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25/02/2016 10:48 CET | Aktualisiert 25/02/2016 11:47 CET

Die Gefahr ist real: Das erlebte eine Frau an einer Bushaltestelle in Niedersachsen

PHOTOGRAPHY BY BERT.DESIGN via Getty Images
Die Gefahr ist real: Das erlebte eine junge Frau an der Bushaltestelle

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Eine junge Frau hatte ein erschreckendes Erlebnis an einer Bushaltestelle. Ina Brinkmann hat uns ihre eindringliche Schilderung zugeschickt. Wir möchten sie mit euch teilen:

"Angst wollte ich vor euch nicht haben, nein, die Gefahr wollte ich nicht sehen. Wenn meine Freunde über euch herzogen, blieb ich gelassen. Vor allem eine Freundin habe ich, die mich immer warnt – “Nimm sie ernst”, sagt sie. “Glaub mir, sie sind gefährlicher, als du denkst.” Doch ich habe es nicht ernst genommen, konnte nicht glauben, dass Menschen, die doch nur Frieden wollen, so böse sein können. Doch das hat sich geändert.

Ich steige aus dem Bus, es ist irgendwas um acht und ein wenig Schnee rieselt mir aufs Haar. Gerade will ich meine Kopfhörer aus der Tasche kramen, da bemerke ich euch. Eine Gruppe Männer mit Kapuzen im Schummerlicht der Haltestelle.

Ihr feixt und murmelt etwas, das ich nicht verstehe. Der Bus fährt ab und ihr seid nicht eingestiegen. Irgendetwas an euch ist beunruhigend. Vielleicht die Art, wie ihr euch alle ein wenig zu mir umdreht, während ihr euch Unverständliches zuraunt.

“Cool bleiben!” sage ich mir, “Die meinen dich gar nicht. Du fühlst dich nur so wegen der Panikmache!” – aber mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Ich drehe mich weg, lasse die Kopfhörer aber vorsichtshalber in der Tasche. Auf der Straße ist sonst niemand.

Langsam, mit den Händen in den Jackentaschen, gehe ich los und rede mir selbst gut zu, doch ihr setzt euch auch in Bewegung. Mit ein wenig Abstand zwar, doch ich kann euch hinter mir reden hören.

Ich frage mich, ob ihr zu viert wart, oder zu fünft – traue mich aber nicht, mich nochmal umzusehen. Warum auch? Ihr dürft hier laufen, es ist ein Bürgersteig, der ist für alle da.

Doch ich bin besorgt. Ein nervöses Grinsen huscht über mein Gesicht, als ich den Schritt ein wenig beschleunige. Besorgter-Bürger-Steig. Nein, so eine bin ich nicht. Ihr macht mir keine Angst.

Die Worte meiner Freundin kommen mir trotzdem in den Kopf. “Du unterschätzt die”, mahnt sie mich. Während des Gesprächs hatte ich nur die Schultern gehoben und bemerkt, dass ich bisher erst wenige von euch überhaupt gesehen habe.

Klar weiß ich, was in anderen Städten so passiert ist, aber doch nicht hier bei uns, hier passiert nie was und das andere Zeug war so weit weg – das war ja bloß im Fernsehen, somit irgendwie nicht real. Wer will schon glauben, dass Menschen solche Dinge wirklich tun? Hier bei uns? Nein, nein.

Mein Herz nimmt weiter wilde Fahrt auf, als ich höre, dass ihr schneller geht. Näher kommt. Einer von euch ruft mir etwas zu, doch unter meiner Kapuze und dem Schnee kann ich es nicht verstehen. Es klingt nicht nett.

Mit heißem Atem gehe ich noch schneller, wende den Blick dann doch vorsichtig nach hinten. Einer von euch trägt Nikes. Ich erwische mich bei dem Gedanken: “Wie können die sich so teure Schuhe eigentlich leisten?” In meinem Kopf seid ihr alle arm und benachteiligt und vielleicht, ja, vielleicht auch deswegen so, wie ihr seid.

