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23/02/2016 15:38 CET | Aktualisiert 23/02/2016 15:43 CET

So täuschen Muslimas in der Hochzeitsnacht ihre Jungfräulichkeit vor

Leonardo Patrizi via Getty Images
Eine Kerze im Fenster bedeutet in Tunesien, dass die Braut geblutet hat.

Tunesien hat in den letzten Jahren spektakuläre Fortschritte in den Bereichen der Frauenrechte und der Religionsfreiheit hingelegt. 2014 wurde das Land weltweit gefeiert, da es eine Verfassung übernommen hatte, die die Gleichstellung der Frauen wie auch des Glaubens, der Kultur oder des Gewissens thematisiert und garantieren soll.

Während die Gleichstellung von Frauen in Teilen Tunesiens Boden gewinnt, unterliegt der liberalen Fassade ein tiefverwurzelter Konservatismus. So lehnen immer mehr Tunesier eine Hochzeit ab und Experten vermuten, dass die Zahl der Frauen, die bis zur Hochzeit jungfräulich bleiben, sinkt.

Nun hat eine Umfrage in 2013 des Pew Research Center herausgefunden, dass 89 Prozent der Tunesier Sex außerhalb der Ehe weiterhin für "moralisch falsch" halten.

Viele Familien und Ehemänner erwarten von ihrer Braut, dass sie in ihrer Hochzeitsnacht noch Jungfrau ist. Und andersherum werden sie Frauen meiden oder sich für diese schämen, wenn sie bereits Sex vor der Ehe hatte. Das provoziert eine völlig übertriebene Forderung nach dem physischen Beweis der weiblichen Jungfräulichkeit: Das Blut, das manchmal austritt, wenn das Jungfernhäutchen das erste Mal durchbrochen wird.

Viele Menschen im Land pflegen noch immer verschiedene Traditionen in der Hochzeitsnacht, die sich um die Jungfräulichkeit der Braut drehen. Etwa, dass Frischvermählte ihren Familien ein blutiges Laken präsentieren, oder dass der Mann eine Kerze anzündet, welche von außen gesehen werden kann und darauf hinweisen soll, dass die Frau während des Geschlechtsverkehrs geblutet hat.

"Auf der Hochzeit meiner Cousine bat ihr Ehemann uns, einige Minuten vor der Schlafzimmertür zu warten," sagte Rania, eine Einheimische aus der Nord-Westen Tunesiens. "Nach einiger Zeit zündetet er eine Kerze im Fenster an. Es war ein gutes Zeichen. Wir konnten nach Hause gehen. Unsere Cousine war Jungrau. Wir feierten. Die Familien der Vermählten lachten und weinten vor Freude."

Rabeb aus einer Stadt in Kap Bon, einer Halbinsel im Nordosten Tunesiens, erzählte, dass ihre Kosmetikerin ihre befleckten Laken nach der Hochzeitsnacht aufgehoben und dann ihrer Mutter und Schwiegermutter gezeigt hat.

"Ich wäre lieber verblutet, als diese Scham ertragen zu müssen, gar nicht zu bluten." -Imen

Asma, eine Krankenschwester, die in Sahel, in Ost-Tunesien, lebt, wollte diejenige sein, die der Familie ihres Mannes das Laken zeigt.

"In unserer Familie setzen wir die Braut nicht unter Druck. Man hat zwei oder drei Tage Zeit. Es ist verständlich, dass das Paar müde ist," erklärt sie. Trotzdem kann diese Zeitspanne nicht ewig hinausgezögert werden, sonst könnte die Familie "misstrauisch werden".

"Für mich fand es direkt am nächsten Tag nach der intimen Beziehung mit meinem Ehemann statt," sagt Asia. "Ich habe meine Schwägerin angerufen, um ihr das Laken zu zeigen und sagte ihr, sie könne das Laken auch ihrer Mutter, also meiner Schwiegermutter, zeigen. Ich fand daran nichts Verwerfliches, im Gegenteil: Es ist ein Zeichen des Respekts und ist symbolisch."

Andere Frauen sagten, dass der soziale Druck durch diese Rituale ihre Hochzeitsnacht negativ überschattet und ihrem Sexleben generell geschadet hätte.

"Wir mussten ihnen das Laken am nächsten Morgen zeigen, was wir auch taten. Nur war das Laken nicht mit Blutflecken, sondern eher mit einer Blutlache überzogen," erinnert sich eine Frau namens Hauer. "Wir waren so unter Druck und erschöpft von der Hochzeitsfeier, die eine Woche andauerte, aber wir waren gezwungen, es zu tun. Mein Ehemann wurde etwas ungeduldig. Neben den schlimmen Schmerzen, hatte ich auch noch eine schlimme Blutung."

Hajers Mann brachte sie ins Krankenhaus, um die Blutung zu stoppen.

"Ich war immer noch geschminkt und in meinem Negligé," sagte sie. "Ich habe mich so vor dem medizinischen Personal geschämt. Ich war so aufgebracht, dass ich keine Zeit hatte, mich umzuziehen."

"Um in der Machtposition über Frauen/dem weiblichen Körper zu bleiben, geben viele Männer an, den Unterschied zwischen einem echten und gefälschten Jungfernhäutchen zu erkennen." -Raoudha El Guédri

Aber nicht alle Frauen bluten, wenn sich ihr Jungfernhäutchen ausdehnt oder reißt, und es gibt tatsächlich Frauen, die ohne eines geboren wurden.

