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Warum Eltern Angst vor ihren eigenen Kindern haben

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CRYING KID
Aaron McCoy via Getty Images
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Eigentlich bin ich ein ziemlich optimistischer Mensch. Ich glaube daran, dass alles gut wird - es sei denn, es gibt Beweise für das Gegenteil. Jeder der mich kennt, wird Ihnen sagen, das ich nicht gerne aus allem ein Drama mache.

Wenn ich deshalb sage, dass es schlecht um die moderne Erziehung steht -- dass sie sogar in einer Krise steckt -- hoffe ich, dass Sie jetzt aufpassen, und zwar ganz genau. Ich habe auf zwei Kontinenten mit Kindern und deren Eltern gearbeitet - und ich mache das seit 20 Jahren. Was ich in den vergangenen Jahren gesehen habe, macht mir große Sorgen. Hier sind die größten Probleme, so, wie ich sie sehe:

1. Wir haben Angst vor unseren eigenen Kindern.

Ich mache oft etwas, das ich den "Trinkbecher-Test" nenne. Dabei beobachte ich, wie ein Elternteil einem Kleinkind morgens einen Becher Milch gibt. Wenn das Kind sagt: "Ich will den rosa Becher, nicht den blauen", obwohl die Mutter die Milch schon eingeschenkt hat, schaue ich, wie sie reagiert.

Meistens wird ihr Gesicht bleich und sie beeilt sich die andere Tasse zu holen, bevor das Kind einen Schreikrampf bekommt. Das ist falsch! Vor was haben Sie Angst, Mama? Wer trägt hier die Verantwortung? Lassen Sie das Kind einen Schreikrampf haben und verlassen Sie kurz den Raum, damit Sie ihn nicht mitanhören müssen. Aber machen Sie sich um Himmels Willen nicht noch mehr Arbeit, nur um es Ihrem Kind recht zu machen. Noch viel wichtiger: Denken Sie an die Lektion, die Ihr Kind lernt, wenn es bekommt, was es will, weil es rumbrüllt.

2. Wir haben zu niedrige Ansprüche.

Wenn sich Kinder schlecht benehmen, egal ob in der Öffentlichkeit oder zu Hause, zucken Eltern oft mit den Schultern, als würden sie sagen: "So sind Kinder eben." Ich versichere Ihnen: So müssen sie nicht sein.

Kinder sind zu viel mehr fähig, als die meisten Eltern von ihnen erwarten. Egal ob es gute Manieren sind, Respekt vor Älteren, Pflichten, Großzügigkeit oder Selbstkontrolle. Sie denken, dass ein Kind beim Abendessen im Restaurant nicht still sitzen kann? Quatsch. Sie denken, ein Kind kann den Tisch nicht abräumen, wenn es darum gebeten wird? Wieder Quatsch.

Der einzige Grund, warum sich Kinder nicht benehmen, ist, dass Sie Ihnen nicht gezeigt haben, wie und dass Sie es von ihnen gar nicht erst erwarten! So einfach ist das. Stellen Sie höhere Ansprüche und Ihr Kind wird daran wachsen.

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3. Wir sind kein Dorf mehr.

Früher hatten Busfahrer, Lehrer, Ladenbesitzer und andere Eltern eine Art Freischein: Sie durften ein unartiges Kind zurechtweisen. Sie waren Augen und Ohren der Eltern, wenn das Kind nicht in deren Obhut war. Alle hatten ein gemeinsames Ziel: Anständige Jungen und Mädchen großzuziehen.

Die Bewohner dieses Dorfes unterstützten einander. Wenn heute andere Menschen als die Eltern es wagen, ein Kind zu ermahnen, sind Mama und Papa böse. Sie wollen, dass ihr Kind perfekt erscheint und oft können sie nicht akzeptieren, wenn zum Beispiel Lehrer etwas anders sagen. Sie stürmen ins Klassenzimmer und schimpfen mit dem Lehrer, statt ihr Kind dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass es sich in der Schule falsch verhalten hat.

Sie haben das Gefühl, der Welt ein perfektes Bild vermitteln zu müssen, weil viele Eltern einander verurteilen. Wenn ein Kind einen Schreianfall hat, treffen die Mutter viele vorwurfsvolle Blicke. Stattdessen sollten andere sie unterstützen, weil ihr Kind höchstwahrscheinlich gerade brüllt, weil die Mutter seinen Forderungen nicht nachgibt. Die Beobachter sollten stattdessen sagen: "Hey, Sie machen Ihren Job gut. Ich weiß, es ist hart, Grenzen zu setzen."