Während des Laufens sehe ich abwechselnd die linken und rechten Nikehäkchen weiß aufblitzen, umso schneller der Schritt wird, umso mehr sieht es aus wie diese Häkchen bei Whatsapp. Botschaft angekommen. Ich würde mich nicht mal wundern, wenn sie jetzt blau würden.

Denn ich habe in eure Gesichter gesehen. Die Botschaft ist ANGEKOMMEN. Fieses, feixendes Grinsen sagt mir, dass ihr wirklich mich meint.

Einer von euch wirft etwas nach mir, es prallt am Jackenrücken ab und ich vermute, es war eine Zigarette, doch ich traue mich nicht, nochmal den Kopf zu wenden. Ich habe davon gehört, das ihr vor Frauen nicht zurückschreckt.

Ihr kommt in Gruppen und überfallt wehrlose Leute und tut noch viel Schlimmeres. Frauen, Männer, Kinder – das ist euch egal. Ihr sollt sie sogar angezündet haben, sagt meine Freundin. Und niemand tut etwas dagegen. Aber doch nicht hier bei uns. Doch nicht in ECHT.

Die Panik sticht jetzt in meine Seite und ich beginne zu rennen. Der Gedanke, dass ihr mich einholen könntet, macht mich verrückt. Ich ärgere mich, dass ich ihr nicht geglaubt habe, meiner Freundin, und jetzt keuche ich, während ich mich hektisch nach einem Hauseingang umsehe, in den ich fliehen kann.

Ihr beschleunigt auch und lacht über mich, laut und kehlig wie wilde Hyänen.

Vielleicht habt ihr mich dort gesehen? Ich habe meine Freundin auf diese Veranstaltung begleitet. Vielleicht seid ihr aus diesem Reisebus gestiegen, als wir euch erwartet und euch beschimpft haben? Ich stand irgendwo mitten in der Menge, aber vielleicht ist euch mein langes, blondes Haar aufgefallen?

Jetzt wollt ihr es mir heimzahlen, dass ich euch zugeschrien habe, ihr solltet euch verpissen. Dahin zurückfahren, von wo ihr kommt und uns in Ruhe lassen.

Und ich wünsche mir jetzt, ich hätte lauter geschrien. So laut, dass es in den Lungen brennt. So laut, dass sich meine Stimme überschlägt. Aber dafür schreie ich jetzt. Weil ich es unterschätzt habe und weil ich mich dafür hasse. Es ist noch gar nichts passiert. Ihr habt mich nicht erreicht, aber die Angst ist real. Passiert in ECHT.

Die Angst ballt sich in meinem Bauch zu einer Faust. Ja – Dann schreie ich halt hier. Jetzt. In den Schnee. In eure Gesichter. Ich drehe mich also um und öffne den Mund und… schreie.

Ihr seid zu viert. Du mit deinen Nikes trägst ein Shirt mit der Aufschrift “tot den Fickilanten” – darunter befindet sich so ein Strichmännchen am Galgen, mit Afromähne.

Deine Kameraden werden genauso blass wie du, als mein irrer Schrei sie erreicht und dann in ein hysterisches Lachen ausartet. Ihr beschimpft mich als irre Schlampe und meint, ihr wünscht mir, dass mich noch heute einer von diesen “Fickilanten” vergewaltigt.

Ich lache noch lauter. Mittlerweile tuen mir beide Seiten weh von der Anstrengung und ich stemme die Hände in die Hüften, um mich zu stützen. Wahrscheinlich habt ihr recht. Es sieht irre aus.

Ihr spuckt noch auf den Boden, dann dreht ihr euch um und geht. Ich japse und lache und versuche mich zu beruhigen. Es klappt erst, als mir Tränen über die Wangen laufen.

Achja: Ich habe bisher tatsächlich noch nicht einen Flüchtling mit Afro gesehen, aber ich denke, das würde bestimmt gut aussehen."

Dieser Text erschien zuerst auf dem Blog "Reality Creation Station".

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