Imen, eine junge Braut, die ein sehr elastisches Jungfernhäutchen hatte, blutete bei ihrem ersten Mal nicht - und das provozierte Probleme. "Ich wäre lieber verblutet, als diese Scham ertragen zu müssen, gar nicht zu bluten," sagte sie.

Obwohl Imens Verfassung nicht ungewöhnlich ist, kannte ihr Mann sie nicht und war sehr überrascht, dass sie nicht blutete. Er brachte sie am nächsten Tag zu einem Gynäkologen, um prüfen zu lassen, ob sie wirklich Jungfrau war.

"Es war am Morgen nach unserer Hochzeitsnacht... sehr früh," erzählt Imen. "Ich wurde von seiner Schwester begleitet, da jemand aus seiner Familie dabei sein musste."

Dr. Abdelhakim Ben Mansour, ein Gynäkologe, sagte, dass er viele Patientinnen wie Omen hat: Frauen, die von ihren misstrauischen Ehemännern begleitet werden, die fragen, warum ihre Frauen nicht geblutet haben.

"In diesem Fall erklären wir den Frauen, dass ihr Jungfernhäutchen elastisch ist, was das Ausbleiben von Blut erklärt," sagt er. "Wenn sie schon Sex gehabt hätte, wüsste sie es. Es ist nicht an uns, es ihren Ehemännern zu sagen. Wir sind an die ärztliche Schweigepflicht gebunden. Unsere Pflicht ist es, unsere Patienten zu schützen."

Raoudha El Guédri hat den sozialpolitischen Gebrauch des Körpers im post-revolutionären Tunesien studiert. Sie erklärt, dass es keine Verbindung zwischen dem sozioökonomischen Status und ihre oder seine Einstellung oder Praktiken gegenüber des Jungfräulichkeitsthemas gibt.

"Wenn man um das Gewicht der Tradition weiß und dass kein Mann dich danach heiraten wird, sucht man eben nach Tricks, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, ohne sich (oder seine Jungfräulichkeit) bloßzustellen." - Mayssa

Trotzdem, "sind Männer keine Idioten", sagt El Guédri, die für ihre Forschung Berichte von Männern über ihre Hochzeitsnacht sammelte. Viele gaben zu, zu wissen, dass sie keine Jungfrauen heirateten und dass viele Frauen sich dazu entschließen, ihr Jungfernhäutchen operativ zu rekonstruieren.

Die Operation, die das Jungfernhäutchen wieder zusammenfügt, um die Beweise vorangegangen sexueller Aktivität zu verschleiern und eine Blutung während des Geschlechtsverkehrs zu provozieren, ist sehr beliebt unter arabischen Frauen. Denn sie fürchten sich davor, von ihren Familien und der Gesellschaft verbannt zu werden, weil sie gegen das Tabu des vorehelichen Sex verstoßen.

"Um in der Machtposition über Frauen/den weiblichen Körper zu bleiben, geben viele Männer an, den Unterschied zwischen einem echten und einem gefälschten Jungfernhäutchen zu erkennen," sagt El Guédri.

"Manche Männer akzeptieren lieber ein gefälschtes Jungfernhäutchen, anstatt zuzugeben, dass ihre Partnerin bereits entjungfert wurde," fügt sie hinzu. "Einige sagen, sie würden vorehelichen Sex kategorisch ablehnen, während andere es vorziehen, keine Fragen über das Sexleben ihres Partners zu stellen, eben wegen der Komplexität des Themas."

Einige unverheiratete Partner wählen Intimität ohne Penetration.

"Wenn man um das Gewicht der Tradition weiß und dass kein Mann dich danach heiraten wird, sucht man eben nach Tricks, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, ohne sich (oder seine Jungfräulichkeit) bloßzustellen. Etwa Petting oder alternativen Befriedigungsmöglichkeiten," sagt eine tunesische Frau, Mayssa.

Andere lassen sich auf alternative Sexarten ein, damit ihr Jungfernhäutchen intakt bleibt.

Hana, 28, jetzt verheiratet, sagt, dass sie vor ihrer Ehe bereits Analsex hatte. Ich wollte meinem Ehemann die Jungfräulichkeit bieten können," sagt sie. "Ich hatte nicht um meinetwillen Analsex, sondern, um die Bedürfnisse meines Freundes zu stillen. Er war der Einzige, mit dem ich es getan habe."

Ridha, ein 29-jähriger Mann sagte, er hätte sich auf Analsex beschränkt, um die Jungfräulichkeit seiner Partnerinnen zu "sichern".

"Sie hatten Angst, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren, deshalb fragten sie mich, ob wir Analsex haben könnten, eine Stellung, die ich sehr gern mag," sagt er. "Sie fanden es nicht immer gut, aber sie gewöhnten sich daran und irgendwann sagten sie sogar, sie hätten auch etwas Befriedigung empfunden."

Obwohl die sozialen Erwartungen rund um die jungfräuliche Hochzeitsnacht die sexuelle Lust beider Partner beeinträchtigt, trifft es letztendlich doch die Frauen, denn ihre Körper und Aktivitäten werden in höchstem Maße kontrolliert.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der HuffPost Tunisia und der HuffPost US und wurde von Katharina Geiger aus dem Englischen übersetzt.

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