4. Wir machen es uns oft zu leicht

Ich finde es toll, dass es inzwischen allerlei elektronische Geräte gibt, die Kinder während langer Flüge oder im Wartezimmer beim Arzt beschäftigen können. Es ist genauso toll, dass wir Lebensmittel im Internet bestellen und einigermaßen gesundes Fertigessen in der Mikrowelle warm machen können.

Eltern haben so viel zu tun wie nie und ich bin dafür, dass sie es sich leicht machen, wenn es nötig ist. Aber diese Abkürzungen durchs Leben können auch schädlich sein. Es ist zwar wundervoll, dass Spiele und Trickserien Ihr Kind auf einem Flug ablenken. Lassen Sie sich aber nicht in Versuchung führen, Ihr Kind auch im Restaurant auf diese Weise zu beschäftigen.

Kinder müssen trotzdem Geduld lernen. Sie müssen trotzdem lernen, sich selbst zu beschäftigen. Sie müssen lernen, dass Essen nicht immer in weniger als drei Minuten fertig ist und idealerweise lernen sie auch, wie man es zubereitet. Ein Baby muss lernen, sich selbst zu beruhigen. Setzen Sie es nicht jedes Mal in einen vibrierenden Stuhl , wenn es unruhig ist. Kleinkinder müssen lernen, allein aufzustehen, statt immer die Arme nach Mama und Papa auszustrecken. Zeigen Sie Kindern, dass Abkürzungen hilfreich sein können, aber dass es auch stolz macht, Dinge auf die langsame, anstrengende Art zu tun.

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5. Eltern vernachlässigen ihre eigenen Bedürfnisse

Natürlich sind Eltern so gepolt, dass sie sich zuerst um ihre Kinder kümmern, dann um sich selbst. Das kommt schließlich durch die Evolution! Ich bin dafür, einem Tagesplan zu folgen, der die Bedürfnisse des Kindes berücksichtigt. Ich bin dafür, zuerst das Kind zu füttern und anzuziehen und dann sich selbst.

Aber die Eltern von heute übertreiben es oft. Sie vernachlässigen ihre eigenen Bedürfnisse und ihr seelisches Wohlbefinden total. So oft bekomme ich mit, wie Mütter wieder und wieder aus dem Bett aufstehen, um jeder Laune ihres Kindes zu gehorchen. Oder wie Väter alles stehen und liegen lassen, um quer durch den Zoo zu rennen, damit ihre Tochter etwas zu trinken bekommt.

Es ist nichts falsch daran, dem Kind nachts nicht NOCH ein Glas Wasser zu bringen, obwohl es schon mehrere bekommen hat. Der Vater im Zoo macht nichts falsch, wenn er sagt: "Natürlich kannst du etwas zu trinken bekommen, aber du musst warten, bis wir zum nächsten Trinkbrunnen kommen." Es ist nichts falsch daran, gelegentlich "Nein" zu sagen oder das Kind zu bitten, sich eine Weile selbst zu beschäftigen, weil Mami gern allein aufs Klo gehen oder einfach mal in einer Zeitschrift blättern möchte.

Ich sorge mich, dass wir unsere Kinder zu arroganten, selbstsüchtigen, ungeduldigen und unhöflichen Menschen erziehen, wenn wir so weiter machen. Es wird nicht der Fehler der Kinder sein - sondern unserer.

Wir haben es ihnen nie anders beigebracht, nie etwas anderes von ihnen erwartet. Wir haben immer verhindert, dass sie sich unzufrieden fühlen und wenn sie es irgendwann unvermeidlicherweise doch tun werden, sind sie schlecht darauf vorbereitet.

Also, liebe Eltern von London bis Los Angeles und überall auf der Welt, verlangen Sie mehr. Erwarten Sie mehr. Teilen Sie Ihre Probleme. Geben Sie weniger nach. Lassen Sie uns diese Kinder zusammen richtig erziehen und sie auf den Erfolg in der echten Welt vorbereiten. Nicht in der geschützten Umgebung, die wir für sie geschaffen haben.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V.“möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen.”Details findet ihr hier.

Oder ihr spendet einfach Zeit: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

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