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Wut-Bürger attackieren Flüchtlinge in Clausnitz: So halten wir dagegen

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CLAUSNITZ
In Clausnitz haben Gegner eines Asylbewerberheims versucht, einen Bus ankommender Flüchtlinge zu blockieren | dpa
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Natürlich: Die Ereignisse von Clausnitz müssen all jene fassungslos machen, die nicht nur ein Mindestmaß an Intelligenz im Kopf, sondern auch mehr als zwei Gramm Herz in der Brust haben.

Da wird ein ein Bus mit dem zynisch leuchtenden Schriftzug „Reisegenuss“ von einem pöbelnden Mob in der winterlichen Finsternis der sächsischen Provinz in Beschlag genommen. Ihnen wird der einst so positiv besetzte Slogan „Wir sind das Volk“ wie eine Alternativlosung zum klassisch-deutschen „Sieg Heil!“ entgegen gebellt.

An diesen Menschenschlag dachte wohl Frauke Petry

Und dann erst das Verhalten der Polizei: Erwachsene, trainierte Männer mit Nahkampfausbildung und Vollkörperschutz sehen im provokativen Verhalten eines Jungen eine solche Bedrohung für Flüchtlinge und sich selbst, dass sie „völlig angemessenermaßen“ Gewalt anwenden und den völlig verängstigten Buben aus dem Bus zerren, nur ihn Sekunden später wie einen Sack Zement in das Treppenhaus eines zur Vorhölle mutierten Asylbewerberheims zu werfen.

Ein Willkommensgruß im Deutschland des Jahres 2016. Und man bekommt eine Ahnung davon, welchen Menschenschlag AfD-Chefin Frauke Petry da im Auge hatte, als sie sich ballernde Schutzmänner zur Versiegelung der deutschen Außengrenzen herbeiwünschte.

Im Netz tobt der rechte Mob

Während der Polizeichef von Chemnitz das alles vollkommen okay findet, und bekannt wird, dass der Heimleiter mit dem bezeichnenden Namen „Hetze“ AfD-Mitglied ist, tobt im Netz der rechte Mob und unterstellt Medien eine „Hetzkampagne“ gegen die „besorgten Bürger“ des Erzgebirges.

Etwa auf der Facebookseite des rechten Bündnisses „Döbeln wehrt sich“, wo am Freitag das Video von dem Vorfall zuerst und damals noch voller Stolz veröffentlicht wurde (bevor es dann kurze Zeit später dort wieder verschwand).

Rechte hetzen auf Facebook

Zitat: „Jetzt, angesichts der Zahlen des letzten Jahres (1.000.000), angesichts der "Rapefugees" in deutschen Städten und der Bevorzugung der Neuankömmlinge gegenüber Deutschen verstehen wir den Widerstand dagegen als geradezu natürlichen Akt. (…)

Also können wir nur sagen, dass all diese Lügner, Verräter und Heuchler ihren Mund halten sollen, den Unrat in ihrem Kopf bei sich behalten dürfen und uns, als Vertreter der Seite 'Döbeln wehrt sich' gerne mal da lecken dürfen, wo die Sonne nicht hin scheint.“

Wenn die Presse ihren Müll über unserer Stadt auskippt:Es ist keine zwölf Stunden her, als wir mit dem Video eine "...

Posted by Döbeln wehrt sich - Meine Stimme gegen Überfremdung on Freitag, 19. Februar 2016

Das, was wir da im Verlauf der Ereignisse von Clausnitz zu sehen und zu hören bekommen haben, war eine Vorahnung davon, wie hässlich dieses Land aussehen könnte, wenn erst einmal jene weiter an Boden gewinnen, die bei Facebook gerne mal die Seiten von Tierschutzorganisationen liken, aber auf Humanismus und Nächstenliebe einen feuchten Kehricht geben.

Natürlich, man kann sich jetzt wieder laut und öffentlich darüber empören, „in was für einem Land wir eigentlich leben“. Aber diese Form der Erregung führt die Befürworter einer menschlicheren Flüchtlingspolitik in eine Sackgasse. Denn Empörung allein bietet kein wirkungsvolles Gegengift gegen die immer selbstbewusster und frecher auftretende Menschenverachtung auf deutschen Straßen.

Gegner der Hetzer müssen ihre Stimmen erheben

Die Menschenhasser haben derzeit leider einen Diskursvorteil. Sie verfügen über die stärkeren, weil angstbesetzten Zukunftsbilder. Mit der Furcht vor Überfremdung und der schrittweisen Zerstörung der öffentlichen Ordnung in Deutschland schaffen sie es, bis weit in die bürgerliche Mittelschicht hinein Sympathien zu gewinnen.

Das ist ein unhaltbarer Zustand für jeden Demokraten.

Gerade jetzt, im Vorfeld der Landtagswahlen am 13. März, müssen die Gegner eines solch gefährlichen Ideologiegemischs aus Hass und Halbwahrheiten zeigen, dass sie dem etwas entgegenzusetzen haben.

Mit sieben Punkten in den Kampf um die Köpfe der Deutschen

Es ist Zeit für einen konkurrenzfähigen Zukunftsentwurf, der attraktiv genug ist, um den Kampf um die Köpfe der Deutschen zu gewinnen.

  1. Es reicht nicht mehr darauf zu beharren, dass alles am Ende gut ausgehen wird. Dass Deutschland eines der reichsten Länder der Welt ist, und „es“ deswegen „schaffen“ wird.
  2. Empörung ist ebenfalls kein hinreichendes Mittel mehr, um gegen den Hass anzukämpfen. Wir müssen menschenfeindlichen Parolen widersprechen, wo wir sie treffen. Und sei es daheim am eigenen Küchentisch oder abends in der Kneipe mit Freunden.
  3. Die Justiz muss endlich aktiv werden im Kampf gegen den Menschenhass. Oft kann sie das nur, wenn Anzeigen vorliegen. Und deswegen müssen solche Vorfälle polizeibekannt werden.
  4. Die Bundeskanzlerin muss endlich klar machen, wie wir die Integration der Flüchtlinge hinbekommen können. Bisher skizziert sie zwar sehr konkret, wie sie den Zustrom von Flüchtlingen reduzieren will. Was aber mit denen passiert, die bereits in Deutschland sind, ist auch ein halbes Jahr nach ihrer Kehrtwende in der Asylpolitik weitgehend unklar.
  5. Jeder von uns hat die Verantwortung, eine positive Zukunftsvision selbst zu leben. Die Flüchtlingshilfe ist angesichts der jüngsten Ereignisse wichtiger denn je.
  6. Wir müssen uns organisieren, so wie sich die Menschenhasser in Deutschland bereits organisiert haben. Sonst wird es kaum möglich sein, Druck auf die für die Flüchtlingsunterbringung zuständigen Kommunalpolitiker auszuüben.
  7. Es muss klar sein, welches Deutschland die Alternative wäre, falls Parteien wie die rechtsradikale AfD weiterhin an Zuspruch gewinnen. Es wäre ein enthemmtes und entmenschlichtes Land, das wir nicht mehr wiedererkennen würden. Und dann wären die Ereignisse von Clausnitz nur der sanfte Auftakt gewesen.

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