser Debatte hat sich jetzt in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" der Wirtschaftsforscher Thomas Straubhaar zu Wort gemeldet. Er war bis 2014 Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.

Straubhaar überrascht mit einer eher ungewöhnlichen Haltung. Er sagt: Wirtschaftlich ist die Flüchtlingskrise für Deutschland egal. Zwar würden die Flüchtlinge das Land in Form von Sozialleistungen etwas kosten, aber das sei nun einmal der Preis der Menschlichkeit.

Führende Wirtschaftsforscher hatten bisher vor Milliardenkosten für das Land gewarnt - oder einen Schub beim Wirtschaftswachstum versprochen.

Auch wenn es um den Nutzen der Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt geht, unterscheidet sich Straubhaar von vielen seiner Kollegen. Über mangelnde Fachkräfte müsse sich in Deutschland niemand sorgen, sagt er. "All die Behauptungen, dass wir deswegen Zuwanderung benötigen, sind falsch."

Denn künftig würden ohnehin viele Jobs wegen der zunehmenden Automatisierung wegfallen, weil Maschinen und Roboter die Aufgaben von Menschen übernehmen.

Menschen haben Angst vor Überfremdung

Straubhaar sieht allerdings die gesellschaftlichen Auswirkungen der Flüchtlingskrise mit Sorge. Die Ängste vieler Deutscher vor Überfremdung erklärt er im Interview so:

"Im Bedauern um schrumpfende Bevölkerungszahlen schwingt im Hinterkopf immer die Historie mit, als die Anzahl der Köpfe in Heer und Infanterie über weltpolitische Macht und Einfluss entschied. Diese Zeiten sind längst vorbei. Trotzdem ängstigt es viele, wenn der Anteil der Nicht-Urdeutschen steigt, wenn die Bevölkerung in anderen Weltregionen wächst. Für diese Leute wirkt das bedrohlich, weil sie die Kultur und alles gefährdet sehen, was für sie Deutschland ausmacht."

Straubhaar sieht die schrumpfende Bevölkerung in Deutschland eher als Vorteil. Der "FAS" sagte er: Falls Deutschland wirklich schrumpfe, sei "das keine schlechte Nachricht, im Gegenteil: Der Wohlstand verteilt sich dann auf weniger Köpfe, uns geht es besser. In Schulen und Schwimmbädern, in Parks und auf den Straßen – überall würde es leerer, überall hätten wir mehr Platz."

Und weiter:

"Wir können also glücklich sein, wenn Deutschland schrumpft, sonst haben wir viel zu viele Menschen ohne Arbeit, da Roboter sie ersetzen."

Straubhaar glaubt nicht, dass die Flüchtlingskrise Deutschland überfordern wird. "Wir schaffen es. Da bin ich bei der Kanzlerin, trotz all ihrer Fehler bei diesem Thema. Richtig bleibt: Ein Volk mit 81 Millionen Menschen kann ein bis zwei Millionen Flüchtlinge absorbieren, nicht nur einmal, sondern auch ein paar Jahre hintereinander", sagt Straubhaar.

Als Beispiel nennt der Ökonom die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Mauerfall. "Die jetzige Flüchtlingswelle bedeutet nicht den Untergang Deutschlands."

Grundeinkommen als Lösung

Ein Problem werde aber bleiben, sagt er: Selbst wenn die Bevölkerung schrumpft, wird es immer noch viele Menschen geben, die wegen der zunehmenden Robotisierung keine Arbeit haben. Als Alternative schlägt Straubhaar deshalb ein Grundeinkommen vor. Das würden Bürger erhalten, egal, ob sie arbeiten oder nicht.

Straubhaar schließt seinen Ausblick in die Zukunft mit einem positiven Ausblick: "Ich bin überzeugt: Deutschland hat die besten Jahre noch vor sich. Die Menschen leben länger, gesünder, materiell besser als je zuvor."

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